Energie 12.11.2010, 19:50 Uhr

Ein Stück Ruhrgebiet wird Modellstadt für Klimaschutz

Mitten im Ruhrpott soll ein Gebiet mit knapp 70 000 Einwohnern vorbildlich energetisch modernisiert werden. Und zwar im Bestand, das macht die Sache weltweit einzigartig. Das Ziel: innerhalb von zehn Jahren – bis 2020 – den CO2-Ausstoß um die Hälfte zu senken. Zur Innovationcity Ruhr wurde Bottrop auserkoren.

Ein junger Mann bearbeitet sorgfältig den Bürgersteig vor seinem Haus mit dem Laubbläser. Eternitverkleidete Fassade, keramische Häschen im Garten. Innovationcity Ruhr? Nie gehört. „Aber Sie wohnen doch mitten drin!“ Ratloser Blick.

Auch die Passantin mit den beiden kleinen Mädchen weiß nichts davon, dass hier im Süden Bottrops innerhalb der nächsten zehn Jahre eine Musterstadt der Energieeffizienz entstehen soll. Umso mehr weiß der silberhaarige Herr im Trainingsanzug, der vor der Schule die Buden von dem Martinsfest abbaut.

Jürgen Koch sitzt für die SPD im Stadtrat und ist froh, dass Bottrop sich gegen 15 weitere Ruhrpott-Kommunen im Wettbewerb Innovationcity Ruhr durchgesetzt hat. „Ich hoffe, dass das einen Schwung mit sich bringt“, sagt der 66-Jährige: „2,5 Mrd. € sollen investiert werden, das ist eine phantastische Summe.“

„Ein typisches Stück Ruhrgebiet“ wollten die Juroren haben: organisch gewachsen mit Wohngebieten unterschiedlichen Alters, Industriebetrieben, Grünflächen und Brachen. Sie fanden es direkt hinter dem Bottroper Bahnhof.

Schmucklose Reihenhäuser der Nachkriegszeit neben noch älteren, denkmalgeschützten Bergarbeiterwohnungen aus braunem Backstein. Hin und wieder taucht dazwischen ein Gebäude der Jahrhundertwende mit verspieltem Stuckwerk auf. Manche Doppelhäuser haben eine hübsch restaurierte, frisch angestrichene Hälfte, die andere ist mausgrau, anscheinend seit Jahrzehnten unberührt.

„In diesem Quartier sind zwei Drittel des Wohnungsbestandes in Händen von Einzeleigentümern“, erzählt Stadtteilmanager Thomas Schwarzer. Diese zu mobilisieren, sei das Problem, nicht die Wohnungsbaugesellschaften mit mehreren Tausend Mietern, die schon einiges tun. Viele wollen zwar, haben aber kein Geld übrig. Der wohlhabende Teil Bottrops ist nämlich woanders.

Und wer soll es bezahlen? Die Kommune ist pleite und muss sich alle freiwilligen Leistungen vom Regierungspräsidenten genehmigen lassen. „Aber die Idee hinter dem Ganzen ist ja, dass das meiste dieser Projekte sich durch die Energieeinsparungen eigentlich von selbst rechnet“, sagt Christina Kleinheins, Leiterin der Bottroper Stadtplanung: „Nur muss man die passenden Modelle finden.“

Und die gibt es: So könnte ein Investor die Modernisierung einer Siedlung finanzieren und bekäme dafür Monat für Monat die Differenz zwischen den alten und den neuen Energiekosten ausgezahlt. Möglich sind auch Genossenschaften, bei denen mehrere Haushalte ein Mini-Blockheizkraftwerk betreiben. Oder ein Bürgerfonds, der hundert einzelnen Hauseigentümern den Austausch alter Heizkessel erlaubt.

Denkbar sind ganze Straßenzüge, die gemeinsam Materialien und Dienstleistungen einkaufen und dadurch die Preise drücken. Wie auch Nachbarn, die sich gegenseitig mit ihren Heimwerkerfähigkeiten aushelfen.

Zudem haben sich 30 Unternehmen aus dem Initiativkreis Ruhr verpflichtet, das Projekt zu unterstützen. Für sie ist die Pilotregion eine Chance, Innovationen zu testen und zu vermarkten. Bottrop soll eine Art Modellstadt und „Expo“ für den Klimaschutz werden.

Den künftigen Klimatouristen bietet sich ein gemischtes Bild. Da an der Ecke steht ein altes Eisenbahnerhaus: Die Besitzer haben die Förderimpulse der Innovationcity nicht abgewartet und es schon eingerüstet. Weiter die Straße runter – mit Blick auf die Skihalle und das Wahrzeichen Tetraeder – reiht sich ein Gebrauchtwagen- und Schrotthändler mit orientalischem Namen an den anderen. Kunden drehen eine Proberunde durch das Viertel. Lastwagen donnern durch die Straßen, die von Fabriken und Einfamilienhäusern gesäumt sind.

Auf beiden Seiten der Bahngleise liegen die Gewerbegebiete Kippenburg und Kruppwald. Mehrere Metallverarbeitungsbetriebe, ein Fischhandel, der Vertrieb der Schuhfirma Deichmann, eine Großhalle für türkische Hochzeiten, ein Verlag, der Baustoffhersteller MC-Bauchemie, eine Textilreinigung: macht zusammen einen „Zero Emission Park“. 2007 haben sich die Unternehmen zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen, um das in die Jahre gekommene Gewerbegebiet mit öffentlicher Förderung und mithilfe der Hochschule Ruhr West in Mülheim an der Ruhr
auf Vordermann und null CO2-Ausstoß zu bringen.

„Da sie nicht untereinander konkurrieren, fällt es ihnen leichter, gemeinsame Interessen zu verfolgen“, sagt Stadtteilmanager Schwarzer. „Auch kleinere Mitspieler können mit ins Boot, die alleine die Modernisierung nicht stemmen würden.“ Gemeinsam wollen sie Windräder aufstellen, den Lieferantenverkehr intelligent steuern, den Abfall verringern und die Mitarbeiter dazu motivieren, Fahrgemeinschaften zu bilden oder mit dem Rad zu kommen.

Vielleicht auch mit dem Wasserstoffbus. Zwei kleine Busse der Vestischen Straßenbahngesellschaft fahren bereits zwischen Herten, Bottrop und Gladbeck mit wasserstoffbetriebenen Brennstoffzellen an Bord. Die Vestische hat der Innovationcity auch zwei XXL-Fahrzeuge zugesagt. Den Treibstoff werden sie an der Kläranlage der Emschergenossenschaft tanken: Dort entsteht seit 2007 „grüner“ Wasserstoff aus dem Faulgas des Klärwerks.

Und, es gibt noch mehr Wasserstoff: Eine H2-Leitung des Chemieparks Marl quert das Stadtgebiet in Nord-Süd-Richtung. Die Kokerei Prosper, bei der das Gas als flüchtiger Bestandteil der Kohle bei der Verkokung anfällt, und die Kläranlage speisen in die Wasserstoffleitung ein. Da lag der Gedanke nahe, einen Teil des Energieträgers für das benachbarte Schulzentrum Welheimer Mark abzuzwacken. Seit Kurzem verbrennt er dort in einem Blockheizkraftwerk.

Die Schulen sind die wichtigsten Experimentierfelder und zugleich Multiplikatoren der Innovationcity. Im Frühjahr bekamen die Eltern einen Brief, dass die Schule Strom und Heizung auf die neue Technologie umstelle, erzählt Rektorin Susanne Pychalla: „Es gab dann einige Anfragen: Können wir nicht auch?“ Ja, die Menschen seien technologischen Neuerungen gegenüber aufgeschlossen, behauptet der Stadtteilmanager: Die meisten sind oder waren in der Industrie und im Bergbau beschäftigt. „Hätten wir hier mehr Lehrer und Anwälte, gäbe es mehr Bedenken.“

Hinter einem Maisfeld stößt der Schornstein der Kokerei Prosper dicke Wasserdampfschwaden aus. „Alle acht Minuten wird der Koks gelöscht“, erklärt Thomas Schwarzer: „Als ich Kind war, sagte Vater, hier werden die Wolken gemacht.“ Und warum nicht diese Energiequelle nutzen?

Industrielle Abwärme verpufft in aller Regel einfach. Das Dortmunder Start-up LaTherm hat jedoch eine Möglichkeit gefunden, die Abfallwärme aus Industrie- und Müllverbrennungsanlagen in Containern mit Pökelsalz zu speichern und zu möglichst nahe gelegenen Abnehmern zu karren. Dazu wird das Salz über einen Wärmetauscher erhitzt, an anderer Stelle wird die Wärme freigesetzt.

Solch ein gedämmter Container mit Abwärme aus der Kokerei entlädt sich gerade an den Heizungskeller der Grundschule Ebel. Im Winter dauert das einen Tag. „Erstmal dachte ich an eine Baustelle“, lächelt Irene Cibir, die dort auf ihre Tochter wartet. „Aus der Zeitung habe ich dann erfahren, dass wir Teil eines Pilotprojekts sind. Wenn es gut und günstig ist, warum nicht?“ Und Stadtplanerin Kleinheims ergänzt: „Falls sich die mobile Lösung bewährt, werden wir weitere öffentliche Gebäude damit heizen.“

Bottrop hat als einer der letzten Standorte im Ruhrgebiet noch eine aktive Zeche. Ratsherr Jürgen Koch glaubt zwar an die – unsubventionierte – Zukunft des Kohleabbaus, aber die RAG rüstet schon für die Zeit danach.

Gleich mehrere Ideen hat sie in Kooperation mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen zur Innovationcity Ruhr beigesteuert. Etwa Algen im warmen mineralreichen Grubenwasser zu züchten: Sie sollen CO2 fressen und dann zu Bio-Kohle verarbeitet werden.

Das Fraunhofer-Institut für Umwelt- und Sicherheitstechnik (Umsicht) in Oberhausen regt an, Energie aus den Berghalden zu gewinnen. Das Gestein, das zusammen mit der Kohle aus mehr als 1000 m Tiefe befördert wird, ist auf bis zu 50 °C erhitzt. „Man legt ein Wärmetauschersystem auf den Boden der Halde und muss dann eine Art Versorgungsnetz schaffen“, erzählt Josef Robert vom Umsicht. Da in großen Teilen von Bottrop Fernwärmerohre verlegt sind, ist das schon mal die halbe Miete.

Auch die Wissenschaftler haben an die Zeit nach dem Bergbau gedacht: Dann soll auf die 64 ha der abgekühlten Halde Schöttelheide eine Solaranlage mit einem Saisonspeicher gesetzt werden.

Unterm Strich: Es gebe schon viele Projekte zur Mobilität, Sanierung, zu regenerativen Energien und Smart Grids, aber die Modellstadt soll sie konzertiert umsetzen und alle 15 Mitbewerberstädte davon profitieren lassen, sagt Markus Palm von der Innovationcity Ruhr Management GmbH.

Die Gesamtinvestition von rund 2,5 Mrd. € soll sich laut Palm zu „75 % dadurch finanzieren, dass ein Eigentümer oder ein Geldgeber investiert, weil es sich lohnt“, der Rest speist sich aus verschiedenen Fördertöpfen. „Schnell mit der Umsetzung anfangen, damit sich die ersten Einwohner überzeugen können: Es tut nicht weh und steigert die Lebensqualität“, sagt Schwarzer. Und Politiker Jürgen Koch? Der hofft, das Ergebnis noch erleben zu können.

MATILDA JORDANOVA-DUDA

  • Matilda Jordanova-Duda

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