Erdgas 21.07.2006, 19:22 Uhr

Europa bleibt Topkunde für russisches Erdgas  

VDI nachrichten, Moskau, 21. 7. 06, mg – Der russische Konzern OAO Gazprom festigt und erweitert seine Marktpositionen in europäischen Ländern. Mit neuen Transportvarianten will er weniger abhängig von einzelnen Transitländern werden und neue Märkte erschließen. Auch in politisch nahe stehenden Ländern will Gazprom Marktpreise durchsetzen.

Höhere Erdgaspreise haben dem weltgrößten Produzenten OAO Gazprom im Geschäftsjahr 2005 erneut Rekordergebnisse eingebracht. Während sein Gasabsatz um knapp 3 % auf 540 Mrd. m³ zulegte, kletterte der Umsatz aus Gasverkäufen um 35 % auf 1037 Mrd. Rubel (30 Mrd. €). Dabei erwirtschaftete der staatlich kontrollierte russische Konzern mehr als die Hälfte des Umsatzes aus Gasverkäufen in den Ländern Mittel- und Westeuropas, wo er ein knappes Drittel seines Erdgases verkauft.

Wie Vorstandsvorsitzender Alexej Miller bei der Hauptversammlung des Unternehmens am 30. Juni in Moskau sagte, soll Europa auch der Hauptexportmarkt für Gazprom bleiben. „In Europa haben wir gewachsene Partnerbeziehungen, dorthin führen unsere hauptsächlichen Transportkapazitäten“, sagte Miller.

Dafür sprechen auch die Marktaktiväten des russischen Konzerns. Anfang Juli 2006 schloss er mit der Leipziger Verbundnetz Gas (VNG) über das deutsch-russische Gemeinschaftsunternehmen Wintershall Erdgas Handelshaus einen langfristigen Liefervertrag. Danach wird Gazprom von 2014 bis 2030 über 90 Mrd. m³ Erdgas an den ostdeutschen Gashändler liefern. Mit der dänischen Dong Energy vereinbarte er, ab 2011 erstmals russisches Erdgas nach Dänemark zu liefern.

Damit ist ein interessantes Koppelgeschäft verbunden: Dong wird ab 2007 Erdgas aus der neu erschlossenen norwegischen Lagerstätte Ormen Lange an die britische Vertriebstochter des russischen Konzerns, Gazprom Marketing & Trading (GMT), liefern. In Großbritannien will Gazprom seinen derzeitigen Erdgasabsatz von 4 Mrd. m³ Erdgas im Jahr bis 2010 auf 10 Mrd. m³ ausbauen. Das entspricht etwa einem Fünftel des britischen Marktes. Dabei wollen die Russen möglichst Großkunden direkt versorgen: Im Juni 2006 konnten sie ein Portfolio von 600 Industriekunden der Pennine Natural Gas Limited übernehmen.

Um zusätzliche Erdgasmengen auf den gewinnträchtigen europäischen Markt liefern zu können und beim Pipelinetransport weniger abhängig von einzelnen Transitländern zu werden, plant Gazprom neue Leitungswege. Dazu gehört das Projekt der Nordeuropäischen Erdgas-Pipeline (NEGP), die von 2008 bis 2010 von Russland durch die Ostsee zur deutschen Küste bei Greifswald verlegt werden soll. Für sie gibt es bereits vorläufige Vereinbarungen mit den Projektpartnern BASF und E.on sowie N.V. Nederlandse Gasunie. Bei der Gazprom-Hauptversammlung sprach Vorstandsvorsitzender Alexej Miller nun auch von neuen Leitungsprojekten im Süden. Dabei könne die Türkei zu einer „Transitbrücke zwischen Russland und Europa“ werden.

Das Fundament dafür ist mit der Erdgas-Pipeline „Blue Stream“ (Blauer Strom) bereits vorhanden, die Gazprom bis 2003 gemeinsam mit der italienischen Eni SPA von Russland durch das Schwarze Meer in die Türkei verlegt hatte. An sie könnten nun neue Projekte für den Erdgastransport nach Europa anschließen: So nannte Miller eine „Südeuropäische Gaspipeline“ (SEGP) für Lieferungen in die Länder Mittel- und Osteuropas. Ein ähnliches Projekt verfolgen mehrere europäische Gasversorger mit der Nabucco-Pipeline. Sie soll ab 2011 Erdgas aus Aserbaidschan und Iran, möglicherweise auch aus Russland, über die Türkei durch Südosteuropa bis nach Österreich transportieren. Über die SEGP hinaus hält es Miller für möglich, von Blue Stream aus Leitungen nach Griechenland und Italien sowie nach Israel zu bauen.

Neue Pipelines will Gazprom auch nach China legen, auf einer westlichen und einer östlichen Route. Die ersten Erdgaslieferungen kündigte Miller für 2011 an, als jährlichen Umfang nannte er 68 Mrd. m³. „Die Priorität liegt auf der westlichen Route, für die jährliche Lieferungen von 30 Mrd. m³ vorgesehen sind.“ Darüber hinaus betritt der Konzern schrittweise den Markt für Flüssigerdgas (Liquefied Natural Gas, LNG), das per Tankschiff über die Weltmeere transportiert wird. Die ersten LNG-Lieferungen auf den nordamerikanischen und den britischen Markt hat Gazprom inzwischen abgewickelt. Da der russische Konzern noch nicht über die nötigen Verflüssigungsanlagen verfügt, tauschte er das LNG bei europäischen Partnern gegen Pipelinegas. LNG-Lieferungen aus eigener Produktion kündigte Miller für die Zeit nach 2010 an.

In den Russland benachbarten Transformationsländern setzt Gazprom zunehmend Gaspreise durch, die sich am internationalen Niveau orientieren. So stieg der Gaslieferpreis in der Republik Moldau ab 2006 von 80 $ auf 110 $ je 1000 m³ Erdgas, wird nun allerdings in jedem Quartal neu verhandelt. Zeitweilige Regelungen gelten ebenso in der Ukraine, dem derzeit wichtigsten Transitland für russischen Erdgasexport nach Europa. Hier hatte der Streit um Lieferpreise Anfang 2006 zu einem zeitweiligen Lieferstopp geführt, der bis ins mittel- und westeuropäische Gasnetz spürbar wurde.

Auch das politisch nahe Weißrussland soll ab 2007 nicht mehr wie bisher beim Gaspreis besonders begünstigt werden. „Es ist heute schon für alle erkennbar, dass Gazprom sein Gas im Export zu Marktpreisen liefern muss“, erklärte dazu Dmitri Medwedjew, Vorsitzender des Gazprom-Aufsichtsrats und stellvertretender Ministerpräsident Russlands. Nichtmarktwirtschaftliche Preise seien nur auf dem russischen Markt anwendbar. Die hier staatlich regulierten Großhandels-Preise brachten dem Konzern auf dem Inlandsmarkt im Geschäftsjahr 2005 einen Verlust von 8 Mrd. Rubel (233 Mio. €) ein.

Zufrieden gibt sich Miller damit nicht: „Auf dem Inlandsmarkt müssen die Preise für Gas die Verbraucher dazu aufrütteln, es effektiver einzusetzen.“ Beim Verkauf an Industriekunden sollen unter anderem Börsentechnologien genutzt werden, um die derzeitigen Preis-Ungleichgewichte zwischen Gas und alternativen Brennstoffen zu beseitigen. STEFAN SCHROETER

Von Stefan Schroeter
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