Biomasse 02.07.1999, 17:22 Uhr

„Grüner Strom“ aus Biomasse

Strom und Wärme aus Biomasse liefert ein neues Heizkraftwerk im bayerischen Altenstadt. Ausreichend Brennstoff – Abfallholz und Gräser – kommen aus einem Umkreis von nur 50 km.

Der gewaltige Greifer gräbt sich in den Berg aus zerkleinertem Holz und befördert mit einem einzigen Hub rund 8 m3 Hackschnitzel auf das Transportband, das das offene Lager mit der Feuerungsstätte verbindet. Fünf volle Bagger-schau-feln Brennstoff pro Stunde benötigt das Heizkraftwerk Altenstadt im südbayrischen Landkreis Weilheim-Schongau. Strom und Wärme aus nachwachsenden Rohstoffen soll die nach Betreiberangaben größte deutsche Anlage zur Verbrennung von Biomasse liefern, die jetzt den Probebetrieb aufgenommen hat. Das Projekt hat ein Investitionsvolumen von 60 Mio. DM, die zu 48 % vom Bund im Programm „Nachwachsende Rohstoffe“ und Bayern („Offensive Zukunft Bayern“) aufgebracht wurden.
Hauptbrennstoff in Altenstadt ist Durchforstungsholz aus den umliegenden Wäldern. Zudem können spätschnittiges Gras, das nicht mehr als Tierfutter verwendbar ist, unbelastete Resthölzer aus Sägewerken und Landschaftspflegematerial aus Städten und Gemeinden der Region genutzt werden. „Wir benötigen etwa 65 000 t Biomasse pro Jahr, die wir mühelos aus einem Umkreis von 50 km erhalten“, erklärt Siegfried Schuster, Geschäftsführer der Biomassen-HKW Altenstadt GmbH, der 80 % der Anteile hält. Bis zu 72 DM pro Tonne „Grünzeug“ zahlt die Gesellschaft an die Land- und Forstwirte, teilweise bekommt sie die Brennstoffe auch zum Nulltarif.

Der Kessel verbrennt auch feuchte Biomasse

Das Brenngut gelangt entweder vom Ballen- oder Holzhackschnitzellager, das maximal 20 000 m3 faßt, über automatische Fördereinrichtungen in das Herzstück der Anlage – den Kessel mit stationärer, gestufter Wirbelschichtfeuerung, die gleichzeitig auch sehr unterschiedliche Biomassen mit differierendem Feuchtegehalt (10 % bis 50 % bei Holz, 12 % bis 18 % bei Heu) verarbeiten kann. „Das ist eine Neuheit im Verbrennungsbereich“, betont Helmut Gierse, Leiter Industrieturbinen und -kraftwerke bei Siemens/KWU. Die Erlangener haben als Generalunternehmer das Kraftwerk schlüsselfertig errichtet und garantieren die Funktion der Anlage und ihren Gesamtpreis.
Die Feuerungswärmeleistung beträgt 35 MW. Die maximale Stromerzeugung liegt im Kondensationsbetrieb bei 11.5 MW. Eine Wärmeauskopplung in Form von Prozeßdampf ist bei einem Druck von 6 bar bis zu 20 MW möglich. Ein erster Abnehmer für Dampf soll noch in diesem Herbst auf dem Kraftwerksgelände angesiedelt werden. Der Bruttowirkungsgrad der Anlage erreicht bei reiner Stromproduktion nahezu 32 % und ist damit deutlich höher als bei bereits bestehenden Kraftwerken dieser Art. Wird die Option Wärmeauskopplung voll ausgeschöpft, ist in Altenstadt ein Brennstoffnutzungsgrad von bis zu 75 % möglich. Alle Emissionswerte liegen deutlich unter den zulässigen Grenzwerten.
Die Kosten für Energie aus Biomassekraftwerken liegen derzeit über denen aus konventionellen Anlagen. Nur dank der Förderung durch Bund und Land kann Altenstadt einen konkurrenzfähigen Strompreis von 11 Pf pro kWh anbieten. Schuster sieht sich als Independent Power Producer (IPP) und will sich auch im deregulierten Energiemarkt behaupten, der durch sinkende Abnehmerpreise gekennzeichnet ist. Einen ersten Coup hat er bereits gelandet: Obwohl das Einspeisegesetz nur eine Stromabnahme von permanent 5 MW vorsieht, ist es ihm gelungen, den gesamten Überschußstrom an die Lechwerke AG zu verkaufen.
In der Bundesrepublik könnten nach Einschätzung von Experten rund 10 % des derzeitigen Strombedarfs durch Biomasse weitgehend kohlendioxidneutral abgedeckt werden. Siemens rechnet mit einem weltweiten Bedarf von Biomasse-Kraftwerken im Wert von 150 Mio. DM pro Jahr. „Nach unserer Überzeugung sind Anlagen in einer Größenordnung zwischen 25 MW und 40 MW ideal, unter 10 MW fällt die Wirtschaftlichkeit stark ab. Bei Kraftwerken von mehr als 40 MW müßte der Einzugsbereich für die Brennmaterialien so groß werden, daß sich logistische Probleme ergeben“, konstatiert Helmut Gierse.
KLAUS JOPP
Das Biomasse-Kraftwerk Altenstadt bringt es bei reiner Stromerzeugung auf fast 32 % Wirkungsgrad – ein Wert, der wegen des Brennstoffes für derartige Anlagen ungewöhnlich hoch ist.

Ein Beitrag von:

  • Klaus Jopp

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