Verstrahlte Staubwolken 17.12.2015, 11:04 Uhr

Fukushima: Neue schwere Vorwürfe gegen AKW-Betreiber

Deutsche Wissenschaftler erheben schwere Vorwürfe gegen den Betreiber des Atomkraftwerkes in Fukushima: Weil die „einfachsten Vorsichtsmaßnahmen außer Acht gelassen“ wurden, sei noch zwei Jahre nach dem Reaktorunglück extrem strahlender Staub entwichen.

Satellitenfoto des Atomkraftwerks Fukushima I wenige Sekunden nach einer Explosion in Reaktor 3, aufgenommen am 14.03.2011: Jetzt ergab eine neue Studie, dass selbst zwei Jahre nach der Katastrophe bei den Sanierungsarbeiten noch stark belasteter Staub durch Winde in die immer noch bewohnte Stadt Minamisoma geblasen wurde.

Satellitenfoto des Atomkraftwerks Fukushima I wenige Sekunden nach einer Explosion in Reaktor 3, aufgenommen am 14.03.2011: Jetzt ergab eine neue Studie, dass selbst zwei Jahre nach der Katastrophe bei den Sanierungsarbeiten noch stark belasteter Staub durch Winde in die immer noch bewohnte Stadt Minamisoma geblasen wurde.

Foto: DigitalGlobe/dpa

300 Gigabecquerel an Cäsium-137 sind noch 2013, zwei Jahre nach dem Reaktorunglück von Fukushima, auf dem AKW-Gelände freigesetzt und durch den Wind bis in eine Nachbarstadt weitergetragen worden. Das ist das Ergebnis einer Studie, die Forscher der Leibniz Universität Hannover gemeinsam mit japanischen Kollegen durchgeführt haben.

Grund für die extrem strahlende Staubwolke seien Erdarbeiten der Kraftwerkbetreibers Tepco auf dem Gelände des Atomkraftwerkes gewesen. Das Cäsium verseuchte demnach durch „sekundäre Verfrachtung“ die Stadt Minamisoma, die von den direkten Folgen des Unfalls zunächst verschont geblieben war und in der heute noch mehr als 60.000 Menschen leben.

Menschenleere Straße in der Stadt Namie, nördlich von Fukushima. Forscher haben auch weit entfernt vom Reaktor in weiter bewohnten Gebieten schwerflüchtiges Strontium-90 gefunden.

Menschenleere Straße in der Stadt Namie, nördlich von Fukushima. Forscher haben auch weit entfernt vom Reaktor in weiter bewohnten Gebieten schwerflüchtiges Strontium-90 gefunden.

Foto: Kimimasa Mayama/dpa

„Das haben wir nicht für vorstellbar gehalten“

Die Wissenschaftler vom Institut für Radioökologie und Strahlenschutz stellen ihre Ergebnisse in der Fachzeitschrift „Environmental Science & Technology“ (Volume 49, Nr. 24) vor. Prof. Georg Steinhauser, Co-Initiator der Untersuchung, ist entsetzt über die Fahrlässigkeit bei Tepco: „Die Ergebnisse in diesem Ausmaß haben uns überrascht, das haben wir nicht für vorstellbar gehalten. Tepco hat offensichtlich die einfachsten Vorsichtsmaßnahmen wie etwa Abdeckungen mit Planen zur Staubunterdrückung und das Warten auf günstige Windverhältnisse außer Acht gelassen“, kritisiert Steinhauser.

Die Forscher haben Ergebnisse von drei Luftfilterstationen ausgewertet, die nach dem Atomunfall 2011 nördlich, westlich und südlich des AKW in Fukushima installiert und seitdem in wöchentlichem Abstand abgefragt wurden. Außerdem wiesen Bodenproben hohe Konzentrationen des schwerflüchtigen Strontium-90 auf, das sonst fast nur in direkter Umgebung des Atomkraftwerkes gefunden wurde. Beides bringt die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass „die Staubwolken mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vom AKW-Gelände stammen“.

Serie von Fehlern begann schon bei Planung

Die Betreiberfirma hat bei den Erdarbeiten offenbar auch Arbeiter der hohen Strahlung ausgesetzt. Die japanischen Forscher fanden entsprechende Hinweise jedenfalls in Meldungen von Tepco an die Behörden, die aus dem fraglichen Zeitraum stammen.vSteinhauser fordert indirekt schärfere Kontrollen des Betreibers: „In Fukushima wird noch viele Jahrzehnte gebaggert werden – es kann nicht sein, dass Tepco dabei jedes Mal eine derartige kontaminierte Staubwolke erzeugt.“

Zerstörtes Gebäude im Atomkomplex Fukushima 2013: Noch zwei Jahre nach dem Atomunglück ist stark verstrahlter Staub in die Umgebung verweht worden. 

Zerstörtes Gebäude im Atomkomplex Fukushima 2013: Noch zwei Jahre nach dem Atomunglück ist stark verstrahlter Staub in die Umgebung verweht worden. 

Foto: Tepco

Die fahrlässigen Erdarbeiten sind aber nur das neueste bekanntgewordene Kapitel einer Serie von Pannen und Fehlern: Erst vor wenigen Monaten hat eine Studie schwere Versäumnisse schon bei der Planung des Atomkraftwerks nahe der japanischen Küste und in einem stark erdbebengefährdeten Gebiet festgestellt.

Die Kernschmelze im März 2011, ausgelöst durch ein Seebeben und einen folgenden Tsunami, war demnach durch „Arroganz und Ignoranz“ ermöglicht worden.

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