Energie 04.02.2000, 17:24 Uhr

Elektrischer Strom mausert sich zum Handelsprodukt

Der Stromkunde hat die Qual der Wahl. Mehr als 1000 Stromversorger und -händler buhlen mit pfiffigen Marketing-Konzepten um seine Gunst. Stromhändler verbünden sich mit Handelsketten, Strompools werden gebildet.

Es klingt schon kurios, was plötzlich so alles um den Strom möglich ist. Fast das ganze Jahrhundert hindurch entsprach die staatliche Genehmigung zur Stromherstellung einer Lizenz zum Gelddrucken. Ob private Unternehmen oder öffentliche Elektrizitätswerke, sie alle hatten es mit dem Geldverdienen ziemlich leicht. Das angestammte Gebietsmonopol wirkte wie eine Vollkaskoversicherung.
Diese heile Welt für die Strommonopole oder -oligopole gibt es nun nicht mehr. Mit dem novellierten Energiewirtschaftsgesetz vom April 1998, das die Liberalisierung der Energiemärkte einleitete, startete eine neue Ära in der Energiewirtschaft. Strom ist mittlerweile ein Handelsprodukt, wie jede andere Ware, deren Preis sich über Angebot und Nachfrage regelt. Ohne Nachfrage-Macht gibt es auch keinen Preisnachlass. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass die großen Stromverbraucher wie BASF, VW oder Daimler als erste von der Liberalisierung profitierten und ihre Stromlieferanten zu Preiszugeständnissen zwangen.
Die Stromgiganten wie RWE in Essen, VEW in Dortmund, PreussenElektra in Hannover, Bayernwerk in München, EnBW in Karlsruhe, und selbst der vergleichsweise kleine Ostmonopolist Veag wehrten sich allerdings zunächst vehement. Doch die Industriekonzerne siegten. Die Strompreise für die Großabnehmer purzelten in der ersten Runde um bis zu 5 Pf pro kWh. Für die kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) hingegen, aber auch für die Haushalte hatte sich indessen nichts geändert.
Doch die deutsche Stromwelt sollte bald auch für Kleinabnehmer und Haushalte ins Wanken geraten: Spielverderber und Tabubrecher waren „freche“ kleine Stromhändler. Einer davon die Berliner Ares Energie AG. Ares sah ihren Markt vor allem bei den KMU und bei Privathaushalten. Die eigentliche „Revolution“ brachte der Stromhändler im Juni 1999 mit seinem Billigstrom-Angebot ins Rollen. Der Preis lag um etwa 20 % unter dem üblichen Niveau. Jetzt liegt Ares zwischen 24 Pf/kWh und 28 Pf/kWh zuzüglich einem Grundpreis von 5 DM für Haushaltskunden. Nach eigenen Angaben gewinnt der Berliner Stromhändler heute deutschlandweit pro Woche angeblich 1300 Kunden.
Für die etablierte Branche glich der Ares-Vorstoß einer Provokation. Der Energieriese RWE setzte als erster dagegen. Bundesweit startete der Konzern im Juli 1999 eine Kampagne mit seinem „Privatstrom“. Zum ersten Mal powerte ein Stromversorger oder -händler nicht nur mit dem Prädikat „Billigstrom“, sondern auch mit einer Strommarke. Nun wurde Strom zur „normalen Ware“, die in einer Werbekampagne bekannt gemacht wurde. Der Preis von 25 Pf/kWh plus 11,57 DM Grundgebühr im Monat zeigte, dass sich auch ehemalige Monopolisten bewegen konnten.

„Gelber Strom“ ist als Marke weithin bekannt

Doch die originellste Marke präsentierte die EnBW mit ihrem „gelben Strom“ mit 19 Pf/kWh und einem Grundpreis von 19 DM/Monat. Die Marke ist bei mindestens 70 % aller erwachsenen Deutschen bekannt. Außerdem versprach der Energiegigant, sich um alle Wechselmodalitäten selbst zu kümmern. Auch mit diesem Service-Angebot brachte der Stromanbieter erstmals zusammen mit dem günstigen Preis und der Marke neue Marketing-Elemente in den Stromwettbewerb ein. Der Erfolg von Yello Strom zeigt, dass der Strompreis für wechselwillige Verbraucher zwar als Kriterium wichtig ist, aber allein nicht ausreicht.
Die Preislawine ist ins Rollen gekommen. Der Bundesverband der Energieabnehmer (VEA) in Hannover rechnet mit einem Preisverfall bis zu 50 % nun auch für mittelständische und Haushaltskunden. Es überrascht schon, dass der Spitzenreiter unter den Billigstrom-Anbietern für Privatkunden der Internet-Provider Vossnet Communications GmbH in Bremen ist. Vossnet verlangt 18 Pf/kWh und berechnet einen monatlichen Grundpreis von 9,90 DM. Doch ganz geheuer ist das Angebot nicht, weil die cleveren Stromhändler verschweigen, dass sie 60 DM Bearbeitungsgebühr verlangen.
Das Beispiel Vossnet zeigt zugleich, dass das Stromgeschäft nicht mehr allein Sache der traditionellen Energieversorger ist. Fast täglich schießen neue Stromhandels-Unternehmen wie Pilze aus dem Boden. Sie kaufen Strom extrem billig auch aus dem Ausland und verkaufen ihn weiter an Stadtwerke, Regionalunternehmen, Mittelständler oder direkt an Haushalte. Es gibt da die ausgefallensten Kombinationen. So verbünden sich Stromhändler nicht nur mit klassischen Handelseinrichtungen wie Metro, Kaufhof, Praktiker Baumarkt, Pro Markt oder Quelle, sondern auch mit Mobilfunk-Gesellschaften. Entweder wird dort das Kundenpotential genutzt, oder die Händler bedienen sich der so genannten „Strompools“. Das sind Interessengemeinschaften privater Stromhaushalte, aber zunehmend auch mittelständischer Unternehmen. Diese Pools stellen eine Marktmacht dar, um günstige Preise auszuhandeln.

4500 Mittelständler bilden einen Stromeinkaufsring

Mehr als 80 Firmen der Werkzeugmaschinen-Branche gründeten den „Stromeinkaufsring Bergisches Land“ um Remscheid, inzwischen zählt der vom VEA ins Leben gerufene Interessensverbund mehr als 4500 mittelständische Unternehmen in Deutschland. Der Jahresverbrauch beläuft sich auf etwa 30 Mrd. kWh. Stromlieferant ist PreussenElektra. „Verglichen mit den Verträgen, die vor der Liberalisierung geschlossen wurden, können unsere Mitglieder bis zu 50 % ihrer Stromkosten sparen“, sagte Volker Stuke, Geschäftsführer des VEA. Stuke rechnet mit einem Marktvolumen von etwa 3 Mrd. DM bei einem durchschnittlichen Preis unter 10 Pf/kWh. Kunden mit sehr guter Benutzerstruktur dürften sogar mit einem Preis „deutlich unter 6 Pf/kWh“ rechnen. Allerdings handelten die Mitglieder mit der PreussenElektra den Preis individuell aus der Vertrag mit VEA habe nur empfehlenden Charakter. „Das ist der Wettbewerb“, meint Stuke.
Ein weiterer Stromhändler, die Berliner Ampere AG, bündelt das Einkaufsvolumen von einigen zehntausend Handwerksbetrieben in Baden Württemberg. Ampere gibt an, dass im Durchschnitt jeder Poolteilnehmer etwa 40 % an Stromkosten einspart. Neuester Coup von Ampere ist der so genannte „Getränkering“. Der Energie-Broker gewann bisher etwa 2300 Getränkebetriebe. Die bisherigen Ausgaben dieser Firmen für den Strombezug belaufen sich zusammen auf etwa 24 Mio. DM im Jahr. Einsparziel hier seien ebenfalls 40 %, sagt Getränkering-Vorstand Rainer Cordes. Der nächste Ampere-Coup ist schon geplant, etwa im Herbst diesen Jahres will Ampere, nach Auskunft von Sprecherin Christel Meusel, einen „Super-Pool“ in Deutschland gründen. Er soll alle Regional-Pools vereinigen. Ziel des Stromhändlers ist die „Marktmacht“. Schon heute zähle Ampere zu den 100 stärksten Stromhändlern Deutschlands, sagt Meusel. UWE BÄSE
Marketingexperten haben dem Strom Farben gegeben, um ihn deutlich von der Energie des Wettbewerbs abzuheben.

Von Uwe Bäse
Von Uwe Bäse

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