Energie 22.08.2003, 18:26 Uhr

Experten sehen Gefahren der Liberalisierung

Ein starker Wettbewerbsdruck ließ viele US-Stromversorger immens an ihren Netzen sparen. Diese und weitere Ursachen des längsten Strom-Gaus in den USA rütteln die deutsche Energiebranche wach. Wie sicher ist die Stromversorgung hierzulande? Unterdessen kommt in den USA die Schadenanalyse voran.

Nach dem Stromausfall im Nordosten der USA und Kanadas warnen Experten vor den Folgen der Liberalisierung für die deutsche Energieversorgung. Einen großflächigen Stromausfall schloss Wulf Bernotat, Vorstandsvorsitzender des Düsseldorfer Energiekonzerns E.on, aus. Aber die Liberalisierung des Strommarktes führt laut der Deutschen Energieagentur in Berlin zum Abbau von Überkapazitäten, wodurch die Energiewirtschaft in Zukunft gegen Engpässe kaum gewappnet sei. Die Grünen forderten eine gesetzliche Verpflichtung der Stromerzeuger zur Qualitätssicherung der öffentlichen Infrastruktur.
E.on-Chef Bernotat sagte, die deutsche Stromversorgung sei in ein gesamteuropäisches Höchstspannungsnetz eingebunden, so dass bei Ausfall eines Netzteiles sofort ein anderes einspringe. Einen Grund für den Stromausfall in den USA sieht Bernotat in der zum Teil überstürzten Liberalisierung auf dem US-Strommarkt. Durch den wachsenden Wettbewerbsdruck hätten zahlreiche US-Energieversorger die Investitionen in ihre Netze stoppen müssen. Das habe fatale Folgen für die Versorgungssicherheit gehabt. Das Beispiel USA lehre, dass die Rahmenbedingungen für Investitionen nicht gefährdet werden dürften.
Auf Grund der seit 50 Jahren in Europa herrschenden Monopolsituation gebe es derzeit immer noch Überkapazitäten, sagte der Geschäftsführer der Deutschen Energieagentur in Berlin, Stefan Kohler. Die Unternehmen würden jetzt aber „sehr genau prüfen, planen und die Risiken abschätzen, ob sie ein Kraftwerk, das sie heute bauen, auch entsprechend auslasten können“. Damit würden Investitionen weit kritischer beurteilt als bisher, so dass es keine Überkapazitäten mehr geben werde.
Keine akute Gefahr sieht Bundesumweltminister Jürgen Trittin. „Deutschland produziert mehr Strom, als es verbraucht“, sagte der Grüne. Aber das Beispiel USA zeige, dass es keine Versorgungssicherheit für einen unbegrenzten Bedarf gebe. „Wir müssen auch lernen, sparsamer mit Strom umzugehen. Es ist besser, Häuser zu isolieren, als sie im Sommer wie im Winter mit Strom und Klimaanlagen zu temperieren.“
Der Fraktionsvize der Grünen im Bundestag, Reinhard Loske, rief dazu auf, in dem zur Novellierung anstehenden Energiewirtschaftsgesetz die Betreiber dazu zu verpflichten, die Qualität der Stromnetze zu sichern. Es gebe auch in Deutschland Tendenzen wie in den USA, „nur auf die schnelle Mark zu achten und das Energienetz zu vernachlässigen“. Zwar gebe es zurzeit längst keine amerikanischen Verhältnisse in Deutschland, „aber das muss auch so bleiben“. Zugleich schlug Loske vor, die Stromerzeugung künftig stärker zu dezentralisieren. „Der Blackout hat gezeigt, dass die großen Strukturen sehr störanfällig sind.“
Unterdessen kommt die Fehlersuche nach dem schweren Stromausfall voran. Drei fehlerhafte Hochspannungsleitungen im US-Staat Ohio haben ihn wahrscheinlich verursacht. Das teilte am vergangenen Wochenende einer der Ermittler mit, die die Ursache des Stromausfalls untersuchen. „Wir sind ziemlich sicher, dass das Problem in Ohio begonnen hat“, sagte Michehl Gent, der Leiter des North American Electric Reliability Council (NERC). Es müsse jetzt geklärt werden, weshalb die Lage nicht unter Kontrolle gebracht worden sei. Eigentlich sei das System so ausgelegt, dass eine derartige Kettenreaktion vermieden werde.
Der Strom war am Donnerstagnachmittag ausgefallen und hatte das öffentliche Leben im Nordosten und dem Mittelwesten der USA sowie Teile im Süden Kanadas lahm gelegt. Rund 50 Mio. Menschen waren betroffen. Ein Sprecher des Stromversorgers Consolidated Edison teilte am späten Freitagabend mit, dass New York wieder elektrischen Strom habe. In Toronto war zunächst nicht sicher, ob die U-Bahn zum Beginn des Berufsverkehrs am Montag wieder verkehren würde. In Detroit ging auch das Benzin zur Neige, weil die elektrischen Pumpen der Tankstellen nicht arbeiteten. In Michigan und Connecticut wurden die Bewohner aufgerufen, freiwillig Strom zu sparen. Mehr als 50 Fabriken standen still, darunter auch Werke von Ford, General Motors und Chrysler.
Der kanadische Ministerpräsident Jean Chrétien und US-Präsident George W. Bush vereinbarten die Einrichtung einer gemeinsamen Untersuchungskommission, die auch Vorschläge machen soll, wie so ein Desaster in Zukunft verhindert werden kann. Amerikanische Wissenschaftler erklärten unterdessen, sie hätten die US-Regierung bereits seit Jahren vor den Schwächen des Stromnetzes gewarnt.
Ingenieure und Computerexperten stehen nun vor einer Sisyphus-Aufgabe: Sie sollen den gigantischen Berg von Daten aus den Kraftwerken analysieren und eine möglichst sekundengenaue Chronik der Ereignisse erstellen. Sie setzen dabei auf Ermittlungstechniken, die auch nach Flugzeugabstürzen zum Einsatz kommen. „Wir werden uns jede Sekunde ansehen, um festzustellen, wie diese Schockwelle über uns hereinbrach und warum wir sie nicht stoppen konnten“, sagt Stephen Allen, der Sprecher des Northeast Power Coordinating Council. „Innerhalb von sieben bis zehn Tagen wird uns eine sehr genaue Chronik vorliegen, fast Sekunde für Sekunde.“
Nach Ansicht von Michehl Gent, Leiter des Koordinierungsrates NERC, hat sich der Stromausfall so schnell ausgebreitet, dass einige wichtige Momente möglicherweise nicht aufgezeichnet worden sind. Spezialisten begannen bereits mit der Sammlung der Daten aus Schaltern und Sensoren. Aufzeichnungen der Stimmenrekorder in den Kontrollräumen sollen den Ermittlern Hinweise auf mögliche Fehler der Mitarbeiter liefern. mg

  • Manfred Grotelüschen

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