Energie 13.07.2001, 17:30 Uhr

Kamalas Weg zur Sonne

Notorische Stromdefizite hemmen die wirtschaftliche Entwicklung – eine Chance für erneuerbare Energien.

Bleiern lastet die sommerliche Hitze über der rotbraunen Ebene im nordwestindischen Bundesstaat Gujarat. Im Schatten strohgedeckter Lehmhütten dösen Ochsen, Kinder plärren, Frauen in roten Saris stampfen Gewürze, Männer paffen Wasserpfeifen. Trotz relativ hoher Industrialisierung scheint in Gujarat auf dem Lande die Zeit stehen geblieben zu sein: Wie ihre Vorfahren sucht Kamala täglich stundenlang Feuerholz, da ihr wie Abermillionen Indern Kerosin als Brennstoff zu teuer ist. Vor jeder Mahlzeit bläst sie mühselig das Feuer vor ihrer Lehmhütte an, bis die Flammen unter dem Blechtopf lodern.

Oft denkt Kamala ans Nachbardorf, wo die Ärztin Sangamitra Desai mit der Sonne im „Mega-Blechteller“ kocht. Der glitzernde Metallschirm aber wird für sie ein Traum bleiben: Schließlich zahlte die Ärztin für ihren „Sk 14 Solarkocher“ der Altöttinger Entwicklungsgruppe EG Solar mit 225 DM mehr als den vierfachen Durchschnittsverdienst einer indischen Bauernfamilie.

„Für jemanden mit 50 DM Monatseinkommen ist der SK14 zu teuer“, weiß auch Desai. Deshalb entwickelte sie mit dem ECO Center ICNEER im Städtchen Vasad ein zinsfreies Kleinkreditkonzept. Die Salzburger Bildungswerke sammelten bei Schulen Gelder für 50 Solarkocher ein, die das Land Salzburg auf 100 Kocher verdoppelte. Zusammen mit Zuschüssen des indischen Staats und dem Kleinkreditkonzept konnten 200 Kocher angeschafft werden, die das ICNEER momentan in Lizenz baut. Zugleich wählt das lokale Bildungswerk rund um die zentralindischen Industriestadt Indore arme Bauernfamilien aus, die den SK14 in Monatsraten von zwei bis fünf Mark abstottern.

Im Energieverbrauch spiegelt sich die Kluft zwischen Arm und Reich: Wohl sind 85 % der 580 000 Dörfer Indiens elektrifiziert, doch nur ein Drittel der Haushaltungen hat einen Stromanschluss. Ebenso haben rund 350 Millionen Inder pro Tag weniger als zwei Mark zum Leben, weshalb Frauen und Kinder auf dem Land täglich Kuhdung und Brennholz zum Kochen sammeln müssen. Seit den 80er Jahren schmilzt Indiens Waldbestand bedrohlich, nach Satellitenbildern sind nur noch weniger als 20 % der Landesfläche bewaldet. „Das Ausmaß der Brennstoffkrise in den meisten Entwicklungsländer ist groß“, mahnt EG-Solar-Gründer Dr. Dieter Seifert.

Guter Rat ist teuer. „Bis 2006 soll die Anzahl der Biogasanlagen in Indien vervierfacht werden“, erklärt Ved Mitra, Berater des indischen „Bundesministeriums für unkonventionelle Energien“, kurz MNES. Mit Biomasseenergie will MNES die Verödung der Gangestiefebene, die Desertifikation der Staaten Rajasthan und Gujarat sowie den Raubbau am Wald eindämmen.

Neben Bevölkerungsdruck, Bürokratie und Korruption verschärft primär Schlampigkeit das Energiedefizit: Rund 70 % des erzeugten Stroms wird gestohlen, verloren, subventioniert oder verschenkt. Demgemäß schnellten 1999 die Verluste der bundesstaatlichen Energieversorgungsunternehmen auf 10,5 Mrd. DM, das entspricht 1 % des Volkseinkommens. Sogar in Großstädten wie Delhi und Mumbai sind stundenweise Blackouts wegen Strommangel normal. „Seit 1990 verfünffachten sich Indiens Stromverluste auf rund 30 %“, bekennt Energieminister Suresh Prabhu. Zugleich fiel der Ausnutzungsgrad der Kraftwerke mangels Instandhaltung national auf 64,7 %.

Am 2. Januar gipfelte die Energiemisere im totalen Zusammenbruch des nördlichen Stromversorgungsnetzes: Für 24 Stunden hatte ganz Nordindien keinen Strom, waren die Telefonanschlüsse tot und stand der Eisenbahnverkehr still. Indiens Volkswirtschaft kostete der Mega­blackout zwar über 150 Mio. DM und doch, so scheint es, bleibt alles beim Alten.

„Im energiehungrigen Indien muss Solarenergie höchste Priorität haben“, fordert A.K. Vora, Geschäftsführer des asiatischen Solarbranchenführers Tata BP Solar, „doch dem Staat sind kohlebefeuerte Kraftwerke wichtiger als Ökostrom.“ 1999 trugen daher regenerative Energien nur 1603 MW oder rund 1,5 % zur Gesamtenergieproduktion bei. „Aus Budgetgründen förderten wir in Küstengebieten bisher nur Windenergie und im Inland Biomasse“, so Ved Mitra.

Doch das Bild ändert sich. Nach der Erdölkrise der 70er Jahre löste das Interesse betuchter Inder an grünen Energiequellen einen Boom der Solarwarmwasseraufbereiter aus, und das MNES will zunehmend die kapitalintensive Solarenergie erschließen.

Einer der führenden Hersteller von Solarwarmwasseraufbereitern ist in Südindien K.E. Ragunaathan, Geschäftsführer der Solker Industries in Chennai, der im Joint Venture mit dem Jülicher Forschungszentrum „Schwarzer Flachkollektorenkocher“ für Kantinen baut und vertreibt. Ihr Durchbruch ist eine Preisfrage. „Sobald wir hochwertiges Kupfer lokal beziehen können, verbilligen sich die Kocher um rund 30 %“, betont Ragunaathan.

Seit 1998 baut MNES in allen Klimazonen Solar-Modellhäuser wie das 200-Betten-Krankenhaus im Himalaya­­städtchen Rampur oder ein Bürohaus in Kalkutta. Dank optimaler Nutzung lokaler Klimabedingungen und ausgefeilter Lüftung ist dort die Raumtemperatur sommers wie winters komfortabel – ein für Indien eher unbekannter Luxus. „In Westindien wurden die Prinzipien passiver Solararchitektur schon in die Bauverordnung aufgenommen“, betont Mitra.

Im Bau sind auch Indiens erste thermische Müllkraftwerke. Ihr Potential ist immens: Aus jährlich 30 t Feststoffabfällen und 440 Mio. m3 Abwässer der Städte könnten 1000 MW und aus Industrieabfällen weitere 700 MW gewonnen werden. Momentan prüft MNES auch die Effektivität solarthermischer Kläranlagen für Industrieabwässer und Bodensolarisation durch UV-resistente Polyethylenfolien als Alternative zum chemischen Pflanzenschutz.

Trotz konstanter Informationskampagnen seit 1982 wurden in Indien bisher erst rund eine halbe Million Solarkocher verkauft – die meisten so genannte Boxkocher. „Indische Mittelstandsfamilien können sich zwar Boxkocher ab 60 DM leisten“, betont Seifert, „doch der Großteil der Bevölkerung, die Solarkocher am dringendsten braucht, haben dafür kein Geld.“ Ein Kocher sollte nach seiner Ansicht nicht teurer als 20 DM sein, was rund einem Zehntel der Herstellungskosten entspricht.

„Solarkocher für Großfamilien und dörfliche Institutionen müssen effizient und preiswert sein“, fordert auch Ved Mitra. Dabei darf es auch etwas größer sein: Auf dem nordwestindischen Berg Abu baute die Gesellschaft für technologische Zusammenarbeit, Eschborn, 1996 in der Großkommune (Ashram) Brahma Kumaris für 100 000 DM einen Solardampfkocher mit 650 kg Dampfleistung, der 1000 Mahlzeiten zubereitet. Im Tal betreibt die Kommune die weltgrößte Solarküche mit über 800 m2 großer Spiegelfläche, die 3500 kg Dampf zum Garen von 35 000 Mahlzeiten pro Tag erzeugt. Und im südindischen Pilgerort Hubli baut der Ashram eine Anlage, die ab September 1200 Essen pro Tag kochen wird.

Langsam mausert sich nun die Solarenergie vom Statussymbol der Reichen zum Primus der indischen Ökoenergie. Doch bis so arme Inderinnen wie Kamala sich Solarkocher leisten können, ist noch ein langer Weg. „Dank selbstlosem Einsatz deutscher Solarenergie-Entwickler wie Dieter Seifert werden Solarkocher in Indien immer besser und billiger“, summiert Deepak Gadhias vom ECO-Center ICNEER, „was eine CO2-Minderung auch in armen Ländern zum Greifen nahe bringt.“

 

Vorzeigeprojekt

Sonne satt in
den Sunderbans

Indiens Meisterstück der Solarenergienutzung ist Sunderbans im Gangesdelta, ein 9629 km2 großes Ökosystem von Mangrovensümpfen, Inseln und Wasserwegen.

„Mit Staatssubventionen und Weltbankdarlehen bauen wir seit 1994 in den Sunderbans eine solide Infrastruktur basierend auf Solarenergie auf“, summiert S.P. Gon Chaudhuri, Direktor der Westbengal State Renewable Energy Development Corporation. Vor allem die beispielhafte photovoltaische Elektrifizierung zieht seit Jahren Wissenschaftler aus aller Welt zur 300 km2 großen Insel Sagar an der Südspitze von Sunderbans, wo in 16 Dörfern rund 150 000 Menschen leben. In den nächsten zwei Jahren wird die „Sonnenenergie-Insel“ Sagar ihre Ökostromversorgung von 1610 kW durch die Erschließung der Wind- und Gezeitenenergie auf 8500 kW mehr als verfünffachen. Um

Dieter Seifert

Ein Leben für Solarkocher

Rund 2 Milliarden Menschen sind auf Brennholz angewiesen, um kochen zu können. Der natürliche Holznachwuchs kann dem Tempo der Abholzung aber nicht standhalten. Die Folge: Bodenerosion, Absinken des Grundwassers, Wüstenbildung in ehemals fruchtbaren Gebieten. Dr. Dieter Seifert, Verfahrenstechniker aus Altötting, hat schon vor 16 Jahren eine Alternative entwickelt: preiswerte und leicht montierbare Solarkocher, bei denen ein Parabolspiegel die Sonnenstrahlen auf einen schwarzen Topf im Brennbereich konzentriert. Unter anderem entwickelte er den „SK14“, dessen Bausätze Seiferts Entwicklungshilfeverein EG Solar weltweit vertreibt. Damit lassen sich nicht nur Mahlzeiten zubereiten und Wasser abkochen, sondern auch Heizenergie beispielsweise für Färbereien und Flechtarbeiten bereitstellen. „Allerdings gab es in Deutschland lange Zeit keinerlei Unterstützung für meine Idee“, sagt Seifert. Bis heute sind weltweit erst 15 000 dieser Kocher verkauft – 200 Millionen sollen es werden. Jetzt hofft er auf die kommenden Klimaverhandlungen in Bonn. Dort will er direkt im Tagungshotel seine Solarkocher präsentieren. Die Kocher nämlich sind in seinen Augen ideal für Projekte nach dem Clean Development Mechanism (CDM). Hinter CDM steckt die Idee, dass große und reiche CO2-Emittenten in Projekte investieren, bei denen mit relativ wenig Mitteln viel Treibhausgase eingespart werden können. „Damit wird Klimaschutz für alle Seiten bezahlbar“, sagt Seifert. Und effektiv: Durch die Nutzung des Solarkochers können 1 bis 10 t CO2 pro Jahr eingespart werden. Ein Hersteller in Norddeutschland will in Zukunft Kocher-Bausätze für 100 bis 200 DM in Serie liefern. Einen gewichtigen Befürworter konnte der ehemalige Senior Engineer von Wacker Siltronic gewinnen: Im April verlieh der Bundespräsident Dieter Seifert für sein Engagement das Bundesverdienstkreuz. cf

Haben Sie Interesse, die Solarkocher-Aktion zu unterstützen? Dann mailen Sie an eg-solar@t-online.de

 

Ein Beitrag von:

  • Urs Müller

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