Stromnetze 09.10.2009, 19:43 Uhr

Digitale Stromzähler brauchen neue Datentechnik  

Versorger können durch Smart Metering Umsatz und Gewinn steigern. Doch bis dahin ist einiges an Vorarbeit zu leisten. Der Stromverbrauch der neuen Art verlangt eine Entflechtung der Verteilnetze und das Einziehen zusätzlicher Messnetz-Infrastruktur. Und eine teilweise neue Infrastruktur für die Datenverarbeitung. VDI nachrichten, Düsseldorf, 9. 10. 09, swe

Schon ab nächstem Jahr müssen Energieversorger elektronische Messgeräte für Strom und Gas flächendeckend anbieten. Hintergrund ist das Klimaschutzpaket II der Bundesregierung, das die Energieeffizienz steigern und erneuerbare Energien fördern soll.

Die sogenannten Smart Meter werden die Leistung sämtlicher elektrischer Geräte im Haushalt in Echtzeit messen. Software von Messnetzbetreibern wird die Zählerdaten auf vielfältige Weise auswerten und das Verbrauchsverhalten analysieren. Anonymisiert, versteht sich. Die Ergebnisse wird der Stromanbieter verarbeiten und sie anschließend dem Kunden zur Verfügung stellen.

Auf Basis einer solchen Infrastruktur zeichnet sich eine Fülle neuer Produkte und Services ab. Die Spanne reicht von elektronischen oder gedruckten Tipps für Stromverbrauch und Energiemanagement über Energieportale bis hin zu neuen Systemen für Elektromobilität mit Stromtankstellen für Elektroautos.

Doch bis das Stromnetz umgebaut ist und daraus resultierende Vorteile ausgeschöpft werden können, muss der gesamte Deregulierungsprozess von alten wie neuen Marktteilnehmern durchlaufen werden.So wurde im September letzten Jahres der Paragraph des Energiewirtschaftsgesetzes novelliert, der das Messwesen bei Strom und Gas regelt. Vor allem mit dem Inkrafttreten der Messzugangsverordnung im Oktober 2008 sind durch den Gesetzgeber die rechtlichen Grundlagen für eine Liberalisierung des Zähler- und Messwesens gelegt worden.

Der intelligente Zähler ist ein Schlüssel zu einer modernen, effizienten Energieversorgung

Seit Mitte März diesen Jahres haben zwei Beschlusskammern der Bundesnetzagentur (BNetzA) jetzt ein Festlegungsverfahren zur Standardisierung von Verträgen und Geschäftsprozessen im Bereich des Messwesens eröffnet. Dieses Verfahren läuft nach wie vor und ist mittlerweile in der zweiten Konsultationsrunde.

„Der intelligente Zähler ist für uns ein Schlüssel zu einer modernen, effizienten Energieversorgung. Mit unseren Leitlinien möchten wir die Liberalisierung des Zähl- und Messwesens weiter vorantreiben und ein Signal für Innovation und Wettbewerb setzen“, sagte BNetzA-Chef Matthias Kurth.

Peter Heinz Wiesner zufolge, Projektleiter Technik für Smart Metering bei der Deutschen Telekom, ist zu erwarten, dass die vorhandenen informationstechnischen Systeme zum Auslesen von Industriekundenzählern – in Deutschland sind alle im Betrieb befindlichen Systeme mit maximal 30 000 Zählern bestückt – schon bald an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen werden.

„Aufgrund der Architekturen lassen sich die Systeme höchstens um den Faktor zehn, aber nicht wie erforderlich um den Faktor 100 erweitern“, weiß Wiesner, und ergänzt: „Darüber hinaus entstehen riesige Datenvolumina, die übertragen und verarbeitet werden müssen.“ Das erfordere Know-how beim Betrieb großer Netzwerke und Erfahrung in der Verarbeitung von Massendaten, beides Anforderungen, die Energieversorger in der Regel nicht vorweisen könnten.

Die Energieversorger setzen zurzeit auf eigene Modellregionen für den Test von Smart-Metering-Umgebungen. So installiert RWE als lokaler Netzbetreiber in Mülheim an der Ruhr seit Mitte 2008 in rund 100 000 Haushalten neue elektronische Stromzähler. In den nächsten drei Jahren soll ein intelligenter Zähler entwickelt werden, der technisch mit allen gängigen Abrechnungsprogrammen kommunizieren und auch Gas- und Wasserzähler integrieren kann.

Nach Auskunft von Bianca Bartels, Unternehmenssprecherin Stadtwerke Hannover, bedeutet die neue Regulierung für die Energieversorgungsunternehmen vor allem einen erhöhten Investitionsbedarf in Technologie und Abrechnungssysteme.

Die Kosten würden in der Kette Netzbetreiber – Lieferant – Kunde weitergegeben werden. Hinzu komme womöglich die Umstellung der Produktstruktur. Aber das, so Bartels, biete ebenso viele Chancen wie Risiken: „Schließlich werden wir uns über neue Stromtarife und erweiterte Services am Markt differenzieren können.“

In Deutschland gibt es den Versuch, den MUC (Multi Utility Communication Controller) als Standard der neuen Mess- und Abrechnungsprozesse zu etablieren. Er soll mit allen gängigen Haushaltsverbrauchszählern für Strom, Gas, Wasser und Fernwärme kommunizieren. „Dem Forum Netztechnik/Netzbetrieb im VDE (FNN) ist mit der Empfehlung zur Spezifikation des MUC ein entscheidender Meilenstein auf dem Weg zur Standardisierung von Smart-Metering-Systemen gelungen“, erklärt Heike Kerber vom FNN.

„Dieses Konzept besteht aus elektronischen Zählern und einem Kommunikationsmodul, dem MUC-Controller“, so Ingenieurin Kerber. Modular bedeutet, dass Messtechnik und schnelllebige Weitverkehrskommunikation in getrennten Geräten realisiert werden.

Basierend auf dem MUC befasst sich das OMS (Open Metering Consortium) mit Fragen der Gasversorger. Wie sich dies auf die Ausgestaltung bundesweit einheitlich einsetzbarer und damit kostengünstiger Stromzähler auswirken wird, ist noch nicht abzusehen.

Neue Dienstleister auf der Netz- oder Serviceebene sind derzeit noch nicht in Sicht

Die Kosten für den Aufbau der Infrastruktur werden nach Auffassung von Telekom-Projektleiter Wiesner Kunden und Messstellenbetreiber zahlen. Letztere seien gefordert, ihre Investitionen von anderen Marktteilnehmern wie den Strom-Vertriebsgesellschaften oder Verteilnetzbetreibern mittragen zu lassen.

Neue Dienstleister auf der Netz- oder auf der Serviceebene sind derzeit noch nicht in Sicht. Hier sehen sich Unternehmen wie die Telekom in der Rolle eines Dienstleisters für den Messstellenbetrieb, der als Vorlieferant auftritt.

KONRAD BUCK

Ein Beitrag von:

  • Konrad Buck

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Energie & Umwelt

Infraserv GmbH & Co. Höchst KG-Firmenlogo
Infraserv GmbH & Co. Höchst KG Ingenieur / Betriebsassistent Fachrichtung Verfahrens-/Energie-/Umwelttechnik / Maschinenbau (m/w/d) Frankfurt am Main
TÜV NORD EnSys GmbH & Co. KG-Firmenlogo
TÜV NORD EnSys GmbH & Co. KG Sachverständiger*Sachverständige zur Qualifizierung leittechnischer Komponenten im Bereich Energieinfrastruktursysteme Hannover, Hamburg
TÜV NORD EnSys GmbH & Co. KG-Firmenlogo
TÜV NORD EnSys GmbH & Co. KG Sachverständiger*Sachverständige für Elektro- oder Leittechnik im Bereich Energieinfrastruktursysteme Hannover, Hamburg
ENERTRAG Aktiengesellschaft-Firmenlogo
ENERTRAG Aktiengesellschaft Landschaftsplaner* (Projektplaner*) für Umwelt- und Bauleitplanung (m/w/d) Dauerthal, Rostock
Stadtwerke Potsdam GmbH-Firmenlogo
Stadtwerke Potsdam GmbH Projektleiter Quartierslösung (m/w/d) Potsdam
Münchner Stadtentwässerung-Firmenlogo
Münchner Stadtentwässerung Umweltingenieur*in (w/m/d) München
WESSLING GmbH-Firmenlogo
WESSLING GmbH Abteilungsleiter (m/w/d) im Bereich Gebäudeschadstoffe und Rückbau Neuried
Sharp Electronics GmbH-Firmenlogo
Sharp Electronics GmbH Manager (m/w/d) Projektentwicklung Solar Hamburg
Hitzler Ingenieure-Firmenlogo
Hitzler Ingenieure (Junior) Ingenieur Projektsteuerung u. Projektmanagement Bau (m/w/d) Nürnberg
Enercon GmbH-Firmenlogo
Enercon GmbH Department Head (m/f/d) Configuration Management Aurich near Emden

Alle Energie & Umwelt Jobs

Top 5 Energie

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.