Energie 22.06.2001, 17:29 Uhr

Insel Pellworm probt die Energiewende

Sie will auf fossile Brennstoffe verzichten und setzt ausschließlich auf regenerative Energien.

Stampfend durchpflügt die Pellworm 1 die Nordsee. Gischt spritzt hoch zum Außendeck der Fähre, den wenigen Passagieren an diesem kühlen Frühsommertag treibt ein scharfer Wind Tränen in die Augen. Ihr Blick geht nach Westen, Richtung friesischen Inseln: Ein Leuchtturm taucht auf, plötzlich wird das Boot von einer Welle in die Höhe gehoben und silberne Windräder blitzen am Horizont.

Dann kommt die Insel näher, ein hoher, grüner Deich, ein Anleger, der sich weit ins graue Wattenmeer hineinzieht: Pellworm, die südlichste der nordfriesischen Inseln.

Möwen kreischen, zwei Viehtransporter fahren scheppernd über die Landebrücke. Ein kleines Grüppchen Touristen schleift schwere Koffer an Land. Noch, kurz vor Beginn der Saison, werden sie die Insel fast ganz für sich haben.

Walter Vorwerk gefällt das weniger: „Unser großes Problem ist einfach, dass kein Mensch Pellworm kennt.“ In Jeans, Cordhemd, mit viel Bart und krausem Haar sitzt der Direktor des Inselmuseum und „Mann für alle Sonderprojekte der Gemeinde“ an seinem polierten Tisch in der Kurverwaltung, keine fünf Minuten vom Anleger entfernt. Klopft die Asche einer starken Zigarette in den vollen Aschenbecher und fährt langsam fort: „Und deshalb denken wir uns wohl so viele ungewöhnliche Sachen aus.“

Vorwerk zeigt aus dem Fenster nach Westen über die Wiesenlandschaft. „Auf einem Feld dort drüben fing alles an, vor 25 Jahren“, erzählt er. Die Inselgemeinde hatte den Acker einem Forschungszentrum für Versuche mit Windrädern überlassen. Rund 15 wurden installiert, jedes brachte gerade mal 500 Watt Strom, doch schon beim ersten großen Sturm war Schluss: „Die Windräder flogen in Fetzen über die Insel“, erinnert sich Vorwerk fröhlich.

Am nordöstlichen Ende der Insel kann man sehen, was ihn so fröhlich stimmt: Dort ragen heute 8 mächtige Windräder aus dem platten Land. 1997 wurden die 600 KW-Mühlen gut 30 m tief im Erdreich verankert. Seither erzeugen sie jährlich genug Strom für 400 Vier-Personen-Haushalte. Vorwerk rechnet den Beitrag zum Klimaschutz vor: 8640 t CO2-Einsparung pro Jahr.

Seit seinem ersten Flop hat sich Pellworm zum Vorreiter der „Energiewende“ entwickelt. In der Summe erzeugt die 1200-Seelen-Gemeinde bereits mehr Strom aus Wind- und Sonnenenergie, als sie und ihre Gäste verbrauchen. Spätestens 2004 will Pellworm rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr, energieautark sein. Und damit auch etwas für den Tourismus tun. Eine Multimediashow im Kurzentrum gibt es schon, ebenso einen Wanderweg über Wiesen und Felder, zwischen verstreuten rotgeschindelten Höfen hindurch zum zweiten Standbein der Energieversorgung, dem Solarfeld.

Dicht an dicht sind hier 8000 m² Photovoltaikzellen montiert. Die 600-kW-Anlage erzeugt jährlich 450 Megawattstunden Strom. Jetzt in der Nebensaison hört man hier nur den Wind und das leise Rauschen des 300-kW-Windrades, das an die Solaranlage gekoppelt ist. Ein paar Schafe weiden vor der Anlage. Eine zukunftsweisende Idylle.

„In der Ferienzeit ist das Solarfeld eine Touristenattraktion“, versichert Mathias Schikotanz, der Leiter des Pellwormer Energiebüros, wie viele hier oben mit Vollbart und Troyer. Der 36-jährige Ingenieur leitet nicht nur das Pellwormer Energiebüro, sondern ist auch Geschäftsführer des Vereins „Ökologisch Wirtschaften“.

Ohne diesen Verein hätte die Insel die „Spielereien“ mit erneuerbaren Energien wohl längst aufgegeben, nachdem sie Anfang der neunziger Jahre richtig teuer zu werden drohten: „Gut 1 Mio. DM sollte allein die Entsorgung der für diese Solaranlage notwendigen Batterien kosten“, so Schikotanz, „das sind gut ein Fünftel des Pellwormer Jahreshaushalts.“

Rettung kam schließlich durch den Energieversorger Schleswag, der die Anlage 1992 nicht nur sanierte, sondern gleich zur doppelten Kapazität ausbaute und den Strom ins Netz einspeist.

Leicht war der Weg zu den alternativen Energien nicht, erinnert sich Schikotanz. Während Vereinsmitglieder für einen Windpark warben – „Gut für die Umwelt und eine gute Rendite“ – hielten viele Pellwormer dagegen: Sie befürchteten eine „Bausünde ersten Ranges“, die die Gäste vertreiben würde.

Doch die ablehnende Stimmung in der Gemeinde konnte schließlich durch eine Klausel gekippt werden. „In den Windpark darf nur investieren“, so Schikotanz, „wer Wohnsitz und Arbeitsplatz auf Pellworm hat.“ So bleibt die Rendite auf der Insel – und die soll dank Nordseewind üppig sein.

Mittlerweile steht die Gemeinde voll hinter dem Projekt. Lars Johns, Vorsitzender des Pellwormer Bauernverbandes, kann vom Wohnzimmer seines Bauernhofs direkt auf ein Windrad schauen – und er tut das ohne Groll: „Das ist eine saubere Energie, und mich stören die Mühlen überhaupt nicht.“ Wie viele andere Pellwormer Landwirte ist er an dem 11-Mio.-DM-Projekt beteiligt – und das verbindet.

Verbunden ist diese wichtige Bevölkerungsgruppe – die Bauern sorgen neben dem Fremdenverkehr für die größten Einnahmen der Insel – auch dem dritten Baustein des neuen Energiekonzepts von Pellworm.

Nur einen Steinwurf vom Solarfeld entfernt soll nämlich im Frühjahr 2002 ein Biomasse-Blockheizkraftwerk (BHKW) gebaut werden, das die Strom-Grundlast der Insel von 1 MW deckt. Ist das einmal fertig gestellt, dann wäre Pellworm endgültig energieautark, unabhängig von Wind und Sonnenschein. Die Landwirte, so das Konzept, werden die Gülle ihrer 5500 Rinder und 5000 Schafe zur Anlage fahren, um daraus Biogas zu erzeugen. Mit dem Rückstand können sie anschließend ihre Felder düngen. Und die verarbeitete Gülle hat noch einen Vorteil: Sie stinkt nicht mehr.

In der Nähe des zukünftigen Bauplatzes zeigt Schikotanz auf ein silbernes Rohr, das gut einen halben Meter aus dem Acker ragt, kaum dicker als eine Regenleitung. Indiz, dass die Pellwormer es Ernst meinen mit ihrer Energiewende. Normalerweise würde im Sommer jede Menge Wärme aus dem BHKW ungenutzt verpuffen. „Ein bisschen Hallenbad, ein bisschen Kurmittelhaus, mehr könnten wir nicht absetzen“, schätzt Schikotanz.

Gut 30 m tief hat er deshalb hier bohren lassen, danach stand fest: Das Erdreich eignet sich als Wärmespeicher. „Unten ist eine undurchlässige Kleieschicht“, erklärt der Ingenieur, „und darüber ein fast stehender Grundwasserleiter.“

Dieses Grundwasser wollen die Insulaner im Sommer nach oben pumpen, und mit der überschüssigen Wärme aus dem BHKW erhitzen. Anschließend wird das heiße Wasser zurückgepumpt. „Im Winter wollen wir dann Wasser von 70 °C aus dem Erdspeicher holen und ins Nahwärmenetz leiten“, definiert Schikotanz das Ziel des Projekts. Gelingt das, gibt es auf Pellworm Eurapas ersten oberflächennahen Hochtemperatur-Speicher.

Mittlerweile macht das Modell Pellworm auch auf den Nachbarinseln Furore. Föhr, Amrum, die Halligen, selbst Sylt nehmen sich ein Vorbild an der kleinen Insel und denken über ähnliche Energiekonzepte nach.

Aber am weitesten vorn ist Pellworm. „Das wird uns in Deutschland wieder ein bisschen bekannter machen“, hofft Vorwerk, während er von seinem Fenster aus hinter den ersten Touristen dieser Sommersaison herschaut. Vertrieben haben die Windräder noch niemanden, im Gegenteil , es kommen immer mehr Gäste auf die kleine Insel mit den großen Visionen. FROMUT POTT

Insulare Energiewende

Das Projekt „Reswad“ (Resourceable Energy Supply on the Wadenislands) der Inseln Pellworm, Föhr, Sylt, Amrum und den Halligen wird zu 50 % aus dem Programm „ALTENER“ der EU und zu je 25 % vom Energieministerium Schleswig-Holstein und den Inselgemeinden finanziert. Die Gesamtförderung beträgt 40 000 Euro. ALTENER gehört zu den sogenannten „Politikprogrammen“ der EU. Diese ergänzen die Technologieförderprogramme und fördern die Marktdurchdringung technisch erprobter, sauberer und effizienter Technologien.

www.kfa-juelich.de/ptj/int/int-eu.html

www.pellworm-energy.org

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