Photovoltaik 05.05.2000, 17:25 Uhr

Endlich Sonne am Horizont

Die Photovoltaik in Deutschland sieht endlich Sonne. Für Solarzellenhersteller wie Ersol in Erfurt beginnen rosige Zeiten.

Jürgen Hartwig ist schwer zu erreichen. „Mein Mann ist leider unterwegs“, sagt die freundliche Frauenstimme am Telefon und man hört ihr an, wie häufig sie in der letzten Zeit Anrufer damit vertrösten musste. Dass man den Geschäftsführer der Ersol GmbH in Erfurt zur Zeit kaum im Büro antrifft, hat einen einfachen Grund. „Was alle vorausgesagt haben, aber keiner so richtig geglaubt, ist eingetreten“, sagt Hartwig, „die Photovoltaik boomt.“
Für den Maschinenbauingenieur heißt das Arbeit, Arbeit, Arbeit. Aber der 60-jährige Unternehmer genießt das. „Lange habe ich darum gekämpft, die Photovoltaik in Deutschland voranzubringen.“ Gekämpft um Fördermittel, gekämpft um Kredite bei Banken, die laut Hartwig bis heute das Potential der Photovoltaik nicht erkannt haben, gerungen um mehr Akzeptanz.
Um eines muss Hartwig mittlerweile nicht mehr kämpfen: um Kunden. Die Nachfrage nach Solarzellen ist in den letzten Monaten so stark gestiegen, dass die Produktionskapazität in Deutschland gar nicht ausreicht. Für diesen Schub hat der Gesetzgeber gesorgt, denn im April wurde die Einspeisevergütung für jede kWh solar erzeugten Strom drastisch erhöht: von 16 Pfennigen/kWh auf 99 Pfennige/kWh.
Die Ersol produzierte bislang 80 000 multikristalline Solarzellen im Monat auf einer Produktionsstraße. Mit Inbetriebnahme der zweiten Straße Mitte April wird der Ausstoß verdreifacht, außerdem wird die Fläche um 56 % größer. Mit ihrem Wirkungsgrad von 13,5 % liegen die Zellen aus Erfurt weltweit mit an der Spitze. Hat sein Unternehmen mit multikristallinen Solarzellen im ersten Produktionsjahr 1999 noch einen Umsatz von 1 bis 2 Mio. DM gemacht, sollen es in diesem Jahr bereits 20 Mio. DM werden. Auch die Produktion selbst will Hartwig so umweltverträglich wie möglich gestalten. So sollen künftig die 450 m2 Solarfläche auf dem Fabrikdach den Strom für Beleuchtung, Computer und Geräte liefern.
Noch gehen 90 % der Produktion auf deutsche Dächer, aber die Nachfrage aus dem Ausland steigt. Bereits heute liefert die Ersol Solarzellen nach Südafrika, nach Japan und in mittelasiatische Staaten. Hartwig sieht eine ganze Reihe brachliegender, aber vielversprechender Märkte in Entwicklungsländern, beispielsweise um in Wüstengebieten Pumpstationen für Trinkwasser zu betreiben. Auch denkt er an kleine dezentrale Solarkraftwerke in heißen Ländern für die technische Kontrolle von Ferngasleitungen und Ölpipelines. In den reichen westlichen Ländern setzt Hartwig auf maßgeschneiderte Systeme: Künftig will er mit Architekten und Ingenieuren eng kooperieren, um Photovoltaiksysteme zu entwickeln, bei denen Farbe und Form an das Gebäude angepasst werden. Ersol hat ein Verfahren entwickelt, mit dem Solarzellen in nahezu beliebigen Farben produziert werden können, ohne dass der Wirkungsgrad zu stark sinkt – was besonders bei ausländischen Kunden auf Begeisterung stößt.
Die Grenzen fürs Geschäft kommen derzeit von ganz anderer Seite. Wer Solarzellen herstellen will, braucht Wafer. Und weltweit gibt es nur wenige Fabriken, die Wafer für den freien Markt herstellen. „Die Waferproduktion ist schon heute bis Ende 2001 ausverkauft,“ weiß Hartwig. Und noch etwas bremst hier und da den Boom: Es ist schwer geworden, qualifiziertes Personal auf dem Arbeitsmarkt zu finden. Der Markt ist relativ leer, weil auch die Großkonzerne wie Shell und BP in die Photovoltaik investieren und zudem die Forschung in diesem Bereich kräftig ausgebaut wurde.
Apropos Großkonzerne: Wenn Hartwig sich in Fahrt redet, kann er mit Kritik nur schwer hinterm Berg halten. Er glaubt nicht, dass die Großkonzerne es mit ihren Aktivitäten für erneuerbare Energien so richtig ernst meinen. „Ich habe viele Projekte gesehen, die liefen nur solange, wie es Fördermittel dafür gab“. Und auch auf die deutschen Großbanken ist der Mittelständler nicht gut zu sprechen. „Banken in Deutschland fördern keine Innovationen, sondern bremsen sie.“ Auf seiner Geburtstagsfeier vergangene Woche jedenfalls konnte sich Jürgen Hartwig nicht verkneifen, die anwesenden Bankenvertreter sanft vors Schienbein zu treten. „Ich habe allen Nachhilfe in Sachen Photovoltaik angeboten.“ C.FRIEDL
Ersol-Mitarbeiter Matthias Scherr mit den Zellen, die dem Erfurter Unternehmen gute Geschäfte bescheren sollen. Schon in diesem Jahr soll die Produktion verdreifacht werden, der Umsatz um den Faktor 10 wachs

Ein Beitrag von:

  • Christa Friedl

    Redakteurin VDI nachrichten. Fachgebiet: Umweltpolitik, Umwelttechnologien.

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