Energie 28.09.2012, 19:54 Uhr

Energiewende in Deutschland: „Wir brauchen eine einzige Schaltzentrale“

Das Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (Iwes) mit zwei Standorten in Kassel und Bremerhaven gilt als eines der wissenschaftlichen Schwergewichte, wenn es um die Gestaltung der Energiewende in Deutschland geht. Jürgen Schmid, Leiter des Iwes in Kassel, sieht die deutsche Politik bei diesem Megaprojekt am Scheideweg. Die Kosten, so Schmid, liefen aus dem Ruder; die alten Instrumente, macht er klar, greifen nicht mehr. Er fordert einen Masterplan und politische Steuerung aus einer Hand.

Energiewende in Deutschland: Ist ein neuer Masterplan notwendig?

Energiewende in Deutschland: Ist ein neuer Masterplan notwendig?

Foto: Trianel

VDI nachrichten: Herr Schmid, viele Experten machen sich Sorgen um die Energiewende. Woran hapert es?

Energiewende in Deutschland:

Energiewende in Deutschland: „Wir brauchen eine einzige Schaltzentrale“

Schmid: Ein großes Risiko sind die Kosten. Sie laufen vor allem auf dem Gebiet der Stromerzeugung aus dem Ruder, weil die Märkte sich viel schneller entwickelt haben, als die Bundesregierung dies erwartet hat. Wenn die Kostenschere sich noch weiter öffnet und die politischen Rahmenbedingungen sich aus einer Panik heraus abrupt ändern, drohen die Märkte zusammenzubrechen. Dies ist gerade in Spanien passiert, nachdem die Förderung von Wind- und Sonnenenergie eingestellt wurde.

Wie stehen die Märkte hierzulande da?

Sie gedeihen alle prächtig – der Solarmarkt sowieso, aber auch die Windenergie holt gerade wieder kräftig auf und die Biogasentwicklung läuft auch deutlich schneller an als geplant.

Das ist doch ein positives Signal.

Wenn es nicht mit zusätzlichen Kosten verbunden wäre. Die Umwälzkosten sind definitiv zu hoch: Die Erzeuger müssen Strom aus erneuerbaren Energien dazu kaufen, bezahlen müssen dies die kleinen Verbraucher. Die Großverbraucher profitieren hingegen, weil sie nur die Börsenstrompreise bezahlen müssen und die sind durch den Ausbau der erneuerbaren Energien gesunken. Das müsste alles nicht sein, wenn die Märkte sich ausbalancierter entwickeln würden.

Welchen Marktanteil haben die erneuerbaren Energien mittlerweile?

Sie stellen fast ein Viertel des Stromaufkommens bereit, aber sie müssen jetzt mehr und mehr Verantwortung für die Versorgungssicherheit und Stabilisierung der elektrischen Netze übernehmen. Und da gibt es bislang wenig Ansätze.

Sie fordern einen Gesamtplan für den Umbau der Energiesysteme. Wie sollte der aussehen?

Wenn wir nicht scheitern wollen, brauchen wir ein regionales Gesamtkonzept, das sich an der Situation und den Bedürfnissen vor Ort orientiert und die Wertigkeit der Energie in Beziehung setzt zum Bedarf.

Vor der Diskussion über politische Maßnahmen muss also eine systematische Analyse stehen. Man muss zum Beispiel wissen, was ist die Energie in Süddeutschland wert, im Ruhrgebiet oder in Norddeutschland und welche Energiequelle soll wo, wann und wie viel zur Versorgung beitragen. Die Frage, welche konventionellen Kraftwerke noch da sind, wann sie außer Betrieb gehen und wie viel die Erneuerbaren wann ausgleichen müssen, ist ebenso wichtig.

Was halten Sie denn von der Idee, neue Kohlekraftwerke zu bauen?

Bei der Forderung nach neuen Kohlekraftwerken sollten auch deren Laufzeiten bedacht werden. Unsere Analysen zeigen, dass diese wegen der Transformation kaum noch über 1000 Volllaststunden pro Jahr liegen. Damit ist jedoch kein wirtschaftlicher Betrieb mehr möglich.

Welche Technologien sind so erfolgversprechend, dass sie forciert werden sollten?

Ein großes Potenzial steckt in der Kraft-Wärme-Kopplung. Wir haben heute schon in Deutschland eine installierte Kapazität von 20 GW. Sie liefert aber derzeit nur 15 % der Energie, weil sie hauptsächlich im Winter genutzt wird. Man könnte aber durch eine einfache Kommunikationsmaßnahme die Kraft-Wärme-Kopplung motivieren, immer auch zu Zeiten von Stromdefiziten zu laufen.

Wie wollen Sie das steuern?

Mit intelligenten Netzen. Sie sind nach meiner Überzeugung die entscheidende Zukunftstechnologie im Energiesektor.

Aber diese intelligenten Netze existieren derzeit nur in Pilotversuchen.

Sie müssen flächendeckend kommen, egal, wie Sie die Wende gestalten. Smart Grids haben sozusagen eine doppelte Hebelwirkung: Wenn die Energie billig ist, laufen in der Industrie und den Haushalten die Verbraucher bevorzugt. Wenn Sie Defizite haben, schaltet man die Verbraucher ab, die man nicht unbedingt braucht. Und gleichzeitig gehen auch die Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen in Betrieb und produzieren Strom. Das heißt, ich reduziere den Verbrauch und erhöhe die Produktion dezentral beim Kunden.

Welche Zukunft hat die dezentrale Versorgung?

Dezentrale Energiesysteme werden in Zukunft immer wichtiger. Aber sie werden die Versorgung nicht allein schaffen, wenn es kostenoptimal ablaufen soll. Wir brauchen zusätzlich zentrale Elemente wie Wochenspeicher, Offshore-Wind oder auch die Pumpspeicherkraftwerke in den Alpen.

Welche Rolle spielt in Ihrem Szenario die Speichertechnik?

Der Bedarf an Speichern wird meiner Meinung nach völlig überschätzt. Man betrachtet die schwankenden Erzeugungen, überlegt, wie man sie durch Speicher ausgleichen kann und übersieht dabei das Potenzial des Lastmanagements völlig. Und für die kritischen zwei Wochen im Jahr ohne Sonne und Wind setze ich auf unser Konzept „Power to Gas“. Hier nutzen wir den überschüssigen Strom, um Wasser in Wasser- und Sauerstoff zu spalten. Der Wasserstoff reagiert dann mit Kohlendioxid, zum Beispiel aus Biogasanlagen, zu Methan. Bei Bedarf wird es als Erdgas in das bestehende Netz eingespeist.

Wer soll das Projekt Energiewende koordinieren?

Wir brauchen eine einzige Schaltzentrale, die am besten im Bundeskanzleramt angesiedelt wäre. Hier müssen die Fäden zusammenlaufen. Oder die Bundeskanzlerin muss ein Energieministerium einrichten und den anderen Ministerien die Kompetenzen in diesem Bereich entziehen. Herr Altmaier jedenfalls – so sehr ich ihn schätze – hat keine Chance, diese Aufgabe alleine zu lösen.

Herr Altmaier plädiert auch für eine Novellierung des Erneuerbare-Energien- Gesetzes (EEG). Wie stehen Sie dazu?

Das EEG stößt jetzt an seine Grenzen, weil die Marktvolumina nicht mehr beherrschbar sind. Wir haben im Moment ein System, das jedem Kraftwerksbauer erlaubt, ein Kraftwerk beliebiger Größe an die Stelle seiner Wahl zu setzen. Das kann nicht funktionieren. Wir brauchen statt der kostengerechten Vergütung eine Volumensteuerung, die regionale Aspekte und die Lage der Verbrauchszentren berücksichtigt.

Wie gewichten Sie die drei großen erneuerbaren Energien?

Ohne Frage wird die Windenergie die größte Rolle im neuen Mix spielen. Die Photovoltaik ist vor allem für die Mittagsspitzen nützlich. Für besonders wertvoll halte ich die Biomasse, weil wir sie nach Bedarf einsetzen können. Dies alles aber spiegelt sich im EEG nicht wider.

Wenn sie über Deutschland hinaus blicken: Wäre unser künftiges Stromversorgungssystem in Europa zu integrieren?

Leider nein. Aber unser Energiekonzept von 2011 ist sensationell gut. Wenn wir das europaweit hätten, wären wir schon einen großen Schritt weiter. Deutschland muss hier eine Pilotfunktion übernehmen. Alle Welt schaut, ob es hierzulande gelingt, aber wir müssen es kostenneutral schaffen. Wenn wir dabei pleitegehen ist dies nicht besonders empfehlenswert.

Sie haben die Kosten ja schon kalkuliert. Was kommt auf uns zu in den nächsten Jahren?

Der Schnittpunkt liegt im Jahr 2025. Dann haben wir Kostengleichheit mit den Konventionellen erreicht. Bis dahin müssen wir etwa 200 Mrd. € in die Quellen investieren und 30 Mrd. € in Netze und Speicher. Die Mehrkosten liegen aber zu keinem Zeitpunkt höher als 8 % der jetzigen Kosten für unseren Stromkonsum. Ab 2025 wird es dann billiger.

Sie verabschieden sich am 1. 10. in den Ruhestand. Welche Rolle wird das Fraunhofer-Iwes künftig beim Umbau der Energiesysteme spielen?

Sicherlich eine ganz zentrale. Denn wir sind das einzige Institut in Deutschland und Europa, das sich in dieser Konsequenz und Stringenz um das Zusammenspiel der Energieelemente kümmert, von der Quelle über den Transport, die Verteilung und Speicherung bis zum Verbrauch einschließlich der konventionellen Kraftwerkselemente.

Welche Player im Markt werden am Ende gewinnen, welche verlieren?

Zu den Gewinnern werden sicherlich diejenigen gehören, die sich für einen breiten Einsatz der erneuerbaren Energien engagieren, mit allen dazu gehörigen Elementen wie intelligenten Netzen, neuartigen Heizsystemen und der Elektromobilität.

Wie bei allen großen Veränderungen wird es aber auch Verlierer geben, vor allem dort, wo heute noch Verbrennungsprozesse für die Energiebereitstellung eingesetzt werden, wie zum Beispiel bei klassischen Kraftwerken, aber auch bei Verbrennungsmotoren und Brennern für Heizung und Prozesswärme. JUTTA WITTE

Von Jutta Witte

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