Energie 14.04.2006, 18:43 Uhr

Eine Wasserstoff-Region nimmt Gestalt an  

Das EU-Projekt Zero Regio wird umgesetzt. Noch dieses Jahr werden im Frankfurter Industriepark Höchst eine 1000-bar-Wasserstoff-Transportleitung und eine Multikraftstofftankstelle gebaut. Ab Dezember rollen die ersten Brennstoffzellenfahrzeuge im Rahmen umfangreicher Feldtests über die Straßen.

Europa strebt mehr Unabhängigkeit vom Öl an. Mindestens 20 % der konventionellen Treibstoffe will die Europäische Union bis 2020 durch alternative Kraftstoffe ersetzen. Wasserstoff zählt dazu. Die Automobilunternehmen, die diesen Trend frühzeitig erkannten, haben im letzten Jahrzehnt wasserstoffbetriebene Fahrzeuge bis zur Praxisreife entwickelt.

Allerdings reicht es nicht, vom Markt akzeptierte wasserstoffbetriebene Autos zu produzieren. Vielmehr muss ein komplettes System neu geschaffen werden, von der Erzeugung des Wasserstoffs über seine Verteilung bis hin zum Aufbau eines flächendeckenden Tankstellennetzes. Der Aufbau von Fertigungskapazitäten, die Gründung von Partnerschaften und die Schaffung verbindlicher Richtlinien und Sicherheitsstandards sind Voraussetzungen dafür, dass Wasserstoff als Energieträger technisch und preislich wettbewerbsfähig werden kann. Denn die Wasserstofftechnologie steht im Wettbewerb zu jahrzehntelang bewährten Technologien: Jeden Tankvorgang, jede Reparatur, jeden Fahrkilometer werden die Autofahrer mit der konventionellen Technik vergleichen.

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„An diesem Anspruch müssen wir uns messen“, sagt Dr. Heinrich Lienkamp, Leiter der Verfahrenstechnik des Geschäftsfeldes Energien beim Frankfurter Industrieparkbetreiber Infraserv Höchst und Initiator des Zero-Regio-Projekts. „Wasserstoffautos müssen so schnell und so sicher sein wie Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor, sie dürfen nicht wesentlich mehr kosten und der Tankvorgang darf nicht länger dauern.“

Erst dann, so Lienkamp, könnten sich wasserstoffbetriebene Autos erfolgreich auf dem Markt behaupten. Zero Regio, ein mit 21 Mio. € angelegtes Projekt, hat zum Ziel, die Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie im Kraftfahrzeugverkehr dieser Marktreife ein gutes Stück näher zu bringen. Ein Konsortium aus insgesamt 16 Unternehmen, kommunalen Einrichtungen und Forschungsinstituten aus vier Ländern der Europäischen Union wird bis 2009 im Rhein-Main-Gebiet und in der italienischen Lombardei komplette Wasserstoff-Infrastrukturen, also Erzeugungskapazitäten, Leitungen und Tankstellen, exemplarisch aufbauen und umfangreiche Feldtests mit Wasserstofffahrzeugen durchführen. Die Unternehmen, darunter Agip, Daimler-Chrysler, Linde, die italienischen Energieunternehmen Eni, Sapio und CRF sowie die Region Lombardei investieren dafür zusammen rund 13,5 Mio. €. Die EU fördert das Projekt mit 7,5 Mio. €.

Nachdem im November 2004 der Startschuss gefallen war, werden 2006 erste wichtige Maßnahmen umgesetzt. Noch diesen Monat beginnt Infraserv Höchst mit dem Bau einer ca. 1,7 km langen Transportleitung, die den Wasserstoff aus dem Wasserstoffzentrum im Frankfurter Industriepark Höchst bis zur geplanten öffentlich zugänglichen Wasserstoff-Tankstelle am Rand des Industrieparks transportieren soll. Der Wasserstoff wird dafür auf bis zu 1000 bar komprimiert. Hier kommt ein ionischer Flüssigkeitsverdichter von Linde zum Einsatz. Der hohe Druck ermöglicht den Transport von Wasserstoff auch über längere Strecken.

Durch die Transportleitung wird der Wasserstoff künftig zur Multikraftstoff-Tankstelle von Agip transportiert, die am Südtor des Industrieparks entsteht. Dort können Autofahrer demnächst Benzin, Diesel, Biodiesel, Erdgas und Wasserstoff tanken. Der Wasserstoff wird sowohl flüssig als auch gasförmig und mit Betankungsdrücken von 350 bar und 700 bar angeboten. Die starke Komprimierung führt zu einer höheren Reichweite.

Die Inbetriebnahme der Tankstelle ist für November dieses Jahres vorgesehen. Dann startet auch eine Flotte von Brennstoffzellenautos in den Praxistest. DaimlerChrysler stellt A-Klasse-Fahrzeuge zur Verfügung. Die Autos sind mit Messinstrumenten ausgestattet, die Temperaturen, Geschwindigkeit, Starts, Tankdruck und -intervalle aufzeichnen. Die Auswertung erfolgt im Europäischen Forschungszentrum im italienischen Ispra.

Die Wissenschaftler werden bei der Auswertung besonderes Augenmerk auf Energieeffizienz, Umweltauswirkungen und sozio-ökonomische Aspekte der Wasserstoff-Technologie in städtischen Verkehrssystemen legen.

Der Name des Zero-Regio-Projekts ist Programm: Übergeordnetes Ziel ist, langfristig die Schadstoffemissionen des Individualverkehrs in europäischen Städten deutlich zu reduzieren.

MARIA KNISSEL

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