Erdgas 05.11.2004, 18:34 Uhr

Erdgasautos kommen nur sehr langsam in Fahrt

VDI nachrichten, Düsseldorf, 5. 11. 04 -Geht es nach der EU-Kommission, so soll Erdgas bis 2020 einen Anteil von 10 % des europäischen Kraftstoffmarktes erobert haben. Die Bundesregierung hat Erdgas deshalb langfristig steuerlich begünstigt. Die Autohersteller erweitern langsam ihr Fahrzeugangebot, langsam wächst auch das Tankstellennetz. Kritik kommt jedoch vom Umweltbundesamt. Gegenüber immer effizienteren Diesel-Pkw sei Erdgas, so das UBA, eine schlechte Alternative.

Langsam wächst das Erdgas-Tankstellentnetz in Deutschland. Aber es wächst. Aktuell sind es 515 Stationen. Ende des Jahres sollen es 540 sein. Das noch lichte Netz von Stationen wird dichter. „In den nächsten Jahren sollen jeweils 150 bis 200 neue Tankstellen dazu kommen“, erklärt Jens Steuber, der für die Netzplanung und Geschäftsentwicklung der Erdgas Mobil GmbH verantwortlich ist.
Bei Steuber laufen die Fäden zusammen, die 19 Ferngasgesellschaften, lokale Gasversorger und die großen Tankstellenketten derzeit in Sachen Erdgas (CNG = Compressed Natural Gas) spinnen. Ihr Ziel: 1000 neue Erdgastankstellen bis 2007. Oder, wie Steuber es gegenüber den VDI nachrichten ausdrückte: „In Ballungsgebieten sollen Autofahrer künftig alle 5 km eine Erdgastankstelle finden, im ländlichen Raum alle 25 km und in Mischgebieten alle 10 km – 15 km“. Natürlich plane man für große Bundesstraßen und Autobahnen extra.
Anschub erhält der Ausbau der Tankinfrastruktur durch günstige politische Rahmenbedingungen. Um unabhängiger von Erdöl zu werden, strebt die EU-Kommission an, dass mit Erdgas bis 2020 ein Anteil von 10 % des europäischen Kraftstoffbedarfs gedeckt wird. Die Bundesregierung unterstützt dieses Ziel, indem sie den Mineralölsteuersatz für Erdgas bis 2020 um 80 % gesenkt hat. Außer der Rohstoffdiversifikation begründet Rot-Grün diese Entscheidung mit dem Klima- und Umweltschutz. Als kohlenstoffärmster Kraftstoff habe Erdgas gegenüber Benzin und Diesel klare Vorteile beim CO2-Ausstoß.
Wegen den Steuervorteilen fahren Erdgasautos billiger. Laut Bundesverband der Deutschen Gas- und Wasserwirtschaft spare ein Mittelklassewagen bei 15 000 km Fahrleistung und einem Verbrauch von durchschnittlich 7 l Super je 100 km knapp 670 € Kraftstoffkosten im Jahr. Gegenüber einem Diesel bleiben in der gleichen Rechnung fast 300 € übrig. Zusätzlich fördern Bund, Länder und lokale Gasversorger die Anschaffung von Erdgasfahrzeugen und gasbetriebene Fahrzeuge stehen bei der Kfz-Steuer gut da. Sie fallen unter die Kfz-Steuer für Ottomotoren und sparen zusätzlich wegen ihrer guten Abgaswerte.
Vor diesen Zahlen überrascht es, wie langsam Erdgasautos die Nische verlassen. Unter 3,2 Mio. Pkw, die 2003 in Deutschland neu zugelassen wurden, waren laut Statistik des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) nur 2169 reine Gasfahrzeuge (monovalente Kfz nur Benzin-Nottank) und 1657 bivalente Pkw, die sowohl über Gas- und Benzintanks mit hinreichendem Volumen verfügen.
Der Anteil von Erdgasfahrzeugen am deutschen Pkw-Bestand ist verschwindend klein. Von den am 1. Januar 2004 rund 45 Mio. in Deutschland angemeldeten Pkw waren laut KBA nur 20 000 Erdgasautos. Sehr, sehr langsam fahren sie aus der Nische und nehmen Fahrt auf. So konnte Opel in diesem Jahr schon mehr als 4000 CNG-Pkw absetzen. Auch die Ford-Tochter CNG Technik GmbH in Mainz arbeitet laut ihrem Geschäftsführer Klaus Bohn am Limit, ihre Produktionskapazitäten seien ausgereizt.
Die Entwicklung des Kraftstoffes Erdgas und seines Marktes spiegelt sich darin wieder, dass Autohersteller neue CNG-Modelle auf den Markt bringen. Noch spärlich, aber mit posistiven Vorzeichen. So kündigten Ford, Opel, Volkswagen und Volvo und für die nächsten zwei Jahre diverse Erdgasmodelle an. Neu daran: Während bisher nur Opel seine Fahrzeuge konsequent für den Erdgasbetrieb optimierte, steigt nun auch VW auf monovalenten Gasbetrieb um. Wie Opel wollen die Wolfsburger die Erdgasvarianten ihres Touran und Caddy nur noch mit kleinen Benzin-Nottanks ausstatten. Dagegen bleiben Ford und Volvo vorerst bei bivalenten Antrieben. Begründung: Anders als in Deutschland sei das Tankstellennetz europaweit noch sehr licht.
Beim Umweltbundesamt (UBA) begrüßt man diese Entscheidung nicht unbedingt. Denn solange man die Motoren nicht voll auf Erdgasbetrieb ausrichte, verschenke man entscheidende CO2-Vorteile. „In einer ,tank-to-wheel“-Betrachtung der Energieeffizienz stehen bivalente Erdgasfahrzeuge schlechter da, als moderne Dieselfahrzeuge“, sagt Dr. Andreas Ostermeier, Experte für Schadstoffminderung und Energieeinsparung im Verkehr beim UBA.
Ostermeier kritisiert, die Senkung der Mineralölsteuer für Erdgas lasse sich mit Klimaschutz kaum begründen. Denn gegenüber immer effizienteren Diesel-Fahrzeugen sei Erdgas eine schlechte Alternative spätestens dann, wenn man das Gas künftig aus Sibirien importieren müsse. Denn auf 7000 km summierten sich der Energieaufwand für den Transport und das aus Lecks entweichende klimaschädliche Gas derart, dass von den CO2- Vorteilen der Erdgasverbrennung nichts mehr übrig bliebe. Der UBA-Experte möchte die politischen Entscheidungen zugunsten von Erdgas deshalb nicht als Klimaschutz, sondern als Beitrag zur Versorgungssicherheit verstanden wissen.
Günstiger schätzt Dr. Markus Umierski das Klimaschutzpotenzial von Erdgas ein. Der Oberingenieur am Lehrstuhl für Verbrennungskraftmaschinen der RWTH Aachen erforscht effiziente, monovalente Motoren. „Erdgas ist deutlich klopffester als Benzin und gut homogenisierbar. Deshalb bietet sich eine hohe Aufladung bei magerer Verbrennung an“, erklärte Umierski. So könne man den CO2-Vorteil von Erdgas voll nutzen. Versuche mit modifizierten Diesel-Basismotoren hätten dies bestätigt.
Hoch aufgeladene Magermotoren – beispielsweise mit 1,9 l Hubraum und 110 kW sowie 300 Nm max. Drehmoment – böten laut Umierski die gleichen Vorzüge wie moderne Dieselmotoren. Gegenüber heutigen Erdgasmotoren würde ihr Kraftstoffverbrauch um 20 % bis 30 % sinken – was auch das Reichweitenmanko beseitige. Ebenso seien im Emissionsverhalten die Erdgasmotoren top, so der Oberingenieur: In Projektionen erfüllen sie die scharfen US-Grenzwerte ohne Abgasnachbehandlung. Umierski: „Das alles lässt sich zu Kosten realisieren, die einem Dieselmotor ohne teure Einspritztechnik entsprechen.
PETER TRECHOW/WOP

 

Ein Beitrag von:

  • Peter Trechow

    Peter Trechow ist Journalist für Umwelt- und Technikthemen. Er schreibt für überregionale Medien unter anderem über neue Entwicklungen in Forschung und Lehre und Unternehmen in der Technikbranche.

  • Wolfgang Pester

    Ressortleiter Infrastruktur bei VDI nachrichten. Fachthemen: Automobile, Eisenbahn, Luft- und Raumfahrt.

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Energie & Umwelt

Canzler GmbH-Firmenlogo
Canzler GmbH Ingenieur TGA – Elektro-/Energietechnik (m/w/d) für Beratung, Planung und Objektüberwachung Berlin, Dresden, Erfurt, Frankfurt, Hamburg, Mülheim
ÖKOTEC Energiemanagement GmbH-Firmenlogo
ÖKOTEC Energiemanagement GmbH Ingenieur/in als Software Consultant für Energieeffizienz (w/m/d) Berlin
tado GmbH-Firmenlogo
tado GmbH Produktentwicklungsingenieur (m/w/d) München
Stadtwerke Potsdam-Firmenlogo
Stadtwerke Potsdam Ingenieur Energietechnik / Versorgungstechnik (m/w/d) Potsdam
Bundeswehr-Firmenlogo
Bundeswehr Duales Studium – Ingenieurin / Ingenieur (m/w/d) für Geoinformationen Berlin
SunCoal Industries GmbH-Firmenlogo
SunCoal Industries GmbH Leadingenieur:in Anlagenplanung (m/w/d) Ludwigsfelde
über Tröger & Cie. Aktiengesellschaft-Firmenlogo
über Tröger & Cie. Aktiengesellschaft Projektleiter (m/w/d) im Energiesektor Rheinland-Pfalz
Stadtwerke Leipzig GmbH-Firmenlogo
Stadtwerke Leipzig GmbH Projektingenieur (m/w/d) Anlagenbetrieb Leipzig
Technische Hochschule Mittelhessen-Firmenlogo
Technische Hochschule Mittelhessen Professur (W2) Life Cycle Assessment und Circular Economy Friedberg
TEGEL PROJEKT GMBH-Firmenlogo
TEGEL PROJEKT GMBH Projektingenieur (m/w/d) Umwelttechnik / Umweltverfahrenstechnik Berlin

Alle Energie & Umwelt Jobs

Top 5 Energie

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.