Energie 07.06.2002, 18:20 Uhr

„Goede middag“ wird es bald im RWE-Vorstand heißen

Zum ersten Mal rückt sich im Februar 2003 mit dem Niederländer Harry Roels ein Ausländer den Vorstandssessel zurecht. Ein ganz neues Gefühl für die kommunalen Alteigentümer. Harry Roels, am Donnerstag vergangener Woche zum neuen Vorstandsvorsitzenden des Essener RWE-Konzerns gewählt, soll für einen neuen Kurs des Traditionsunternehmens stehen, einen „Aufbruch“ markieren.

Wenn „harte“ Nachrichten spärlich fließen, schießen Spekulationen ins Kraut. Da käme der erste Vorstandschef, an dessen Dienstwagen eine Anhängerkupplung montiert werde, witzeln Essener RWE-Mitarbeiter über den neuen Firmenchef Harry Roels. Sie spielen damit auf dessen Nationalität an: Der Nachfolger von RWE-Chef Dietmar Kuhnt ist Niederländer, und die Niederlande sind das Land der Wohnwagen-Besitzer. Roels als internationaler Manager wolle nicht ins Ruhrgebiet ziehen, hieß es. Er spreche kaum Deutsch und wäre bei seinem bisherigen Arbeitgeber vor allem als „Feuerwehrmann“ eingesetzt worden, der kaum ein Projekt mehr als zwei Jahre betreut habe. Mit 53 Jahren hat er allerdings das Alter, um auch zwei Perioden als Vorstandschef in Essen arbeiten zu können.
Offizielle Informationen, die diese Spekulationen um die Person von Roels auf eine sachliche Grundlage stellen würden, fließen spärlich. Er spreche sich wohl eher „Ruls“ aus, hieß es. Und in der Zeit zwischen dem Ende seines Engagements bei Shell, wo der Niederländer rund 30 Jahre seines Berufslebens verbrachte, und seinem Start bei RWE mache Roels keinen Urlaub, sondern wickle ein Projekt ab. Die Sprachlosigkeit aus der Essener Zentrale, dem „Power Tower“ – wie das Hochhaus genannt wird – hat ihre Ursache auch in der mühsamen Kür des Niederländers für den Vorstandsvorsitz. Viel zu spät, so wird dem RWE-Aufsichtsratschef Friedel Neuber vorgehalten, habe dieser nach einem externen Kandidaten für die Kuhnt-Nachfolge gesucht und dann Roels „wie ein Kaninchen aus dem Hut“ gezaubert. Immerhin gelang es dem Neuen, den gesamten Aufsichtsrat hinter sich zu bringen – eine große Leistung: Denn im Aufsichtsrat hat er es mit dem Versicherungskonzern Allianz AG als großem Einzelaktionär zu tun, dem 12 % der Aktien gehören. Die kommunalen Alteigentümer verfügen immer noch über gut 30 % der Anteile und sind längst zerfallen in CDU- und SPD-geführte Lager. Auf der Arbeitnehmerbank schließlich konkurrieren die Gewerkschaft ver.di und die IG BCE gegeneinander. RWE war von der früheren IG Bergbau – heute aufgegangen in der IG BCE – dominiert, mit der Übernahme von VEW wurde plötzlich die frühere ÖTV und heutige Gewerkschaft ver.di stärkste Kraft auf der Arbeitnehmer-Seite. Sie entriss der IG BCE sogar den „Vize“ im Aufsichtsrat. Insgesamt gelang es Neuber und Roels, diese kontroversen Strömungen im Aufsichtsrat hinter sich zu bringen – mit welchen Versprechungen bleibt offen. Beim Konzernnachbarn RAG trägt die Arbeitnehmerbank den umstrittenen Tausch der „Ruhrgas- gegen Degussa-Anteile“ mit, weil die Firma bei allen Umstrukturierungen auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten will.
Auf jeden Fall deutet das Engagement des Holländers auf ein verstärkt internationales Auftreten hin. Dafür sprechen die Firmen-Zukäufe in Milliardenhöhe im Ausland, die es zu integrieren gilt, ebenso wie die Ernüchterung, die einige ambitionierte RWE-Projekte im Inland ausgelöst haben. Dies gilt etwa für Powerline, also das Telefonieren über die Stromkabel. RWE hält zwar offiziell noch an dem Projekt fest. Allerdings sind die technischen Probleme immens – vor allem die mangelnde Abschirmung der Stromkabel sorgt häufig für Datensalat.
Die Brennstoffzellen-Technologie entwickelt sich ebenfalls zäh. Zwar hatte RWE schon Stückzahlen genannt, nach denen in wenigen Jahren mehr als 100 000 dieser Brennstoffzellen im Keller der Privatkunden montiert würden. Doch die Technik hakt. RWE-Konkurrent Ruhrgas betrachtet die RWE-Werbung zur Brennstoffzelle als „Marketing-Gag“, die Technik selbst als „Medienereignis“. Die Zelle komme – „aber nicht übermorgen“, so Ruhrgas. Schließlich hakt es auch beim Multi-Utility-Projekt, also dem Angebot verschiedener Produkte und Dienstleistungen wie Strom, Gas, Wasser, Entsorgung und Services aus einer (RWE-)Hand. Ob der Vertrag des zuständigen Konzernvorstandes Manfred Remmel im Spätsommer verlängert wird, gilt als offen.
Diesen Rückschlägen in Deutschland steht ein stürmischer internationaler Ausbau gegenüber – mit dem „Internationalisten“ Harry Roels ab Februar 2003 an der RWE-Spitze. Wenn es demnächst bei den Vorstandssitzungen in Essen statt „guten Tag“ „goede middag“ heißt, wird sich der Fokus des Konzerns weg von der Betreuung einzelner Privatkunden, wie etwa in Hilchenbach im Siegerland, hin zu internationalen Projekten bewegen. Die Übernahme des britischen Unternehmens Thames Waters in Chile, das drei Viertel der dortigen Wasserwirtschaft beherrscht, ist da nur ein Beispiel. Roels ist international anerkannter Energiefachmann, dem es gelingen sollte, die Firmenzukäufe der vergangenen Monate im Wert von rund 30 Mrd. € zu integrieren. Gleichzeitig muss er im Inland, wo RWE noch immer die umsatzstärksten Geschäfte macht, um Akzeptanz kämpfen. Roels hat, anders als beispielsweise der langjährige Beteiligungsvorstand Richard Klein, keine „Hausmacht“. Zudem war gerade Klein mit seinen Ambitionen, an die Spitze des Konzerns zu rücken, erst in den letzten Wochen gescheitert.
Dass Roels kein „Eigengewächs“ von RWE sei, ist eine „Herausforderung“, biete aber auch einen Vorteil: Wer sich nicht über viele Jahre in einem Unternehmen hochgearbeitet hat, der könne weniger voreingenommen arbeiten, vor allem, wenn neue Weichenstellungen nötig sind. Das sagt der amtierende RWE-Chef Dietmar Kuhnt, der zu den wenigen gehört, die Erwartungen an seinen Nachfolger formulieren. Kuhnt erwartet, dass sich der Niederländer „auch bald“ für Gespräche mit Bundes- und Landesregierung gut präparieren wird, sieht also die Sprachhürde, die sein Nachfolger überwinden muss. „Als Niederländer ist Roels eng mit der deutschen Kultur verbunden“, so Kuhnt am Wochenende.
Nur einen Monat Übergangszeit vom alten Vorstandschef Dietmar Kuhnt auf Harry Roels gönnen sich die beiden Firmenlenker. Und dieser Monat – der Februar 2003 – ist der kürzeste im Jahr mit nur 28 Tagen.
MARTIN ROTHENBERG

Von Martin Rothenberg
Von Martin Rothenberg

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