Windkraft 10.08.2001, 17:30 Uhr

Guter Boden für Windkraft

Die Windkraft in Deutschland ist mächtig in Schwung gekommen. Seit Anfang der 90er Jahre sind in der Branche über 30 000 Arbeitsplätze neu entstanden. Die Gesamtleistung der hierzulande installierten Anlagen hat sich seit 1994 mehr als verzehnfacht.

Die politischen Voraussetzungen für ein Wachstum der klimafreundlichen Energie wurden im Jahr 1991 mit dem Stromeinspeisegesetz und im April 2000 mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) geschaffen. Durch die garantierte Einspeisevergütung von max. 17,8 Pf je kWh bei neuen Anlagen gibt es für Windmüller durch das EEG eine hohe Planungssicherheit. Die Investitionen stiegen beträchtlich, die Zahl der Windräder auch. 1991 drehten sich in Deutschland erst 769 Anlagen. In diesem Juni waren es bereits 10 032 Rotoren mit einer Gesamtleistung von 6930 MW.

Der Boom der Windkraft hat auch eine negative Seite: Die Hersteller erreichen langsam die Grenzen des technisch Machbaren. Bisher wurden Windenergieanlagen Schritt für Schritt größer und leistungsfähiger. So planen inzwischen alle namhaften Unternehmen die Produktion von Anlagen jenseits der 2-MW-Marke. Enercon beispielsweise errichtet derzeit in der Nähe von Magdeburg, die weltweit erste 4,5-MW-Anlage, deren Turm bereits 120 m hoch sein wird.

„4,5- oder 5-MW-Anlagen lassen sich auf dem Festland kaum noch realisieren“, sagt Jochen Twele, Sprecher beim Bundesverband Windenergie, Berlin. Dann sind aber die logistischen Möglichkeiten ausgeschöpft. Rotorblätter, die länger als 40 m sind, lassen sich auf Straßen nicht mehr transportieren. Überschreiten die Rotorblätter oder Turmsegmente einen Durchmesser von 4 m, passen sie auch unter Brücken nicht mehr hindurch.

Schwierigkeiten wird aber nicht nur der Transport bescheren. Bei Rotoren von mehr als 100 m Durchmesser, so Twele, ist die Belastungsgrenze des bisher verwendeten Materials erreicht. „Das Eigengewicht der rotierenden Flügel aus herkömmlicher Glasfaser ist dann so groß, dass die Blätter sich aus ihrer Halterung lösen.“ Natürlich könnte man auf leichtere stabile Materialien umsteigen, Carbonfasern etwa. Das würde allerdings die Kosten in die Höhe treiben. Twele: „Die Produzenten stehen vor einem Optimierungsproblem. Nicht alle technischen Lösungen sind bezahlbar.“

Zumindest die logistischen Probleme lassen sich umgehen, wenn Anlagen auf See gebaut werden. Mithilfe riesiger Schwimmkräne könnten wahre Mammut-Windmühlen errichtet werden, die eine Leistung von 3, 5, oder noch mehr MW hätten. Nach dem Willen des Bundesumweltministeriums und vieler Anlagenbetreiber sollen 2003 oder 2004 erste Pilotanlagen in der Nord- und Ostsee errichtet werden. Laut Gutachten des Deutschen Windenergie-Instituts (Dewi) in Wilhelmshaven erzeugen Offshore-Rotoren 40 % mehr Strom als an Land.

Windanlagenhersteller aber sehen der Offshore-Zukunft derzeit eher verhalten entgegen, noch sind die Kosten für den Bau und den Betrieb von Windenergieanlagen auf See unkalkulierbar. Zudem sind technische Probleme noch nicht gelöst. Beispielweise ist unklar, wie sich die Belastung durch Seegang und Sturm auf den Mast auswirkt, wenn eine Anlage in großen Wassertiefen steht.

Viele ziehen einer unsicheren Offshore-Produktion noch immer die Herstellung von Onshore-Anlagen vor. Zwar sind viele Küsten in Deutschland bereits mit Windrädern zugestellt, im Binnenland aber gibt es noch erheblichen Bedarf. Schätzungen gehen davon aus, dass die Windenergie aus Binnenstandorten in den nächsten Jahren einen Anteil an der bundesweiten Stromproduktion von etwa 10 % erreichen kann. Derzeit liefert der Wind, der zum großen Teil von der Küste stammt, 2,7 % des bundesweiten Strombedarfs.

Auch vom Repowering, dem Austausch alter Anlagen gegen leistungsfähigere neue Geräte, versprechen sich die Hersteller für die kommenden Jahre gute Aufträge. Twele schätzt, dass in etwa fünf Jahren die erste Repowering-Welle über Deutschland hinwegrollen wird, wenn viele Anlagen ihre ersten zehn Dienstjahre hinter sich haben.

Das Dewi prognostiziert, dass die Anzahl neuer Anlagen in Deutschland vom Jahr 2002 an sinkt. In den kommenden Jahren werden bereits ausgewiesene Flächen bebaut sein und die Zahl neuer Areale ist begrenzt. Auf lange Sicht werden die Installationszahlen erst durch die Offshore-Nutzung ab 2005 wachsen können.

Wie stark die Windkraft weiter wachsen wird, hängt noch von einem ganz anderen Punkt ab: dem qualifizierten Nachwuchs. Der expandierenden Windindustrie gehen die Fachkräfte aus. Produzenten, Hochschulen und auch Arbeitsämter arbeiten inzwischen zwar Hand in Hand, um Fachleute auszubilden, die sich in Maschinenbau, Elektrotechnik und regenerativen Energien gleichermaßen auskennen. Bei einem geschätzten Bedarf von mindestens 100 000 Fachleuten bis 2010 könnte es dennoch eng werden. „Ich brauche kein Kapital, sondern Ingenieure“, bringt der Chef des Auricher Windrad-Herstellers Enercon, Aloys Wobben, das Problem auf den Punkt.

Viele Hersteller wünschen sich technische Erfahrung und Branchenkenntnis. Andere fordern, dass die jungen Fachleute auch Kommunikationsfähigkeit, Fremdsprachenkenntnisse oder Wissen über neue Materialien mitbringen. Beispielsweise bildet die FH Bielefeld seit zwei Jahren solche Allrounder aus. Im neuen Studiengang „Regenerative Energien“ werden Fächer wie Energietechnik,- wirtschaft und -politik, Naturwissenschaften, Marketing und Betriebswirtschaft gelehrt. Bis der erste Bielefelder Absolvent die Hochschule verlässt, werden allerdings noch gut zwei Jahre vergehen.

Ein Beitrag von:

  • Tim Schröder

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