Kernenergie 09.01.2009, 19:39 Uhr

Kernreaktoren in Portionshäppchen zerlegt

Im vorpommerschen Lubmin arbeiten Spezialisten der Energiewerke Nord (EWN) an dem weltweit größten Rückbau einer Kernenergieanlage. 2,1 Mio. t Stahl und Beton müssen sicher demontiert werden. Wiedernutzbare Teile werden dekontaminiert und für neue Verwendungen freigemessen. Brennelemente und andere stark belastete Rückstände des größten DDR-Kernkraftwerkes wandern ins benachbarten Zwischenlager Nord.

Ein Außerirdischer? Der erste Blick in die abgeschirmte Wasserstrahlkabine erinnert an Science-Fiction-Filme. Doch der Mann im braunen Overall, der über die Kapuze noch eine große Klarsichthaube gestülpt hat, leistet harte Arbeit. So hart wie der Wasserstrahl aus einer Spritzdüse, der mit 2000 bar auf ein Gussteil prallt. Umgeben von Sprühnebel reinigt der Kapuzenmann akribisch die Oberfläche des Metallstücks. Es gehörte einst zu einem der Reaktorblöcke. Ringsum warten weitere Teile auf jene Prozedur, die sie strahlenfrei machen soll.

„Den Schutzanzug trägt er aber nicht wegen der Strahlung, sondern weil er stundenlang in dieser Dunstwolke steht“, versichert Marlies Philipp, die von außen zuschaut. Was hier in der Zentralen Aktiven Werkstatt (ZAW) lande, falle unter „sonstige feste radioaktive Reststoffe“, erläutert die diplomierte Werkstofftechnikerin. Es handele sich um schwach- bis mittelradioaktive Abfälle, wie sie beim Rückbau der fünf Lubminer Reaktorblöcke anfallen. Teils kämen die Sachen auch aus Rheinsberg bei Berlin 1966 das erste deutsche Kernkraftwerk. Beide bildeten einst den VEB Kernkraftwerke Bruno Leuschner.

Die ZAW ist eine zweischiffige Halle mit 2800 m² Grundfläche. Vor 1990, als die Druckwasserreaktoren des KKW Greifswald noch 11 % des DDR-Stroms erzeugten, wartete man hier kontaminierte Anlagenteile vor der Jahresrevision. Da und dort steht noch eine alte Drehbank. Lkw-taugliche Einfahrten und ein Schienenstrang führen auf die Materialschleusen zu.

Nun dominiert indes spezifische Konditionierungstechnik. Man passiert hydraulische Scheren, abgeschottete Zerlegekabinen, imposante Bandsägen. Große Turbinenteile, die die Sägen zu händelbaren Portionen filetieren, schweben übers Dach ein. Jeder der beiden Hallenkräne bewegt bis 32 t.

Die Aufgeräumtheit in der Halle überrascht. Jeder Gast muss hier einen weißen Overall überstreifen, ehe er in die gut gesicherten Bereiche darf. So ist er schnell als Fremder auszumachen – gegenüber den „Braunen“, die mechanische Arbeiten verrichten, und den Leuten vom Strahlenschutz in ihrer grünen Kluft.

In einer Brusttasche steckt ein kleines Kästchen – das Dosimeter. Es misst, wie viel Strahlung einen womöglich während der Visite ereilt. Sicherheit ist erstes Gebot. An den Hallenwänden lassen sich Ampellampen ausmachen. Sie müssen permanent grün leuchten. „Springen sie auf Gelb, sind unverzüglich alle Arbeiten einzustellen“, betont die 52-jährige Ingenieurin.

Durch das stark zugesetzte Fenster einer Kabine sieht man schemenhaft Gestalten hantieren. Ihre Schutzanzüge erinnern an Tiefseetaucher. Die langsamen, bedachten Bewegungen verstärken noch den Eindruck, erst recht die Schläuche, die den Männern Fremdluft unter die Kopfglocken leiten. Immer wieder zucken Lichtbögen durchs Bild. „Es ist eine thermische Trennkabine“, erläutert Philipp. In ihnen werde generell nur zu zweit gearbeitet. Safety first!

Handliche Gitterboxen sind hier das Maß aller Dinge. In ihnen wandern die zerlegten und behandelten Kraftwerksrelikte schließlich zur Freimessanlage. Hochsensible Gammadetektoren bescheinigen ihnen hier, ob sie als minimal oder gar unbelastet zum Schrotthändler oder auf die Deponie dürfen. 0,1 Becquerel/g bedeuten bedingungslose Freigabe, mit 1 Bq/g geht es in den Schrott. Bei hochwertigen Stählen lohne der Aufwand allemal, beteuert die Expertin. Der Altmetallverkauf bringe den bundeseigenen EWN jährlich hohe Summen ein, heißt es, ohne Zahlen nennen zu wollen.

Also heißt es schrubben, was das Zeug hält. Wo Wasserdruck nicht hilft, muss es 60 %ige Phosphorsäure richten. Oder elektrolytische Bäder bei Gleichstromstärken bis 2000 A. Oder Trockenstrahlen mit Hartgussgranulat danach sehen die Teile fast wie neu aus.

Mit diesem Konzept habe man die Ausschreibung für den Rückbau gewonnen: Die Greifswalder demontieren die Reaktorblöcke nicht kleinteilig vor Ort, sondern bauen große Einheiten aus, die sie erst später zerkleinern. Das spare viel Zeit und damit Geld. Doch auch so kostet dieser weltweit größte Serienabbau von Atomreaktoren stolze 3,2 Mrd. €. „Rund 100 t jährlich werden in der ZAW zersägt, gereinigt und gemessen“, erzählt Philipp.

Aus den Kraftwerkern von einst wurden Kraftwerkszerleger. Die Truppe besteht fast nur aus den Ingenieuren und Technikern, die bis 1990 in Lubmin die Kernspaltung betrieben. Von 5000 blieben um die 2000 übrig.

Marlies Philipp war Spezialistin für das Korrosionsgeschehen, besonders bei den Dampferzeugern und im Maschinenhaus, bevor sie als verantwortliche Ingenieurin für Strahlenschutz an die Freimessanlage wechselte und später Chefin für Öffentlichkeitsarbeit wurde.

Wirklich glücklich darüber, wie sich alles fügte, wirkt sie nicht. Es sei eine politische Entscheidung gewesen Lubmin abzureißen, teilt sie die Ansicht vieler Kollegen. Denn die russischen Reaktoren wären technologisch durchaus nachzurüsten gewesen – durch moderne Leittechnik, ein Sichtsystem oder zusätzliche Brandabschottungen. In Finnland und Osteuropa liefen sie damit bis heute.

Reaktorteile, so klein portioniert, lassen leicht die Vorstellung von der gigantischen Leistung verblassen, die hier in Lubmin zu stemmen ist. Also kurz eine Zwischenvisite in Block 6. Der stand 1989 kurz vor der Bestückung mit Brennelementen. Dann ging er doch nicht mehr ans Netz ging. Ex-Kraftwerker führen hier nun Neugierige bis ins Herz des Reaktors.

Schon auf dem Weg dorthin ragen hinter hohen Betonmauern Berge an kontaminierten Metallschrott empor. Sie haben noch ihre reinigende Prozedur vor sich. Auch im Block 6 passiert die Route tonnenschwere Stahlschotte, Kilometer an Metallgestängen und Kühlwasserumwälzpumpen, die sich zwei Stockwerke hoch recken. Den Clou bilden sechs monströse Dampferzeuger, die von der Decke herabhängen.

Hartmut Schindel, einst Schichtmeister bei der Konditionierung radioaktiver Reststoffe, führt durch das Labyrinth. 29 Jahre sei er hier tätig gewesen, erzählt er. Der Frage nach der radioaktiven Gefahr begegnet er indes lächelnd mit einem Verweis auf sein Dosimeter am Revers. „Bisher 106 Millisiever – als wenn man in der Computertomografie vier-, fünfmal in die Röhre geschoben würde.“

Angst vor Radioaktivität hätte denn 1995, als der Rückbau begann, keiner gehabt, bestätigt Philipp. Angst vor Arbeitslosigkeit schon. So kniete sich die Restbesatzung beispiellos in die neue Arbeit. Heute verfügt sie über weltweit einzigartige Erfahrung. EWN-Spezialisten arbeiteten in zwölf Kerntechnikprojekten der EU mit. Unter ihrer Regie werden russische Atom-U-Boote verschrottet und der Jülicher Forschungsreaktor zerlegt.

Es geht zur nächsten Station: das Zwischenlager Nord (ZLN), das in den 1990er Jahren für die ganz schweren Patienten entstand. Das Zwischenlager ist ein Hochsicherheitstrakt. Wieder heißt es umziehen, mehrere Schleusen passieren, in einer Messkabine Haltung annehmen. Man wird auf Waffen gefilzt, erhält einen persönlichen elektronischen Pass.

Nur große Fenster erlauben Einblicke in Kammern, Caissons genannt, in denen ferngesteuerte Greifer und Europas größte Horizontalbandsäge schwer verstrahlte Großteile zerlegen: Dampferzeuger, Wärmetauscher, Druckbehälter. Wie einen Baumkuchen tranchieren sie sie erst in Ringe, dann in Stücke. Pro Kessel dauere das gut ein halbes Jahr, erzählt die Ingenieurin.

In anderen Caissons verdampfen radioaktive Wässer, werden nukleare Reststoffe zu endlagerfähigen Gebinden verdichtet oder von den muskulösen Zangen der Schrottschere „Mars“ geschreddert. Kameras beobachten jede Phase. Die Männer, die in dem strahlenbelasteten Umfeld die Technik präparieren, sind nicht zu beneiden. Sie tragen schwere Schutzanzüge, bekommen den Sauerstoff für ihr schweißtreibendes Tun über Atemmasken zugeführt.

Doch echter Gefahr seien sie nie ausgesetzt, betont Marlies Philipp. Wie beim Ausbau und Zerlegen der stark kontaminierten Reaktordruckbehälter, in denen dereinst die atomare Kettenreaktion tobte, erfolge jede riskante Tätigkeit ferngesteuert.

Das Zwischenlager besteht aus acht hohen Hallen, die sich über 200 m lang aneinander reihen. Größere und kleinere Kraftwerkskomponenten, aber auch einige der 165 t schweren Dampferzeuger harren hier ihrer Zerlegung. Alle sind sie kunterbunt überstrichen.

Mit Ästhetik hat das nichts zu tun. „Bleiben Sie nicht so lange dort stehen, sie strahlen ab“, warnt die Ingenieurin. Die Farbschicht überlagere nur ihre kontaminierten Oberflächen. Denn über die Jahre hätten die bei der Kernspaltung freigesetzten Neutronen das Metall praktisch angesteckt: „Nun ist es selbst radioaktiv.“ Das erkläre die kleinen Bälle an den Hallenwänden, die permanent die Neutronenstrahlung messen.

Für den Zugang zur Halle 8 war sogar eine ministerielle Genehmigung nötig. Ein Wachmann weicht nun nicht mehr von der Seite. Hoch oben von der Decke spähen blaue Kameras von Euratom ins fast leere Geviert. Denn hier ruhen sie, die 65 Castore. Jene Behälter für die gut 5000 Brennelemente mit ihren 37 cm dicken Wänden aus Gusseisen mit Kugelgraphit, in der Wandung zusätzliche Kunststoffeinlagen gegen Neutronenstrahlung. „Die sind bombensicher!“, versichert die Werkstofftechnikerin. „Da kann selbst ein Flugzeug draufstürzen.“

Aufgereiht wie chinesische Terrakottakrieger stehen sie da in Dreierreihe und blicken harmlos drein. Bis 40 Jahre sollen sie hier lagern, ehe es ins Endlager geht; nach Gorleben oder in den Schacht Konrad. Doch auch hier nirgends Angst bei den Mitarbeitern. Dabei strahlen auch die blauen Riesenfässer leicht ab. „Wir verbringen nicht mehr Zeit als nötig in ihrer Nähe, und ab 2 m Abstand herrscht keine Gefahr“, so Marlies Philipp.

Ein Stückchen Hoffnung erstrahlt in diesen Tagen am Greifswalder Himmel. Der Rückbau des Kernkraftwerks geht einher mit einer Revitalisierung des Industriestandortes Lubmin. In die ersten „sauberen“ Hallen zogen neue Firmen ein, auch im Umfeld tut sich einiges. Ein Biodieselkraftwerk arbeitet schon ab 2009 planen E.on und Gazprom ein neues Gasheizwerk. Die deutsch-russische Ostseepipeline soll hier mal anlanden. Man hofft auf bis zu 800 Arbeitsplätze. HARALD LACHMANN

  • Harald Lachmann

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