Energie 18.08.2000, 17:26 Uhr

Kalifornien ohne Strom

In Kalifornien laufen die Klimaanlagen auf Hochtouren, die Konjunktur brummt. Beim Strom kommt es nun zu Engpässen, denn die Versorger haben seit Beginn der Deregulierung nur wenig in neue Energieanlagen investiert.

Der hoch entwickelte Agrar- und Hightechstaat Kalifornien steht am Rande einer Energiekrise, wie es sie seit den Ölpreisschocks der 70er Jahre nicht mehr gegeben hat. Nur trifft es diesmal nicht die beinahe als Grundrecht eingeforderte billige Verfügbarkeit von Benzin und Diesel, sondern die lange Zeit als ebenso günstig und preisstabil vorausgesetzte Versorgung mit Elektrizität.
Als Erste bekamen das in diesem heißen Sommer die 1,2 Mio. Haushalte und Small-Business-Betreiber in der südkalifornischen Grenzstadt San Diego zu spüren: Ihre Stromrechnungen sind plötzlich auf das Zwei- oder Dreifache hochgeschnellt. Für viele Ältere mit schmalem Einkommen eine alarmierende Entwicklung. Denn sie hatten vor vier Jahren gutgläubig die Deregulierung des kalifornischen Strommarktes mitgetragen. Damals wurde ihnen eine generelle Tarifsenkung von 10 % versprochen – sie wurde über eine Staatsanleihe finanziert.
Jetzt sind diese voreiligen Versprechungen zerplatzt wie eine überhitzte Glühbirne. Und die Suche nach den Schuldigen in Politik und Wirtschaft ist im Gange – im anlaufenden Präsidentschaftswahlkampf keine leichte Sache.
Zwei Ursachen liegen der momentanen Malaise zu Grunde: erstens die seit Wochen anhaltende Hitzewelle im Westen der USA. Zweitens führt die auf höchsten Touren laufende Konjunktur zu stetig wachsendem Energiebedarf. Der lässt sich mit der existierenden Generatorkapazität kaum mehr decken. Nach Angaben der kalifornischen Aufsichtsbehörde Public Utilities Commission (PUC) ist der Spitzenbedarf in den letzten Jahren um 5000 MW gestiegen. Doch nur knapp 700 MW neue Kapazitäten (Gesamtkapazität: 60 000 MW) wurden geschaffen.
Der Grund: Seit Beginn der Deregulierungsdebatte vor zehn Jahren haben die damaligen Monopolerzeuger Pacific Gas & Electric (Nordkalifornien), Southern California Edison und San Diego Gas & Electric (im Süden) keine nennenswerten Investitionen in neue Kraftwerke getätigt – wegen der unübersichtlichen Entschädigungslage bei der Öffnung des Marktes. Die gleichen Engpässe zeigen sich überall in den USA.

Die Zeiten staatlicher Aufsicht sind längst vorbei

Hinzu kommt der anfänglich unausbleibliche Interessenkonflikt der Player bei deutlich geschwächter staatlicher Aufsicht, etwa durch die Public Utility Commission. Die PUC hat früher die Preise diktiert und im Bedarfsfall größere Liefermengen angeordnet. Diese Zeit ist unwiederbringlich vorbei. Der neu geschaffene Independent System Operator (ISO), dem der Betrieb des Übertragungsnetzes und der Einkauf der täglich landesweit benötigten Leistung von den neuen „investor-owned“ Stromerzeugern zugesprochen wurde, ist noch recht unerfahren im trickreichen Geschäft mit Hedging und Bluffen um die besten Preise. Die früheren Versorgungs-Monopolisten mussten sich von ihren Kraftwerken trennen. Sie agieren nun nur noch als Einzelhändler für ihre Millionen Endkunden. Sie müssen sich beim ISO in den täglichen Auktionen zu den geltenden Marktpreisen eindecken.
Gleichzeitig wurde ihnen vom Gesetzgeber die volle Amortisation ihrer unter staatlichen Auflagen errichteten Kraftwerke (regenerativ und nuklear) garantiert. Im Gegenzug müssen sie bis spätestens März 2002 ihre Endkunden gegen die wilden Fluktuationen des Großhandels abschirmen und die Preise konstant halten.
In San Diego ist diese Frist jetzt als erste ausgelaufen – mit dem eingangs geschilderten schlechten Resultat. In zwei Jahren wird der Rest des Sonnenstaates eine ähnliche Hysterie durchlaufen und die wirtschaftlichen Grundkalkulationen vieler Industrien dynamisieren. Schon jetzt schränken industrielle Stromkunden, um in den Genuss billigerer Tarife zu kommen, ihre Abnahme ein. Etliche Aluminiumschmelzer im Nordwesten haben dichtgemacht und ihre Belegschaften entlassen. Und das sonst dank vieler Klimaanlagen so schneidend kalte Klima in vielen Supermärkten, Hotels und Büros ist jetzt ein stickig-laues Lüftchen.
In San Francisco kam es Anfang Juni zum ersten der gefürchteten „Rolling Blackouts“ – gezielten kurzfristigen Abschaltungen ganzer Stadtviertel, um größere regionale Netzausfälle zu verhindern. Von der kalifornischen Spitzenkapazität von 60 000 MW werden 75 % in Eigenerzeugung gedeckt. Der Rest wird von Nachbarstaaten importiert. Doch diese leiden unter ihren eigenen Versorgungsengpässen. Nach der Überinvestition in den 70er Jahren fehlt es überall in den USA an neuen Stromerzeugungskapazitäten. Und die gibt es in Zukunft nur bei attraktiven, also höheren Strompreisen.
Jetzt ertönt der Schrei nach schneller Hilfe. Rücknahme der Deregulation, von Verbraucherverbänden gefordert, wäre unsinnig: Kraftwerke und Netze müssten von ihren Investoren zu aktuellen Marktpreisen zurückgekauft werden – aussichtslos, weil gegen den Markt. Bleibt im Moment nur die vom Gouverneur durchgesetzte künstliche Preisbegrenzung auf 250 Dollar pro Megawattstunde, das Zehnfache des „normalen“ Preises. Doch das hält die Anbieter eher vom Markt fern. In einzelnen Fällen, bei voll ausgeschöpfter Kapazität, waren die Preise bis auf 1300 Dollar/MWh geklettert.

Anbieter treiben durch geschicktes Handeln die Preise

Viel Ungemach stammt aus der Preisbildungsmechanik beim ISO. Von den stündlich einlaufenden Lieferangeboten werden zunächst die Billigsten bevorzugt. Doch der Endpreis am Schluss der Auktion richtet sich nach dem höchsten Angebot. So können die Anbieter bei angespannter Bedarfslage durch geschicktes zeitliches Staffeln ihrer Angebote die Preise in den Himmel treiben. Diese Strategie, beklagte sich ISO-Chef Kellan Fluckiger, „unterminiert die Zuverlässigkeit und veranlasst den ISO zu harter Gymnastik“ auf der Preisseite, um die ungestörte Versorgung zu gewährleisten. WERNER SCHULZ

Von Werner Schulz
Von Werner Schulz

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