Erdgas 23.04.1999, 17:21 Uhr

Flottenbetreiber sollen Gasantrieb anschieben

Sie will sich zusammen mit der Mineralölindustrie am Aufbau eines Tankstellennetzes in Deutschland finanziell beteiligen.

Fachleute sehen in der Verlängerung der Steuervergünstigung für Ergas als Kraftstoff durch die Bundesregierung einen zukunftsweisenden Weg für die städtische Umweltpolitik. Die EU-Kommission will den Erdgasantrieb fördern und thematisiert dies mit: „Europäisch handeln, lokal umsetzen“. Erdgasfahrzeuge – ein Markt vor dem Durchbruch? Auf der gleichnamigen Tagung des Bundesverbandes der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft (BGW) am 14. April in Düsseldorf wurde über die Grundlagen für die forcierte Marktentwicklung von Erdgasfahrzeugen diskutiert.
Weltweit gibt es laut BGW 1 Mio. umweltfreundliche Erdgasfahrzeuge. Die meisten, etwa 400 000, fahren in Argentinien. Rußland mit seinen reichen Gasvorkommen und Italien, das seit langem Erdgas fördert, folgen mit jeweils 250 000 Fahrzeugen. „Trotz erheblicher Anstrengungen sind wir in Deutschland nicht über die bescheidene Zahl von 5000 erdgasgetriebenen Fahrzeugen hinausgekommen“, räumte Ruhrgas-Vorstand Siegbert Strecker gleich zu Beginn der Tagung ein.
Um sich mit der Automobilindustrie und der Mineralölwirtschaft auf ein gemeinsames Markteinführungskonzept zu einigen, hatte der BGW die Beteiligten nach Düsseldorf geladen. Sieht doch die Gaswirtschaft Erdgasfahrzeuge im Kommen, so Strecker. Ein wichtiger Grund sei die Verlängerung der Steuervergünstigung bis zum 31. Dezember 2009. Pluspunkte gibt es auch bei den Betriebskosten: „Erdgas ist mit einem Preis von -1 DM/kg um 25 % günstiger als Dieselkraftstoff“, stellte Ruhrgas-Vorstand Strecker fest. Damit würden die Betriebskosten bei rund 7 DM/100 km liegen.
Mit 100 Tankstellen hapere es aber immer noch an der Infrastruktur, kritisierten Marktforscher der Unternehmensberatung Roland Berger in einer Studie für den BGW. Für die wirtschaftliche Einführung der Technik sei mindestens der Betrieb von 400 000 Erdgasfahrzeugen in den nächsten 15 Jahren nötig, attestierte der Bericht. „Um die Entwicklung zu beschleunigen, wollen wir in den nächsten drei bis fünf Jahren bundesweit auf 220 Tankstellen für Erdgas kommen. Am Ausbau wird sich die deutsche Gaswirtschaft mit 50 Mio. DM beteiligen“, kündigt Strecker an. Im weiteren seien 300 Erdgaszapfstellen anvisiert.
Doch auch dann kann, verglichen mit rund 17 000 Tankstellen, die konventionellen Kraftstoff bereitstellen, von flächendeckend noch keine Rede sein. „Pioniere bei der Markteinführung sollen zunächst auch nicht die privaten Pkw-Nutzer, sondern große Flottenbetreiber des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) oder der Paketdienste in den Ballungsräumen sein“, erläutert Strecker, der bereits die Zusage eines großen Verteilers, der Telekom, hat. Konkrete Zahlen nannte er jedoch nicht.
Die Mineralölindustrie hat dem Konzept der Gaswirtschaft, das in einer endgültigen Version im Sommer vorliegen soll, schon jetzt ihre Unterstützung zugesagt. Henning Giere, Forschungsleiter bei Aral in Bochum, gibt sich noch verhalten optimistisch: „Der Aufbau eines Netzes von 300 bis 400 Erdgas-tankstellen ist für uns mittelfristig kein Problem. Voraussetzung ist aber die Wirtschaftlichkeit.“ Genau hier dürfte sich die Katze in den Schwanz beißen, denn freilich kann der erste Schritt in eine neue Technologie noch nicht sofort wirtschaftlich sein. Giere rechnet jedoch vor: „Die Umrüstkosten für eine Tankstelle liegen bei 500 000 DM. Um diese wirtschaftlich betreiben zu können, brauchen wir mindestens 1000 Fahrzeuge je Tankstelle und Monat.“ Die beste Aral-Erdgastankstelle liege jedoch erst bei 80 Fahrzeugen pro Monat mit einem Absatz von 6000 kg. Das sei für sein Unternehmen ein „Nullsummenspiel“, so Giere.
Die Skepsis der Mineralölwirtschaft betrifft vor allem zwei Punkte: Zum einen visiert die Erdgasinitiative in der Anfangsphase ausschließlich große Flottenbetreiber wie kommunale und städtische Busbetriebe an. Doch gerade die besitzen ein eigenes Zapfsäulennetz und genießen zudem als Großabnehmer Sonderkonditionen. „Was nützt uns ein gut ausgebautes Erdgas-Tankstellennetz, wenn kein Kunde kommt“, gibt Giere zu bedenken.
Gieres Forderung: „Wir brauchen auch den privaten Verbraucher.“ Dem würden aber sperrige und kostspielige technische Zwitterlösungen, die heute zur Unterbringung sowohl von herkömmlichem Kraftstoff als auch von Erdgas nötig sind, den Appetit auf den Kauf eines Erdgasfahrzeugs verderben. „Bivalent ausgerüstete Fahrzeuge haben sich bislang als ein Hindernis für die Markteinführung von Erdgas als Kraftstoff herausgestellt“, glaubt der Aral-Forschungsleiter. Den Schwarzen Peter gibt die Autoindustrie weiter. „Wir müssen bei der Ausrüstung unserer Fahrzeuge auch an den Erhalt des Wiederverkaufswertes denken“, erwiderte Detlef Frank, Leiter Wissenschaft und Forschung bei BMW.
Auch die Städte sehen in der Verlängerung der Steuervergünstigung für Erdgasfahrzeuge bis Ende 2009 „keinen ausreichenden Anreiz“ für Neuanschaffungen oder das Umrüsten ihres Busfuhrparks, wie sich Carsten Hansen, Verkehrsreferent beim Deutschen Städte- und Gemeindebund (DStGB), ausdrückt. Sein Vorschlag: „Die Gewährung von Preisvorteilen beim Erdgasbezug mit einer Abnahmegarantie koppeln.“ Kräftig schlagen auch die Anschaffungskosten zu Buche. „Ein Erdgasbus käme uns 60 000 DM teurer als ein Dieselbus. Wir haben uns deshalb für die Nachrüstung unserer Dieselbusse mit dem ,CRT “-Filtersystem entschieden. Dafür kalkulieren wir mit Kosten von lediglich 12 000 DM pro Bus“, erklärte Burkhard Eberwein von den Berliner Verkehrsbetrieben (BVB).
Ginge es allein nach den Politikern, dürften die Tage von Dieselfahrzeugen im Verteiler- und Busverkehr in den Innenstadtregionen gezählt sein. „Der Verkehr mit Dieselfahrzeugen wird auf lange Sicht aus den Innenstädten verdrängt werden“, sagt Michaele Hustedt von Bündnis 90/Die Grünen.
Das sieht auch Barbara Möhlendick, Verkehrsexpertin beim Europabüro der Stadt Köln, so: „Wir gehen davon aus, daß es künftig in den Innenstadtbereichen Zugangsbeschränkungen für den Schwerverkehr geben wird.“ Manche Flottenbetreiber wie der Paketdienst United Parcel Service in Köln haben deshalb bereits einige Fahrzeuge auf Erdgasantrieb umgerüstet. Ein Pilotprojekt, das mit finanziellen Mitteln der EU gefördert wird, so Möhlendick. Sie verweist ausdrücklich auf das laufende EU-Rahmenprogramm „Forschung und Entwicklung“, das rund 3 Mrd. DM für Pilotprojekte des umweltfreundlichen Verkehrs mit einer Förderquote bis zu 50 % bereitstellt. Allerdings sei für die Teilnahme die Beteiligung von europäischen Konsortien Bedingung, so Möhlendick.
SILVIA VON DER WEIDEN/WOP
Flottenbetreiber, wie Busbetriebe des öffentlichen Personennahverkehrs sowie Unternehmen mit Lkw-Verteiler-verkehr und Speditionen, sollen für den Einsatz von Erdgasfahrzeugen in den Städten gewonnen werden.

Ein Beitrag von:

  • Silvia von der Weiden

  • Wolfgang Pester

    Ressortleiter Infrastruktur bei VDI nachrichten. Fachthemen: Automobile, Eisenbahn, Luft- und Raumfahrt.

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