Energie 07.09.2001, 17:30 Uhr

Grüner Strom aus Holzabfällen

Strom für rund 65 000 Haushalte liefert das Biomasse-Kraftwerk im niederländischen Cuijk. Wegen ihrer Umweltfreundlichkeit ist die Pilotanlage als Joint-Implementation-Projekt gemäß Kyoto-Protokoll anerkannt worden.

Bis 2010 will die Europäische Union speziell vor dem Hintergrund des Klimaschutzes den Energiebedarf zu 12 % aus erneuerbaren Energien decken. 1999 wurde die „Kampagne für den Durchbruch“ konzipiert und darin der Biomasse eine Schlüsselrolle zuerkannt. So sollen u. a. 10 GWh Strom im Jahr aus Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen auf „grüner Basis“ Kohlendioxid-neutral erzeugt werden. In Deutschland hat insbesondere das Gesetz für den Vorrang Erneuerbarer Energien (EEG) einen deutlichen Schub ausgelöst. Der Markt wächst hier derzeit mit über 15 % jährlich sehr viel schneller als die Gesamtwirtschaft.

Waren nach dem ehemaligen Stromeinspeisegesetz Anlagen nur bis zu einer Leistung von maximal 5 MW möglich, dürfen nach EEG auch größere Kraftwerke gebaut werden. Damit avanciert der kleine niederländische Ort Cuijk, rund 40 km nordöstlich von Eindhoven, zu einem Vorbild auch für den Nachbarn Deutschland. Seit Ende 1999 läuft hier direkt an der Maas das größte Biomassekraftwerk Westeuropas mit einer Nettoleistung von 25 MW, was übers Jahr gerechnet eine Produktion von 200 Mio. kWh bedeutet. „Wir liefern grünen Strom für rund 65 000 Haushalte, wobei wir ausschließlich unbehandeltes Holz verfeuern“, erklärt Ton Louwers, Projektleiter der Essent Energie Systems Zuid bv. Der größte niederländische Energieversorger ist auch an den Stadtwerken Bremen, Düsseldorf und Bielefeld beteiligt.

Das Kraftwerk wurde von einem Firmenkonsortium unter Führung der Siemens AG in nur 21 Monaten errichtet und hatte einen Auftragswert von insgesamt 80 Mio. DM. Für den kompletten Anlagenbereich Dampferzeugung inklusive der stationären Wirbelschichtfeuerung war der finnische Kesselhersteller Kyaerner Pulping Oy verantwortlich, das einheimische Unternehmen Heijmans war für alle bautechnischen Gewerke zuständig. Siemens koordinierte sämtliche technischen und kommerziellen Aktivitäten und lieferte zudem den Dampfturbosatz, die Rückkühlanlage und das Rohrleitungspaket sowie die Elektro- und Leittechnik für die gesamte Anlage. „Cuijk war und ist eine wichtige Referenz für weitere Projekte in Deutschland und Europa“, konstatiert Dr. Cornelis Rasmussen, Vertriebsleiter für Biomasseanlagen bei Siemens in Erlangen.

Der Brennstoff besteht aus drei verschiedenen Fraktionen: Rund 50 000 t Holz stammen aus der Walddurchforstung, jeweils 100 000 t sind Sägeresthölzer und Grünschnitt aus der Landschaftspflege. Das Kraftwerk verfügt über zwei Vorratsspeicher für die Hackschnitzel mit je 9000 m3 Fassungsvermögen, was etwa dem Verbrauch von drei Tagen entspricht. Die Rohstoffe werden möglichst gleichmäßig in die Silos gefahren, um eine homogene Mischung zu erreichen.

Die bisherigen Betriebserfahrungen sind positiv, alle spezifizierten Leistungsmerkmale wurden voll erfüllt oder sogar übertroffen. Für den wirtschaftlichen Betrieb sind 7500 Stunden pro Jahr am Netz erforderlich, die sicher erreicht werden. „Vor diesem Hintergrund planen wir zwei weitere Anlagen dieser Größe und dieses Typs für die Niederlande“, so Fachmann Louwers. Dank Leittechnik und Anlagen-
engineering von Siemens wird Cuijk aus der 100 km entfernten Zentrale in Eindhoven ferngesteuert, was für Kraftwerke dieser Art sehr innovativ ist.

Zudem ist die Anlage vom Bundesumweltministerium (BMU) als Joint-Implementation-Maßnahme gemäß Kyoto-Protokoll zur Kohlendioxid-Reduktion anerkannt worden. „Cuijk ist auch in diesem Sinne ein Pilotprojekt, da es das erste Beispiel ist, an dem sowohl das BMU als auch Siemens Know-how zur Anerkennung und Anrechnung solcher Lösungen im Bereich Biomasse sammeln konnten“, so Rasmussen. Die Emissionszertifikate, über die Siemens nun verfügt, könnten bereits jetzt als „Forwards/Options“ gehandelt werden.

Gute Chancen sieht Siemens im Moment auch in Spanien und Italien, wo es eigene Fördergesetze für Biomasse gibt. Als besondere Brennstoffe lassen sich hier neben Holz auch Oliventrester, Weinpresskuchen und Reststoffe aus der Landwirtschaft einsetzen. Im November 2000 erhielt der deutsche Kraftwerksbauer einen Auftrag vom privaten italienischen Stromerzeuger Idro Company S.r.l. über ein 10-MW-Biomassekraftwerk in Cisterna di Latina in der Nähe von Rom. Jährlich sollen hier 90 000 t Biomasse verbrannt werden, die im Rahmen des „Gesetzes für umweltfreundlichen Strom aus regenerativen Energien“ vergütet und in das Netz des größten italienischen Stromversorgers Enel eingespeist werden. Auch in Deutschland stehen derzeit weitere Projekte an, wo inzwischen auch große Unternehmen wie RWE, E.on oder Shell in Biomasse-Kraftwerke investieren wollen. KLAUS JOPP

Biomasse-Kraftwerke

In Deutschland sind bislang Biomassekraftwerke von rund 150 MW bis 200 MW elektrischer Gesamtleistung installiert. Hersteller Siemens schätzt, dass aufgrund der vorhandenen Brennstoffmöglichkeiten weitere 300 MW hinzu gebaut werden können. Derzeit errichten die Erlanger in Helbra bei Halle ein mit Altholz befeuertes Kraftwerk, das eine elektrische Leistung von knapp 6 MW erreichen soll und zudem Fernwärmeauskopplung ermöglicht. Dieser Kraftwerkstyp ist von Siemens gemeinsam mit Betreibern speziell für den Biomasse-Markt entwickelt worden und deckt mit seinem modularen Aufbau verschiedene Leistungsbereiche und Brennstoffsorten ab. kj

Ein Beitrag von:

  • Klaus Jopp

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