Energie 26.03.2010, 20:45 Uhr

„Die Kohle muss klimafreundlicher werden“  

Die Kohle steht als Energieträger in Deutschland in der Kritik. Johannes Lambertz, Vorstandsvorsitzender der RWE-Kraftwerkssparte RWE Power, erläutert im Interview seine Sicht auf die Zukunft der Kohle. VDI nachrichten, Essen, 23. 3. 10, swe

Lambertz: Effizienzsteigerung kann kurzfristig einen erheblichen Beitrag zur CO2-Reduktion und so zum Erreichen der Klimaziele leisten. Unsere im Bau befindlichen Anlagen wie der 2100-MW-Braunkohledoppelblock in Neurath (Wirkungsgrad: 43 %), der 1600-MW-Steinkohledoppelblock in Hamm (46 %) und die GuD-Anlage in Lingen (59 %) sind „State of the Art“ bezüglich Wirkungsgrad und Flexibilität.

Im Vergleich zu älteren Kraftwerken stoßen sie bei gleicher Stromproduktion pro Jahr über 10 Mio. t weniger CO2 aus. Durch neue Werkstoffe sollen zukünftig Dampfdruck und -temperatur erhöht werden. Stichwort: 700-Grad-Kraftwerk. Bis Mitte dieses Jahrzehnts wollen wir bei der Kohleverstromung Wirkungsgrade von über 50 % erreichen. Dabei soll die von unseren Ingenieuren entwickelte Wirbelschichttrocknung (WTA) die Braunkohle auf das Effizienzniveau der Steinkohle bringen.

Wie lassen sich Kohlekraftwerke flexibler fahren?

Wind und Sonne lassen sich nicht steuern, auch zusätzliche Hochspannungsleitungen lösen das Problem nicht. Es ist aber erforderlich, den Strom entsprechend der Nachfrage zur Verfügung zu stellen. Aktuell sind in Deutschland rund 26 000 MW Windleistung installiert – in zehn Jahren sollen es 43 000 MW sein.

Die Windeinspeisung schwankt an einigen Tagen innerhalb von 24 Stunden um rund 20 000 MW – das sind zwischen 25 % und 50 % des Strombedarfs. Flexibilität ist daher das Schlüsselwort für die Stromversorgung der Zukunft.

RWE dreht an der „Flexibilitätsschraube“, um die Kraftwerke für diese Herausforderung zu wappnen. Damit ermöglichen wir durch hochmoderne konventionelle Kraftwerke erst den Ausbau der Erneuerbaren.

Ein konkretes Beispiel aus der Braunkohle: Es ist uns gelungen, bei bestehenden 600-MW-Blöcken durch Retrofitmaßnahmen wie Umrüstung der Brennstoffversorgung auf elektronisch geregelte Motoren, Umstellung der Turbinensteuerung auf elektronische Regelung und Ausstattung des gesamten Blocks mit computergestützter Leittechnik die Leistung schneller und in größerer Bandbreite regulieren zu können.

Für die weltweit modernsten BoA-Blöcke in Niederaußem und Neurath gilt das in noch höherem Maße. Das zeigt: Braunkohlekraftwerke befinden sich technisch auf Augenhöhe mit Gaskraftwerken.

RWE Power erprobt Abscheidetechnologien für CO2 aus dem Rauchgas. Wo steht im Lastenheft ein Häkchen, wo müssen Sie noch was tun? Wann werden diese Technologien im Kraftwerksmaßstab einsatzreif sein?

Die Kohle muss klimafreundlicher werden. Darum brauchen wir, so wie es der IPCC-Report fordert (IPCC: Weltklimarat, Anm. d Red), die CCS-Technologie. Alle Komponenten dieser Technologie sind in den vergangenen Jahren international erprobt worden. Jetzt geht es darum, das Zusammenwirken „serienreif“ zu bewerkstelligen.

Wir sind an einem Projekt in den USA beteiligt, wo die erste integrierte Anlage mit CO2-Abscheidung und Speicherung an einem Steinkohlekraftwerk in Betrieb ist. Dort sollen mehr als 100 000 t CO2 pro Jahr abgetrennt und gespeichert werden.

In unserem Innovationszentrum Kohle treiben wir mit BASF und Linde die effektive Abtrennung von CO2 voran. Erste Ergebnisse stimmen uns optimistisch: Wir erreichen Abscheidungsraten von über 90 % bei gleichzeitiger Senkung des Energiebedarfs um 10 %. Ab 2020 sollen bestehende moderne Kraftwerke mit CCS nachgerüstet werden können.

Bleiben wir bei CCS – Carbon Capture Storage: S steht für Storage – Speicherung, bei der es gesellschaftliche Akzeptanzprobleme gibt. Muss es Speicherung sein? Welche Möglichkeiten gibt es sonst noch, etwas mit CO2 zu machen?

Technik ist nur eine Seite der Medaille, die andere ist der Rechtsrahmen und die Akzeptanz. Ohne ein CCS-Gesetz und die gleichzeitige Unterstützung der Politik wird diese Zukunftsklimatechnologie nicht realisierbar sein. Unser Land würde eine große Chance verspielen.

Die Haltung „not in my backyard“ ist leider in vielen Bereichen anzutreffen, nicht nur im Energiesektor. Wenn wir nicht in der Sackgasse landen wollen, muss intensiv um Akzeptanz für industrielle Großprojekte gerungen werden. Das kann die Wirtschaft nicht alleine stemmen vielmehr sind Politik, Verbände, Gewerkschaften und Unternehmen gemeinsam in der Verantwortung.

Uns geht es aber nicht nur um die Speicherung von CO2, sondern auch um die Nutzung. Dazu betreiben wir in unserem Innovationszentrum Kohle zum Beispiel eine Algenkonversionsanlage, mit der wir aus CO2 Biomasse gewinnen. In einem weiteren Projekt arbeiten wir gemeinsam mit der Brain AG an Optionen zur CO2-Umwandlung durch Mikroorganismen.

Sie beklagen Qualitätsmängel beim Kraftwerksbau. Woran hakt es? Was ist zu tun?

Wir modernisieren unseren Kraftwerkspark mit großem Aufwand. Allein in unsere Projekte in Hamm, Neurath und Lingen investieren wir mehr als 5 Mrd. €. Das dient dem Klimaschutz, der Versorgungssicherheit und ist ein Konjunkturprogramm für die beteiligten Unternehmen.

Richtig ist, dass es zu Verzögerungen gekommen ist. Bei uns gilt aber eine Maxime: Es gibt keine Sicherheitsrabatte. Ein Beispiel ist das Vorhaben in Hamm, wo die Kesselgerüste neu gefertigt werden müssen. Die Mängel hat das RWE-Qualitätsmanagement aufgedeckt. Ein Beleg dafür, wie wichtig dieses Instrument ist.

Wir sind mit den Auftragnehmern in intensiven Gesprächen, um die von uns geforderte Qualität zu erhalten. Wir verlangen von den Herstellern, dass auch sie ihre Qualitätskontrollen erheblich ausweiten und frühzeitig mit uns als Auftraggeber den Dialog suchen, wenn Probleme auftauchen. Nur so lassen sich Qualität und Wirtschaftlichkeit in Einklang bringen. STEPHAN W. EDER

Von Stephan W. Eder
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