Kernenergie 01.04.2011, 19:52 Uhr

Im Kernkraftwerk Temelin stehen die Zeichen auf Ausbau

Die Katastrophe im japanischen Fukushima schreckt im tschechischen Kernkraftwerk Temelin niemanden. Im Gegenteil: Nur 60 km von der deutschen Grenze entfernt will man die Anlage um weitere zwei Blöcke erweitern und die Laufzeiten verlängern.

Der Morgennebel steht zwischen den vier mächtigen Kühltürmen, als im Kernkraftwerk Temelin die Frühschicht beginnt. Roman Gabriel ist heute Schichtleiter in der Blockwarte des Reaktors I. Mit seinen drei Kollegen kontrolliert der Kernphysiker über Dutzende Bildschirme und Signaltafeln den gesamten Prozess von der Kernspaltung bis zur Einspeisung des Stroms ins Netz.

Alles läuft normal. Im Hintergrund dudelt ein Radio. Auf der Speisekarte für das Mittagessen stehen heute Schweineleber und Rinderbraten. Es ist Tag drei nach dem Ausfall der Kühlsysteme im japanischen Kernkraftwerk Fukushima. Außer einigen Tests steht an so einem Tag in Temelin nichts anderes an, als die Bildschirme für einen eventuellen Störfall im Blick zu behalten.

Die vielen Journalisten, die sich unaufhörlich auf dem Handy von Kraftwerkssprecher Marek Svitak melden, sind der einzige Hinweis, dass sich Tausende Kilometer weit weg gerade eine atomare Katastrophe ereignet.

Der Andrang ist leicht zu erklären: Temelin ist außerhalb Russlands das bislang letzte Kernkraftwerk, das in Europa in Betrieb gegangen ist. Es liegt nur rund 60 km von der deutschen und rund 80 km von der österreichischen Grenze entfernt.

Das Kraftwerk gilt vor allem in den Nachbarstaaten Österreich und Deutschland als extrem unsicher. Schon 2001 machte der Kernphysiker Helmut Hirschin in einem Bericht für das Land Oberösterreich 29 Problembereiche aus, darunter die Versprödungsanfälligkeit der Schweißnähte des Reaktordruckbehälters und eine zu enge Führung der Frischdampfleitungen. Da die Schutzhülle bei diesem Reaktortyp zudem 10 m über dem Erdboden ausgelegt ist, käme es im Fall einer Kernschmelze in Temelin laut Hirsch schneller zum Austritt von Radioaktivität als in vergleichbaren westlichen Reaktoren. Der Kernphysiker konstatierte für Temelin zudem eine um das Hundertfache höhere Unfallwahrscheinlichkeit, als von der Internationalen Atomenergieagentur für moderne Kernkraftwerke festgelegt wurde.

Eine Einschätzung, die Zdenek Kriz nicht nachvollziehen kann. Der Ingenieur für Kernenergie ist so etwas wie eine Leitfigur der tschechischen Reaktorsicherheit. In den 1980er-Jahren war er Mitglied der tschechoslowakischen Atomkommission, eines Aufsichtsorgans. Nach der friedlichen Revolution wechselte er selbst zur Internationalen Atomenergieagentur nach Wien. Heute arbeitet er im Kernforschungsinstitut in der Nähe von Prag.

„Die Katastrophe von Tschernobyl hat uns sehr geholfen, die Sicherheitsbestimmungen, die schon seit 1984 galten, auch durchzusetzen“, meint er. Zuvor war Kritik vor allem an Anlagen aus dem Bruderstaat Sowjetunion nicht gern gesehen. „Speziell mit dem Steuersystem nach sowjetischem Modell waren wir unzufrieden. Deshalb begannen wir, unser eigenes weiterzuentwickeln“, nennt Kriz ein Beispiel.

Doch ehe der eigene Prototyp fertig war, kam die Wende und damit die Möglichkeit, die Steuertechnik auf dem freien Markt zu erwerben. „Die sowjetische, wie auch unsere Leittechnik liefen damals auf analoger Basis und zudem ungeprüft. Der Übergang auf digitale und damit programmierbare Technik war für uns damals ein großer Sprung nach vorn“, erklärt Kriz. Tschechien entschied sich für den US-Hersteller Westinghouse, der auch gleich noch die Brenn-stäbe lieferte. So kam es, dass Temelin zum Hybrid aus sowjetischer und amerikanischer Technik wurde. Laut Kriz ein Glücksfall auf dem Weg zu einem sichereren Kraftwerk.

Für Kritiker dagegen, wie den Kernphysiker Dalibor Strasky, ist genau diese Mischung die Quelle möglicher Havarien. Der 50-Jährige hat selbst vor der Wende im zweiten tschechischen Kernkraftwerk Dukovany als Operator gearbeitet. Auch in Temelin war er beim Bau dabei. Nach 1989 aber schloss er sich der Anti-Atomkraft-Bewegung an. „Ich wollte das nicht mehr mitmachen, da ist zu viel schief gelaufen“, sagt er.

Doch die aktiven Zeiten sind längst vorbei. Strasky hat sich in eine südböhmische Kleinstadt zurückgezogen und steht den ehemaligen Aktivisten vor allem als Gutachter bei. „In den 1990er-Jahren konnten wir viele Leute mobilisieren, da die Chance groß war, Temelin noch zu verhindern“, erzählt er.

In der Tat beschloss gleich die erste frei gewählte tschechoslowakische Regierung, nur zwei der vier geplanten Reaktoren zu bauen. „Damals kam es zu einer Umbewertung des Energiebedarfs. Die Regierung beschloss, dass zwei Kraftwerksblöcke reichen“, erinnert sich Kriz, der aber einräumt, dass auch der Protest, vor allem aus Deutschland und Österreich, seinen Anteil gehabt hat.

In Temelin scheint inzwischen die Frühlingssonne auf das Kraftwerk. Am Abend wird das Radio bekannt geben, dass im nahen Budweis ein neuer tschechischer Wärmerekord für diesen Tag gemessen wurde.

Wegen des großen Medieninteresses führt jetzt der zweite Sprecher, Vaclav Brom, durch die weitläufige Anlage. Er stellt sich mit seinem Rufnamen Vasek vor und ist auch sonst Kumpel. „Wenn sich zum Beispiel ein Ventil der Pumpe nicht richtig schließt, entscheiden die Jungs, was zu tun ist“, erklärt Brom eine mögliche Unregelmäßigkeit. Mit „den Jungs“ meint Brom Schichtleiter Gabriel und die drei Techniker.

Der Sprecher arbeitet schon seit 1996 für den guten Ruf des umstrittenen Kernkraftwerks nahe der deutschen und österreichischen Grenze. Er hat die Vorwürfe gegen Temelin verinnerlicht. „Ja, wir hatten anfangs Probleme, mussten das Kraftwerk immer wieder herunterfahren. Aber das hatte seine Ursache im sekundären Bereich“, betont er.

Damit ist der Teil gemeint, der laut Brom „wie ein herkömmliches Kraftwerk funktioniert“. Der Reaktor – übrigens im Unterschied zur Tschernobyl und Fukushima ein Druckwasserreaktor, wie er auch in neueren deutschen Anlagen steht – war davon nicht betroffen.

1999 bot sich die letzte Möglichkeit, die Inbetriebnahme von Temelin doch noch abzuwenden. „Die damalige Regierung musste die Betriebsgenehmigung geben. Die Entscheidung fiel knapp mit 11:8 Stimmen für Temelin“, trauert Strasky der verpassten Chance hinterher. Seitdem scheint der Protest aus der tschechischen Öffentlichkeit verschwunden. Regelmäßig geben zwei Drittel in Umfragen an, dass Tschechien an der Kernkraft festhalten sollte. „Die Leute haben Tschernobyl längst vergessen. Vielleicht sorgt ja Fukushima dafür, dass sie aufwachen“, hofft Strasky.

Für diese Hoffnung hat Sprecher Brom kein Verständnis. Für ihn ist alles nur Hysterie. „Nein, wir dürfen jetzt keine übereilten Schlüsse ziehen, sondern müssen einen kühlen Kopf bewahren und analysieren“, sagt Brom mit Blick auf Fukushima. Für einen Verzicht auf die Kernenergie gebe es keinen Grund, erst recht nicht in Temelin. „Wir stehen hier auf der stabilsten Erdplatte und trotzdem ist das Kraftwerk für Erdbeben bis zu einem Wert von 5,5 ausgelegt.“

Und das Kühlwasser? Das muss erst 5 km aus dem nächsten Moldau-Stausee überwinden, ehe es im Kraftwerk ist. Vaclav Brom winkt ab und zeigt auf zwei riesige Wasserbehälter auf dem Kraftwerksgelände. „Damit können wir einen Ausfall der Wasserleitung auf lange Sicht ersetzen.“ Temelin wäre so oft international geprüft worden, dass es keine Sicherheitslücken mehr geben könne. Und gegen Terrorattacken oder Flugzeugabstürze sei das Kraftwerk durch einen Stahlbetonmantel geschützt.

Auch Kriz glaubt nicht, dass Fukushima eine Abkehr von der Kernenergie auslösen wird. „Das ist jetzt eine gute Zeit für Populisten und eine schlechte für die Atomenergie. Aber die Vernunft wird sich durchsetzen“, meint er. Die „Vernunft“ bedeutet für die meisten Tschechen einen weiteren Ausbau der Kernenergienutzung.

Heute kommt in Tschechien rund ein Drittel des Stroms aus Kernkraft, ihr Anteil soll weiter steigen, um die Kohlekraftwerke im Norden der Republik abschalten zu können. Die verschmutzen die Umwelt, der Kohlebergbau hinterlässt Mondlandschaften. Die Kernenergie dagegen sei sauber, preisgünstig und sichere die Unabhängigkeit, so gängige Argumente. In seltener Einigkeit haben Regierung und Opposition zunächst den halbstaatlichen Stromkonzern CEZ stark gemacht, bevor die alten Pläne für Temelin aus der Schublade geholt wurden.

Das Kraftwerk selbst ist auf den Ausbau vorbereitet. Die zwei Plateaus für die Blöcke stehen noch aus den 1980er-Jahren. Dahinter ist Platz für noch einmal vier Kühltürme und auch das Zwischenlager mit Castorbehältern lässt sich genauso noch einmal aufbauen.

Derzeit läuft das Auswahlverfahren, neben Westinghouse (2006 von Toshiba gekauft) und der französischen Areva sind mit Atomstrojexport auch die Russen dabei, die sich gemeinsam mit Skoda JS, dem führenden tschechischen Unternehmen für Kernkraftwerkstechnik, bewerben. Tschechien will bei der Energietechnik auch in Zukunft wettbewerbsfähig bleiben. Dafür sind Aufträge wichtig. „Außer dem Druckbehälter, dem Steuersystem und dem Brennmaterial können wir alles selbst machen“, sagt Kernphysiker Kriz selbstbewusst.

Und nicht nur Temelin soll ausgebaut werden. Es ist eine generelle Verlängerung der Laufzeiten von 40 auf 60 Jahre geplant, die auch das 1986 gebaute Kernkraftwerk Dukovany in Südmähren einschließt. Der erste tschechische Block würde dann 2046 vom Netz gehen. Gehen die Pläne mit Temelin auf, läuft hier der letzte Meiler mindestens bis 2080.

Spätestens seit Inbetriebnahme von Temelin ist Tschechien in die Liga der energieexportierenden Länder aufgestiegen. 2009 wurden mehr als 13 TWh ins Ausland geliefert, das entspricht einer kompletten Jahresproduktion von Temelin. Sollte Deutschland aus der Kernenergie aussteigen, stünden die Chancen für tschechische Energie nur noch besser, so das Szenario, das bereits offen diskutiert wird.

STEFFEN NEUMANN

  • Steffen Neumann

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