Energie 17.12.2004, 18:36 Uhr

Entflechtung wird zur finanziellen Belastungsprobe

VDI nachrichten, Düsseldorf, 17. 12. 04 – Den deutschen Energieversorgern bläst im kommenden Jahr ein scharfer Wind ins Gesicht, denn dann wird die Regulierungsbehörde ihre Arbeit aufnehmen. Mit den neuen Wettbewerbsanforderungen haben sich aber erst wenige der betroffenen Unternehmen befasst.

Mit der Neuregelung der Energieversorgung durch EU und Bundesregierung kommen erhebliche Belastungen auf sie zu, fürchten vor allem viele Stadtwerke und kleinere Energieversorger. Um einen diskriminierungsfreien Zugang für alle Anbieter auf dem Strom- und Gasmarkt zu gewährleisten, schreibt die EU eine weit gehende Entflechtung von Netz und Vertrieb in Organisation, Information und Buchhaltung vor. Von dem so genannten Unbundling können Unternehmen mit höchstens 100 000 Endabnehmern befreit werden.
Die Freistellung bezieht sich allerdings nur auf die gesellschaftsrechtliche, nicht aber die organisatorische Entflechtung. Eingebettet in das neue Energiewirtschaftsgesetz, das zum 1. April 2005 in Kraft treten soll, sind weitere neue Regelungen wie die heftig umstrittene Netzentgeltverordnung für Strom und Gas. Über den Wettbewerb im deutschen Energiemarkt wacht dann die Regulierungsbehörde, die jetzt schon für Post und Telekommunikation zuständig ist.
Diese könnte als ersten Paukenschlag die derzeit von den großen Energieversorgern mit Hinweis auf steigende Netznutzungskosten für das kommende Jahr angekündigte Strompreiserhöhung einer nachträglichen Missbrauchsaufsicht unterziehen und im Zweifelsfall sogar kassieren, so Ralf Wagner, Leiter der Kundenberatung beim Energiedienstleister ConEnergy AG, Essen, auf einer Euroforum-Fachtagung in Köln. „Zudem ist eine Vorabgenehmigung bei den Durchleitungspreisen sehr wahrscheinlich“, sagt der Experte. Auch überlegt die Bundesregierung den Verbraucherschutz weiter auszubauen. Denkbar sei, so Wagner, dass so genannte „watch dogs“ nach dem Vorbild Großbritanniens, wo es seit 1995 einen regulierten Energiemarkt gibt, in die Unternehmen geschickt werden, um Investitionspläne und Servicequalität der Netzbetreiber zu prüfen.
Ob das neue Energiewirtschaftsgesetz tatsächlich zum geplanten Termin in Kraft treten kann, ist noch nicht absehbar. Einigen von der Bundesregierung vorgesehenen Regelungen droht der Widerspruch des unionsdominierten Bundesrates. Die unionsregierten Länder machen sich für eine noch schärfere Wettbewerbsaufsicht stark. Eine Einigung zwischen Regierung und Rat ist derzeit offen.
Während der Zeitplan mit Fragezeichen versehen scheint, ist für Hartmut Gieske vom Vorstand der EVO Energieversorgung Oberhausen schon jetzt klar: „Es gibt bei uns keinen Bereich, der nicht in irgendeiner Form vom Unbundling betroffen ist.“ Um nicht von den neuen Wettbewerbsregeln überrascht zu werden, hat das Unternehmen, das rund 220 000 Menschen in seinem Einzugsbereich mit Strom und Gas versorgt, bereits ein Konzept zum organisatorischen Unbundling erstellt und auch mit der Umsetzung der ersten Schritte begonnen. Anfang des kommenden Jahres sollen die buchhalterische Trennung und im Sommer die informelle Entflechtung der Geschäftsbereiche bis zum so genannten „legal unbundling“ folgen.
Die Umstrukturierung kommt den Energieversorger teuer zu stehen. „Nur für die Trennung im IT-Bereich kalkulieren wir für den Zeitraum bis 2006 mit rund 600 000 €“, sagt Gieske. Eine eigens gegründete Abteilung Netzmanagement kümmert sich nun um die Umsetzung der Aufgaben, die durch Regulierung und Unbundling entstehen, sowie die Umsetzung des Gleichbehandlungsprogramms. Neue Schnittstellen werden im Unternehmen erforderlich, welche die Koordination übernehmen, um kostspielige Doppelarbeiten zu vermeiden. Zudem muss eine Strategie für eine einheitliche Sprachregelung gegenüber der Regulierungsbehörde erarbeitet werden.
Durchgerechnet hat der Energieversorger auch auf Grund von Erfahrungen, die in Österreich mit einem regulierten Energiemarkt gemacht wurden, wie sich der verschärfte Wettbewerb auf seine Erlöse auswirken könnte. Mit einschneidendem Ergebnis. „Uns würden rund 2,5 Mio. € im Jahr fehlen“, stellt Gieske fest. Doch biete die Neuordnung zugleich auch Chancen etwa durch die Schaffung von mehr Transparenz und dem stärken Ausschöpfen von Kosteneinsparmöglichkeiten. Die Aufwendungen für die Umstellung seien größtenteils einmalig. Durch die Regulierung verursachte Kosten fielen jedoch dauerhaft an.
Die meisten Stadtwerke scheinen den tatsächlichen Handlungsbedarf in ihrem Betrieb aber noch zu unterschätzen, stellt eine aktuelle Untersuchung der Unternehmensberatung Ernst & Young fest. Danach sehen nur 19 % der Unternehmen eine Notwendigkeit zu Umsetzungen beim gesellschaftsrechtlichen Unbundling. Organisatorisch fühlen sich immerhin 43 % betroffen. Den 7 % der Betriebe, die vor allem Chancen durch den neuen Wettbewerb sehen, stehen 26 % gegenüber, welche die Risiken als größer bewerten.
SILVIA VON DER WEIDEN

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  • Silvia von der Weiden

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