Kernenergie 03.05.2002, 17:34 Uhr

Endlager braucht einen langen Atem

Die Suche nach einem Endlagerstandort für Atommüll befindet sich erst ganz am Anfang. Experten eines Arbeitskreises, der vorige Woche in Köln tagte, wollen bis November zunächst Kriterien und ein Auswahlverfahren erarbeiten.

Trotz des beschlossenen deutschen Ausstiegs aus der Kernenergie bleibt das Thema aktuell. Die heftigen Kontroversen kreisen um die Frage nach den Hinterlassenschaften. Rund 24 000 m3 hochaktiver Atommüll und knapp 300 000 m3 schwach- und mittelaktive Abfälle müssen für eine lange Zeit sicher untergebracht werden. Und das muss, so verlangt es das Bundesumweltministerium auch unter grüner Leitung, auf deutschem Boden geschehen. Angesichts der heftigen Diskussionen um die bisher anvisierten Standorte Gorleben, Morsleben und Schacht Konrad hat Umweltminister Jürgen Trittin 1999 den „Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlagerstandorte“ eingesetzt. Die 16 Experten sollen einen Kriterienkatalog und ein allseits akzeptiertes Auswahlverfahren für ein deutsches Endlager ausarbeiten. Im November wollen sie einen Abschlussbericht vorlegen.
Man steht unter ziemlichem Zeitdruck, denn im Jahr 2030 muss das Lager in Betrieb gehen. Daher sollen die parlamentarischen Gremien und alle in die Diskussion einbezogenen Gruppen sich spätestens 2004 auf ein allseits akzeptiertes Vorgehen geeinigt haben, damit danach die eigentliche Standortsuche und -erkundung beginnen kann. „Es ist ein sehr enger Zeitplan und wir müssen uns gehörig beeilen, um rechtzeitig fertig zu sein“, erklärt Arbeitskreis-Mitglied Heinz-Jörg Haury vom GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit. Vor dem eigentlichen förmlichen Planfeststellungsverfahren am ausgewählten Standort soll ein Suchverfahren mit möglichst breiter Beteiligung durchgeführt werden, durch das ein Endlagerstandort im Konsens gefunden werden soll.
„Wir rechnen für diese Phase einschließlich der ober- und unterirdischen Erkundung mit mindestens sechs bis acht Jahren“, berichtet Arbeitskreismitglied Michael Sailer, stellvertretender Geschäftsführer des Öko-Instituts Darmstadt. Erst wenn am Ende dieses Verfahrens ein geeigneter und weitgehend akzeptierter Standort gefunden ist, soll das förmliche Verfahren eingeleitet werden. Der Arbeitskreis erwartet, dass sich durch die umfangreiche Beteiligung im vorgeschalteten Suchverfahren die Verzögerungen im Planfeststellungsverfahren minimieren lassen.
Anders als früher werden neben Salz- alle Gebirgsformationen, die für ein Endlager in Frage kommen, geprüft. Hauptkriterium ist dabei das Isolationspotential, die Fähigkeit des Gesteins, die radioaktiven Abfälle für einen langen Zeitraum von der Lebenswelt abzukapseln. Der Müll soll 1 Mio. Jahre unversehrt überstehen, damit die Radioaktivität auf ein akzeptables Niveau abgeklungen ist.
Gegenden mit geologischer Aktivität sind von vornherein ausgeschlossen. Dazu zählen die Erdbebenzonen am Oberrhein und in der Niederrheinischen Bucht, auf der Schwäbischen Alb und im Vogtland, sowie Gegenden mit denkbarer vulkanischer Aktivität, also die Eifel mit ihren Maaren oder wiederum das Vogtland. Ebenfalls ausgeschlossen ist der Alpenraum, weil dort die Gebirgsbildung noch nicht abgeschlossen ist und daher das Endlager durch die Aufwärtsbewegung des Gebirges in 1 Mio. Jahren an die Oberfläche transportiert werden könnte.
In den verbliebenen Gebieten kommen drei Gesteinsformationen für eine Lagerstätte in Frage: Salzstöcke, wie in Gorleben und Schacht Konrad, Tongesteine oder Granit. „Vorzugsweise kommen Salz- oder feste Tongesteine für ein Endlager in Frage“, erläutert Arbeitskreis-Mitglied Dr. Wernt Brewitz, Fachbereichsleiter Endlagersicherheitsforschung bei der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit in Braunschweig. Granit hat Risse und Klüfte, durch die Gase austreten und Wasser eindringen kann, und das verträgt sich nicht mit der geforderten Isolierung.
Bei der Nennung der Regionen, in denen die bevorzugten Gesteine vorkommen, hält man sich zurück, um jeden Anschein einer Vorfestlegung zu vermeiden. Allerdings ist die Zahl der Gebiete gering, zumal die Formationen mit rund 12 km2 eine gehörige Größe aufweisen müssen. Salzstöcke in 500 m bis 1500 m Tiefe gibt es in Norddeutschland, Salzgestein in geringerer Tiefe auch in Süddeutschland. Ebenfalls in Norddeutschland gibt es möglicherweise geeignete Tongesteine. Als zweite Region kommt Südwestdeutschland östlich der Schwäbischen Alb in Frage, allerdings scheiden hier weite Gebiete wegen der Nähe zum Erdbebengebiet Oberrheintalgraben aus.
Skeptisch sehen die Experten die Forderung des Umweltministeriums nach einem einzigen Endlager für schwach-, mittel- und hochaktiven Müll. Die beiden ersten Kategorien können Gas entwickeln, das abgeführt werden muss, während der hochaktive Müll möglichst dicht abgekapselt bleiben muss. Das stark strahlende Material wiederum entwickelt Wärme, die für die beiden anderen Kategorien ungünstig ist. Daher befürwortet der Arbeitskreis zwei räumlich getrennte Lager. HOLGER KROKER

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