Energie 29.10.1999, 17:23 Uhr

„Deutsche Stadtwerke AG“ als Antwort auf Verdrängungswettbewerb im Strommarkt

Um im Energiemarkt wettbewerbsfähig zu bleiben, sollen sich die Stadtwerke zu einer großen Allianz zusammenschließen.

Anderthalb Jahre nach der Liberalisierung des Energiemarktes heißt es im Klartext: Der Stromsektor ist in Nöten. In den diesjährigen Jahresabschlüssen erscheinen die ersten dunklen Wolken am Bilanzhorizont – im Jahre 2000 werden sie sich entleeren.
Kraftwerksüberkapazitäten in Deutschland und Europa lösen eine Stromschwemme zu Discountpreisen aus.
Auf diesem Schauplatz suchen die Verbundunternehmen nach konkurrenzfähigen Konzepten und sie fusionieren, um zumindest Größen- und Mengendegressionseffekte sowie Synergie-potentiale zu nutzen.
Auch die Stadtwerke befinden sich im kontinuierlichen Verbesserungsprozess zur Existenz- und damit nicht zuletzt auch Arbeitsplatzsicherung,. Sie realisieren flexible, schlanke Organisationen. Kosten werden reduziert, Multi-Utility-Produkte angeboten und horizontale Kooperationen geschmiedet. Marktweit herrscht eine spannungsgeladene Atmosphäre.
Dass Bundeswirtschaftsminister Werner Müller auf einer Veranstaltung der Universität Köln von „Pennerstadtwerken“ spricht, ist also sicherlich verfehlt.
Und wenn Stadtwerke, die umweltfreundliche Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen betreiben und hierfür ein ökologisches Prämium, beispielsweise in Form einer deutlich reduzierten Ökosteuer im Rahmen der zweiten Stufe der Ökosteuer-Reform fordern, tun sie das berechtigterweise. Kraft-Wärme-Kopplungen waren gesellschaftlich und politisch gewollt. Die Stromwirtschaft hat ein Langzeitgedächtnis, da sich Investitionen in Millionenhöhe nicht von heute auf morgen abschreiben lassen.
Damit die Stadtwerke weiterhin ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in Deutschland bleiben, muss die Devise lauten:
Jedes Stadtwerk macht seine eigenen Hausaufgaben im Change Management, nutzt durch regionale Kooperationen Synergien und baut durch eine konsequente Zusammenarbeit den eigenen Markt aus.
Allein mit alter Kirchturmspolitik werden die Stadtwerke den Markterfordernissen auf dem Weg ins nächste Jahrtausend nicht gerecht. Kunden aus Industrie und Gewerbe, die ihre Stromnachfrage deutschlandweit bündeln, wollen nur einen einzigen Anbieter. Dienstleistungen aus einer Hand heißt das Stichwort.
Dies wiederum impliziert für die Stadtwerke die Notwendigkeit einer gut funktionierenden Logistik und eines Stromeinkauf-Portfolios, das an jeden Ort Strom zu einem wettbewerbsfähigen Preis-/Leistungsverhältnis liefert.
Eine zukunftsfähige und gangbare Lösung, die letzteres garantiert, heißt „Deutsche Stadtwerke AG“ oder „Europäische Energie-Hanse“.
Diese Idee, welche die Marktposition der Stadtwerke durch einen Zusammenschluss im Vergleich zu den Top Ten der Branche deutlich steigern würde, basiert auf folgenden Annahmen:

  1. Die Gründung der Deutsche Stadtwerke AG in der Rechtsform einer Aktiengesellschaft. Hierdurch lässt sich sowohl eine hohe Selbständigkeit als auch Unabhängigkeit garantieren und auch ein potentieller Börsengang zur Beschaffung der notwendigen Liquidität wird erleichtert.
  2. Eine bestehende Vertriebs- bzw. Key-Account-Organisation bis in den letzten Winkel Deutschlands – allein 560 Unternehmen verkaufen Strom und Gas – eine große Stromeinkaufsmacht.
  3. Durch die Gründung der Deutsche Stadtwerke AG haben die bestehenden Stadtwerke dann die Option, in diesem Unternehmen sämtliche bisher lokalen Einkaufsaktivitäten mit dem Ziel zu bündeln und sich so eine erhöhte Einkaufsmacht und damit günstige Preise zu sichern oder aber weiterhin bei einem frei gewählten Lieferanten zu beziehen.
  4. Die Eigenständigkeit des lokalen Stadtwerkes bleibt erhalten. Außer dem Strom- und eventuell später auch dem Gaseinkauf, verbleiben grundsätzlich sämtliche Aufgaben, vor allem die Pflege der Kundenbeziehung beim Stadtwerk vor Ort (Profit Center-Prinzip). Es entsteht eine fachlich kompetente und schlagkräftige Kooperation, die Kundenorientierung sicherstellt und dem Wandel vom Verkäufer- zum Käufermarkt Rechnung trägt.
  5. Der Stromübergabepunkt (Einspeise- und Verrechnungspunkt) ist die Netzkupplung der lokalen Stadtwerke. Diese brauchen sich um die Ermittlung der Hochspannungsdurch-leitungsentgelte, der Versorgungssicherheit etc. nicht mehr zu kümmern.
  6. Das lokale Stadtwerk bleibt ein selbständiges Unternehmen.
  7. Die von vielen Marktstudien und Meinungsumfragen bestätigte strategische Bedeutung der Kundennähe als zentraler Wettbewerbsfaktor ließe sich durch eine und in Kombination mit einer flächendeckenden deutschlandweite Präsenz realisieren, getragen von lokaler und sozialer Verantwortung.
  8. Die Deutsche Stadtwerke AG kann Dienstleister für ihre Mütter, die lokalen Stadtwerke werden. Beispielhaft seien hier die Erstellung eines gemeinsamen Marktauftritts, begleitet und unterstützt durch die Implementierung einer einheitlichen Unternehmenskultur, oder auch die Entwicklung einer breiten und modernen Produkt- und Energiedienstleistungspalette zu nennen. Kostendegressionseffekte können durch die Nutzung eines gemeinsamen Abrechnungs- und Ablesesystems realisiert werden.

Eine Deutsche Stadtwerke AG, gemeinsam unabhängig, kann mit Erfolgspotentialen nicht nur national sondern auch auf europäischer Ebene Akzente im Wettbewerb setzen, denn in ganz Europa gibt es noch Stadtwerke.
DIETER OESTERWIND
Dieter Oesterwind: „Stadtwerke könnten dank einer Organisation wie der Stromhanse oder der Deutschen Stadtwerke AG Energie günstig einkaufen und an jedem Ort preiswert verkaufen.“

Ein Beitrag von:

  • Dieter Oesterwind

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