Windenergie 03.02.2012, 12:01 Uhr

Enertrag; Starke Kombination aus Wind und Wasserstoff

Das brandenburgische Energieunternehmen Enertrag geht neue Wege bei den erneuerbaren Energien. Im Herbst letzten Jahres wurde hier das weltweit erste Hybridkraftwerk in Betrieb genommen, das mithilfe von Windkraft Wasserstoff erzeugen kann. Im „Energieland Brandenburg“ ließen sich noch viele innovative Ideen umsetzen, sind sich die Enertrag-Verantwortlichen sicher.

Der Wind weht, wann er will. Für die Energiewirtschaft ist das ein großes Problem. Oder auch nicht, wie Jörg Müller meint, Gründer und Vorstandsvorsitzender des brandenburgischen Windkraftunternehmens Enertrag. Sein Vorschlag: Die Spitzen bei der Erzeugung von Windenergie an windreichen Tagen sollen für die Herstellung von Wasserstoff per Elektrolyse genutzt werden. Wasserstoff lässt sich gut speichern und in einem Blockheizkraftwerk wieder zur Stromerzeugung nutzen. Oder er kann für den Antrieb von Wasserstoffautos verwendet werden. Diese Technologie steckt zwar noch in den Kinderschuhen, könnte als CO2-freie Antriebstechnologie aber eine große Zukunft haben.

Enertrag baut weltweit erstes Hybridkraftwerk, das aus Windstrom Wasserstoff erzeugt

Enertrag hat am Firmensitz im kleinen Dorf Dauerthal bei Prenzlau, rund 80 km nordöstlich von Berlin, Nägel mit Köpfen gemacht. Ende Oktober wurde hier das weltweit erste Hybridkraftwerk in Betrieb genommen, das mithilfe des von drei Windkraftanlagen erzeugten Stroms über einen eigens konstruierten Elektrolyseur Wasserstoff erzeugen kann. Diese kleinmaßstäbige Produktion kann bei hoher Windenergieerzeugung rasch angefahren werden – binnen drei Minuten ist Volllast erreicht. Im März soll der Probelauf der 500-kW-Anlage in den Normalbetrieb übergehen.

Bundesweit gibt es erst wenige Hundert Autos, die mit Wasserstoff betrieben werden. Laut Jörg Müller hätten Fortschritte bei der Materialforschung die für den Wasserstoffantrieb notwendigen Brennstoffzellen inzwischen deutlich verbilligt. Wenn die Investitionen in den Aufbau eines Tankstellennetzes anlaufen würden, würde sich die Zahl der Wasserstoffautos rasch erhöhen, erwartet Jörg Müller.

Enertrag will am neuen Flughafen in Berling eine Demotankstelle für Wasserstoff errichten

Am künftigen Flughafen Berlin-Brandenburg wird die Enertrag eine Demotankstelle mit dem selbst erzeugten Wasserstoff betreiben. Dass das Hybridkraftwerk bei Prenzlau keine versponnene Technikspielerei ist, belegt die Liste der Projektpartner: Sie reicht vom Kraftstoffhersteller Total über den Energieversorger Vattenfall bis zur Deutschen Bahn und der TU Cottbus.

Mit dem Hybridkraftwerk möchte sich die Enertrag als „Thinktank für die Energiewende“ profilieren, wie Enertrag-Vorstand Werner Diwald meint. Die Energiebereiche Strom, Wärme und Mobilität müssten ganzheitlich gesehen werden. Und das könnten kleinere, mittelständische Unternehmen besser leisten als die Großversorger. Diwald sieht die Enertrag als „First Mover“, also als Innovationstreiber.

Die Basis für Prestigeprojekte wie das Hybridkraftwerk oder das firmeneigene, inzwischen 560 km lange Einspeisenetz für Windenergie ins europäische Höchstspannungsnetz bietet ein europaweiter Bestand an Windkraftanlagen. Derzeit betreibt die Enertrag rund 1000 Anlagen mit einer installierten Erzeugungsleistung von 760 MW. Rund ein Drittel des selbst erzeugten Stroms vermarktet die Enertrag selbst.

Enertrag investiert über 1 Mrd. € in Windkraftanlagen

Die Anlagen, die sich in Brandenburg ebenso drehen wie in Frankreich, Bulgarien oder Weißrussland, werden von einer zentralen Leitwarte in Dauerthal aus rund um die Uhr gesteuert. Mehr als 1 Mrd. € hat die Enertrag bereits in den Bau von neuen Windkraftanlagen, das eigene Hoch- und Mittelspannungsnetz sowie die erforderlichen Umspannwerke investiert den Jahresumsatz beziffert die Enertrag auf 250 Mio. €.

Vor 18 Jahren fing alles ganz klein an. Jörg Müller hätte als in der DDR ausgebildeter Ingenieur nach der Wiedervereinigung die Option gehabt, bei einem Großkraftwerk im Westen anzuheuern. Oder er hätte sich um die brandenburgische ländliche Region kümmern können, die sich in einem desolaten Zustand befand.

„Sie müssen sehen, was die Wende hier auf den Dörfern bedeutete“, erklärt Müller. „Bis 1989 beschäftigte die Landwirtschaft auf 1000 Hektar Land 200 Menschen. Heute sind es zwei Menschen. Die Region stand mit der Wende vor großen Herausforderungen. Die Landflucht ist noch nicht beendet.“

Die strukturelle Benachteiligung der ländlichen Gebiete im nördlichen Teil Ostdeutschlands könnte sich für die erneuerbaren Energien als Vorteil erweisen. Die windreiche Region bietet viele günstige Standorte für den Bau von Windkraftanlagen – ohne damit zugleich die Landwirtschaft zu verdrängen. Auch sei die Akzeptanz der Anlagen in dünner besiedelten Gebieten höher.

Enertrag-Gründer baut 1993 seine erste Windturbine

1993 machte sich Müller selbstständig und baute eine erste Windturbine. Im ehemaligen Gutshaus von Dauerthal ließ sich Müller mit seinen ersten Mitstreitern nieder. Die Technik war gerade interessant geworden, wurde von der klassischen Energiewirtschaft aber massiv bekämpft. Ab Mitte der 90er-Jahre mauserten sich die erneuerbaren Energien. Biomasseanlagen und Solardächer wurden massiv gefördert. „Hypes“, wie Müller meint. „Auch den Offshore-Windanlagen droht ein finanzielles Desaster. Am Ende werden lokale Fotovoltaikanlagen und für die breite Versorgung viele Windkraftanlagen an Land übrig bleiben.“

Wie das aussehen kann, ist heute schon in und um Dauerthal zu besichtigen. Hier steht ein Mix aus alten und neuen Windturbinen, die in verdichteten Gruppen angeordnet sind. „Wir stellen neben die älteren, bis 80 m hohen Turbinen neue, 150 m hohe, und gehen damit in die zweite Etage“, erklärt Müller. „Wenn Sie hier auf einen Turm steigen, sehen Sie in Sichtweite Windkraft mit einer Nennleistung von 600 MW.“

Über das eigene Netz und die zentrale Steuerung der Anlagen von der Leitwarte aus lässt sich die Stromerzeugung berechenbar machen. „Der erzeugte Strom wird gebündelt und am Einspeisepunkt ins Verbundnetz treten wir auf wie ein zentrales Kraftwerk“, sagt er.

Dem Versorger Vattenfall, der einen Teil des Stroms abnimmt, liefert die Enertrag Erzeugungsdaten von den Windkraftanlagen und eine Windkraftprognose der kommenden 24 Stunden.

430 Mitarbeiter hat die Enertrag europaweit, etwa 140 arbeiten in der Zentrale in Dauerthal, wo neben dem Gutshaus inzwischen zwei hypermoderne Bürogebäude stehen. Solche Arbeitgeber sind im deutschen Nordosten selten und begehrt. „Auch für das Energieland Brandenburg bietet die Windkraft langfristig große Perspektiven“, so Vorstand Werner Diwald. „Wenn irgendwann die Braunkohleverstromung abgebaut wird, bieten die erneuerbaren Energien Ersatzarbeitskräfte, Ersatzeinnahmen und Ersatzsteuern. Brandenburg hat da eine sehr große Chance.“

Ein Beitrag von:

  • Johannes Wendland

    Johannes Wendland ist freier Journalist und schreibt für überregionale Magazine, Zeitungen und Online-Medien u.a. über Wirtschaftsthemen, Raumfahrt und IT-Themen.

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