Netzentgelte steigen 17.08.2015, 12:03 Uhr

Hitzewelle verursacht Millionenkosten im Stromnetz

Wochenlang stöhnte Deutschland unter einer beispiellosen Hitzewelle. Beim Anblick der nächsten Stromabrechnung werden viele Verbraucher erneut stöhnen. Diesmal über deutlich gestiegene Kosten. Der Grund: Vor allem der viele Sonnenstrom-Ertrag zwingt die Netzbetreiber, konventionelle Anlagen herunterzufahren. Und diese Kosten schlagen die Betreiber auf die Netzentgelte auf.

Bei Temperaturen um 35 °C sonnen sich Besucher des Berliner Strandbades Wannsee am Ufer. So entspannt wird der Blick auf die nächste Stromrechnung wohl nicht. Die Hitzewelle in ganz Deutschland verursacht Millionenkosten im Stromnetz. 

Bei Temperaturen um 35 °C sonnen sich Besucher des Berliner Strandbades Wannsee am Ufer. So entspannt wird der Blick auf die nächste Stromrechnung wohl nicht. Die Hitzewelle in ganz Deutschland verursacht Millionenkosten im Stromnetz. 

Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Die Nachricht klingt banal: Die heftige Hitzewelle verursacht hohe Stromkosten. Klar, drehen sich doch jede Menge Ventilatoren, um die Luft kühlend durcheinanderzuwirbeln und Klimaanlagen ackern bis an die Schmerzgrenze. Und auch der Kühlschrank mit der Öko-Bestnote von A+++ kann sein Energiespar-Versprechen nicht mehr einhalten, wenn das Kühlgut weiter mit Luft von 5 °C optimal umschmeichelt werden soll.

Es trifft jeden Stromverbraucher in Deutschland

Falsch gedacht: Die Sache ist komplizierter. Denn die erhöhten Stromkosten treffen jeden Stromverbraucher in Deutschland, auch den ohne Ventilator, Klimaanlage und A+++-Kühlschrank. Der Grund sind die Netzentgelte, die von den Stromkonzernen auf die Rechnung der Stromkunden aufgeschlagen werden. Das Netzentgelt kommt derzeit auf einen Strompreis-Anteil von etwa 23 %. Darin enthalten sind auch Entschädigungszahlungen an Kraftwerksbetreiber, wenn deren Stromproduktion aus konventionellen Kraftwerken verringert werden muss.

Vorfahrt für die Erneuerbaren

Grundsätzlich haben in Deutschland die erneuerbaren Energien Vorfahrt im Stromnetz. Deshalb müssen konventionelle Kraftwerke bei großen Überkapazitäten der erneuerbaren Energien heruntergefahren werden. Und es gibt derzeit eine Überproduktion von Sonnenstrom im Norden. Dazu gesellen sich viele Ökostromexporte nach Südosteuropa und enorme Probleme in Polen. Denn dort stehen Fabriken still oder drosseln die Produktion. Der schwedische Möbelhändler Ikea beispielsweise fährt in seinen polnischen Filialen teilweise Klimaanlagen und Licht herunter, um Strom zu sparen und kocht sogar schon weniger Köttbullar. Es ist eine brisante Mischung, die das Problem ausmacht.

„Über den Daumen hat uns Hitzewelle bisher 25 Millionen Euro gekostet“

Es geht hierbei nicht um Kleinigkeiten: Am Freitag beliefen sich beim großen Netzbetreiber 50Hertz, der rund 18 Millionen Haushalte im Norden und Osten Deutschlands versorgt, die Eingriffe ins Netz auf 5745 MW. Diese Leistung entspricht der Stromproduktion von vier Atomkraftwerken.

Die Sommersonne führt zu einem gewaltigen Überschuss an Solarenergie, die umgeleitet werden muss. Um Schwankungen im Stromnetz zu verhindern, mussten konventionelle Kraftwerke im großen Stil vom Netz genommen werden. Das treibt die Netzentgelte in die Höhe.

Die Sommersonne führt zu einem gewaltigen Überschuss an Solarenergie, die umgeleitet werden muss. Um Schwankungen im Stromnetz zu verhindern, mussten konventionelle Kraftwerke im großen Stil vom Netz genommen werden. Das treibt die Netzentgelte in die Höhe.

Quelle: Jan Woitas/dpa

„Wir geben seit der Hitzewelle jeden Tag grob 2,5 Millionen Euro aus für grenzüberschreitende Eingriffe mit unseren Nachbarn, um das Netz stabil zu halten“, sagte der Geschäftsführer Systembetrieb bei 50Hertz, Dirk Biermann, am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur. „Über den Daumen hat uns die Hitzewelle bisher schon 25 Millionen Euro gekostet.“

Schwankungen können Blackout auslösen

Es geht auch darum, Blackouts im Stromnetz zu vermeiden. Alle elektrischen Geräte hierzulande sind auf einen Wechselstrom von 50 Hertz ausgelegt. Dieser definierte Wechselstrom muss zu jeder Stunde, egal ob am Tag oder bei Nacht, im Netz bereitstehen. Und das funktioniert nur dann, wenn das Stromangebot genau der Stromnachfrage entspricht. Ist das Angebot größer als die Nachfrage, steigt die Frequenz an, ist das Angebot geringer als die Nachfrage, sinkt die Frequenz ab, der Blackout droht. Und genau diese Schwankungen können den gefürchteten Blackout auslösen.

„Die Physik lässt sich nicht überlisten“

Von enormer Bedeutung auch im Hinblick auf den Erfolg der Energiewende ist daher der zügige Ausbau der großen Stromtrassen von Norden nach Süden, um solche Verstopfungen mit teuren Netzregulierungen zu vermeiden. Denn nicht nur 50Hertz verzeichnet hohe Kosten. Auch die anderen wichtigen Übernetzbetreiber Tennet, Amprion und TransnetBW sind von diesem Problem betroffen. Biermann warnt: „Das könnte sich auf eine halbe Milliarde Euro jährlich summieren, weil das Netz nicht adäquat ausgebaut íst. Die Physik lässt sich nicht überlisten.“

Von Detlef Stoller

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