Heiztechnik 21.03.2003, 18:24 Uhr

Energiesparen bis hin zum Ehekrach

30% der in Deutschland verbrauchten Energie entfällt auf den häuslichen Bereich. Entsprechend soll die Energieeinsparverordnung den Energiedurst der Häuser drosseln, was im Alltag aber gehandhabt sein will. Unsachgemäßes Lüften etwa kann die Behaglichkeit in Frage stellen und gar den Hausfrieden gefährden.

Die seit einem Jahr geltende Energieeinsparverordnung (EnEV) lässt dem Bauherrn die Wahl, entweder in eine hochtechnisierte Heizanlage zu investieren und sich bei der Bauphysik zu beschränken oder eine dichte Gebäudehülle vorzusehen und bei der Wärmeerzeugung und -verteilung zu sparen. Speziell der Entschluss zur dichten Gebäudehülle plus kleinen Heizanlage hat seine Tücken.
Das Lüften zum Beispiel zwingt in diesem Fall zu gezielten, wohlüberlegten Maßnahmen. Von der einst so beliebte Kippfensterlüftung gilt es Abschied zu nehmen. Sie kann im Winter argen Komfortverlust und gar einen hieraus resultierenden Ehestreit hervorrufen. Vertreter einiger deutscher Wirtschaftverbände brachten deshalb unlängst auf einer Pressekonferenz in Berlin das Energie-Komfort-Haus (EKo-Haus) ins Gespräch, das nicht um jeden Preis, sondern unter realistischen Bedingungen das Energiesparen möglich machen soll.
Szenen einer Ehe: „Was ist denn das,“ will ein Ingenieur von seiner Frau wissen, als beide gemeinsam von der Arbeit heimkehren und ein Fenster auf Kippstellung ruht. „Das ist Energievergeudung pur,“ konkretisiert der Mann seine Verärgerung. „Wie lange steht das Fenster denn schon offen, so dass die Heizung energievergeudend gegen den Wärmeverlust anbullert,“ will der Ingenieur jetzt wissen. „Ha, fast einen ganzen Tag schon,“ lacht die Ehefrau, die am Morgen nach dem Mann die Wohnung verlassen hatte. „Deiner Zwanghaftigkeit werde ich es schon noch zeigen,“ provoziert die Frau weiter. Der Mann: „Bist Du Dir eigentlich darüber im klaren, was sich die Autoren der Energieeinsparverordnung alles ausgedacht haben, um den Energieverbrauch im häuslichen Bereich zu senken? Es handelt sich hierbei um 30?% des gesamten Energieverbrauchs in Deutschland.“ „Was hat das mit der Fensterlüftung zu tun?“ fragt die Frau. Antwort: „Wenn das Haus über keine mechanische Wohnungslüftung verfügt, dann darf über das Fenster am Tag maximal fünf Mal drei Minuten lang nur stoßweise gelüftet werden. Du aber lässt über die Kippfensterlüftung die ganze Wohnung auskühlen.“ „Dann stellen wir die Heizung jetzt eben höher,“ erwidert die Frau. „Das kostet aber doch wieder mehr Energie,“ keucht der Mann. „Wenn sich Dein Geiz nicht legt, lasse ich gleich vor Deinen Augen ungenutzt warmes Wasser in den Ausguss der Spüle laufen,“ warnt die Frau. Der Mann gibt auf.
Wolfgang Richter, Professor an der Technischen Universität Dresden arwöhnte schon vor Einführung der EnEV, die Verordnung könne am Nutzerinteresse vorbeigehen. Die EnEV, die das Niedrigenergiehaus zum Stand der Technik erhebt, gestatte etwa bei einer dichten Gebäudehülle einfache, kleindimensionierte Heizanlagen. „Doch bei etwa einem falschen Luftaustauschverhalten – Beispiel Kippfensterlüftung – ist entweder die Behaglichkeit oder der ganze Einspar-Effekt verflogen,“ warnt Richter. Wenn etwa ein zusätzlicher elektrischer Heizlüfter her müsse, um in den eigenen vier Wänden Gänsehaut zu vermeiden, stimme etwas nicht.
Nach Richters Auffassung haben die Autoren der EnEV dem Aspekt Wärmekomfort zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Von dieser Meinung auch überzeugt: der Bundesverband der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft (BGW), Bonn, der Bundesverband der deutschen Heizungsindustrie (BDH), Köln, der Mineralöl Wirtschaftsverband (MWV), Hamburg, die Vereinigung der deutschen Zentralheizungswirtschaft (VdZ), Köln, und der Zentralverband Sanitär, Heizung, Klima (ZVSHK) in St. Augustin. Vertreter dieser Organisationen forderten in diesem Zusammenhang auf der Pressekonferenz in Berlin das Energie-Komfort-Haus (EKo-Haus), das bei aller Energieeinsparung den Aspekt Behaglichkeit nicht außer Acht lässt.
BDH-Präsident Dr. Heinrich H. Schulte: „Im Neubau sollte die Förderpolitik künftig auf kundengerechte energiesparende Gesamtlösungen für Heizanlagensysteme und Bautechniken ausgerichtet werden, ohne anlagentechnische Konzepte und Bauformen vorzuschreiben.“ Beim Energiesparen im Haus müsse die Kirche im Dorf bleiben. Mit dem EKo-Haus käme man dem Ziel der Energieeinsparung jedenfalls näher als mit Vorschriften, die am Verbraucherverhalten vorbeigingen.
Auf Dauer hätte gegen die Nutzerinteressen keine Energieeinsparung eine Chance, ergänzt Richter. Wichtig zum Beispiel die Lufthygiene, die das ausreichende Lüften geradezu erzwinge, wolle man Schadstoffansammlungen in der Raumluft vermeiden. Auch müsse es die Möglichkeit zur Schnellaufheizung ausgekühlter Räume geben. Auf der anderen Seite sei ein längerer Temperaturanstieg in Wohnräumen und eine längere Temperaturabsenkung in Schlafräumen sinnvoll. Bei solchen Optionen bliebe der Anspruch eines 3-l-Haus annähernd immer noch gewährleistet, und zwar unter realistischen Bedingungen.
ELMAR WALLERANG

  • Elmar Wallerang

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