Energie 12.03.1999, 17:20 Uhr

Der Weg zum grünen Strom ist steinig

Die Nachfrage nach „Ökostrom“ steigt. Dessen Lieferanten kämpfen mit den Kosten für Stromdurchleitung durch fremde Netze. Und gelegentlich sind sie auch untereinander zerstritten.

Zur Zeit melden sich fast wöchentlich neue Ökostrom-Anbieter auf dem Markt, die ausschließlich Strom aus Wind, Wasser, Sonne und Biomasse anbieten wollen. Kein Wunder, denn das Marktpotential gilt als hoch: Jeder fünfte Bundesbürger würde Umfragen zufolge mindestens 15 % mehr für Ökostrom ausgeben, auch viele Firmen signalisieren Interesse an dem grünen Strom. Richtig starten wird der Handel aber erst im Verlauf dieses Jahres. Womit die Händler sich zur Zeit herumschlagen, wurde auf einer Tagung „Grüner Strom“ zur Messe „Erneuerbare Energien“ in Böblingen deutlich.
Anfang Februar machte die grüne Bundestagsabgeordnete Michaele Hustedt Schlagzeilen, als sie als Privatkundin einen Lieferanten von Windstrom frei wählte. Weniger prominente Interessenten müssen allerdings noch ein Weilchen warten, bis sie CO2-neutral Wäsche waschen, Tee kochen oder auf andere Weise Strom verbrauchen können. Zwar haben mittlerweile zahlreiche Firmen ihren Namen als grüne Stromhändler ins Spiel gebracht, doch meist handelt es sich dabei um bloße Absichtserklärungen. Wirklich in den Startlöchern stehen nur eine Handvoll Anbieter, darunter die Düsseldorfer Naturstrom AG, die Elektrizitätswerke Schönau, die WRE AG aus Bad Homburg und die NaturEnergie GmbH aus Grenzach-Whylen.
Behindert wird der grüne Strommarkt vor allem durch die Kosten für die Nutzung fremder Stromnetze. Nach der Verbändevereinbarung, die die Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke (VDEW), der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und der Vereinigung Industrieller Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) im Mai vergangenen Jahres getroffen haben, müssen Netznutzer eine kompliziert zu berechnende Durchleitungsgebühr bezahlen. In der Regel liegt diese zwischen 10 Pf/kWh und 12 Pf/kWh. In manchen Fällen kann sie noch deutlich darüber hinausgehen.
„Die Gebühr ist wettbewerbsfeindlich und in keiner Weise den reellen Kosten für die Netzbetreibung angemessen“, schimpft Prokurist Markus Kasten von der WRE AG, die Strom mit Wind- und Wasserkraftanlagen im europäischen Ausland erzeugt. In England, wo WRE bereits heute grünen Strom anbietet, koste die Durchleitung nur 4,5 Pf, geringfügig teurer sei sie in den skandinavischen Ländern. Kasten wartet auf die Überarbeitung der Verbändevereinbarung, denn die jetzige wird Ende September auslaufen. Erst unter den erhofften günstigeren Bedingungen will WRE Privatkunden mit grünem Strom beliefern, Gewerbe und Industrie bereits ab Sommer.

400 Kunden erhalten ökologischen Strom

Etwas leichter hat es die NaturEnergie AG, eine Tochtergesellschaft der konventionellen Energieversorger Rheinfelden und des Kraftwerks Laufenburg in der Schweiz. Seit 1. November versorgt NaturEnergie mittlerweile 400 Kunden zu einem Aufpreis von 7 Pf/KWh (netto) mit Wasser- und Sonnenstrom – allerdings nur diejenigen, die im Netzgebiet der Muttergesellschaften ansässig sind. Für eine bundesweite Lieferung wartet auch NaturEnergie auf bessere Durchleitungsbedingungen.
Einige grüne Stromhändler nutzen jedoch ein Schlupfloch, um der Durchleitungsregel zu entgehen. „Wir leiten nicht durch, sondern speisen einfach nach dem Stromeinspeisegesetz erneuerbare Energien ein“, meint Dr. Michael Sladek von den Elektrizitätswerken Schönau (EWS), die aus der Anti-AKW-Bewegung hervorgegangen sind. Bezieher von „Watt-ihr-Volt“-Strom der EWS bleiben wie bisher Kunde bei ihrem Stromversorger. Darüber hinaus erklärt sich der Kunde vertraglich bereit, für eine bestimmte Ökostrommenge einen Aufschlag von 8 Pf/kWh netto an die EWS zu bezahlen. Die garantiert dafür die Erzeugung der bestellten Strommenge aus erneuerbaren Energieträgern und kraftwärmegekoppelten Anlagen.
Daß der Strom gar nicht zum Netz des Kunden weitergeleitet wird, spielt für Sladek keine Rolle. Der Zweck werde schließlich erreicht: „Fließen in den schmutzigen Kraftwerksee“ an vielen Stellen kleine ökologische Stromquellen, so verdrängen diese den ,schmutzigen Strom“ und die Qualität des Stromsees wird insgesamt besser.“ Durch das pragmatische Konzept liegt die EWS beim Öko-Strom zeitlich vorne, seit Mitte vergangenen Jahres hat sie gut 700 „Grüne Verträge“ abgeschlossen.

Weite Stromwege aus dem Ausland sind tabu

Einen ähnlichen Ansatz wie die EWS verfolgt auch die Naturstrom AG, allerdings wickelt sie den Zahlungsverkehr mit den regionalen Energieversorgern für ihre Kunden ab. Zudem steht der aus den Reihen der Umweltverbände gegründete Strommakler für die „reine ökologische Lehre“: Die Lieferanten dürfen den Strom ausschließlich aus erneuerbaren Energien erzeugen, auch verlustreich transportierter Strom aus dem Ausland ist tabu.
„Wir haben gerade die ersten 500 Verträge unserer Kunden mit alten Stadtwerken gekündigt. In etwa 6 Wochen werden wir 80 % des Strombedarfs dieser Kunden decken können“, bilanziert der Vorstandsvorsitzende Günter Benik. Der Aufpreis liegt wie in Schönau bei 8 Pf/kWh netto. Bis Ende des Jahres will die Naturstrom AG gut 12 000 Kunden gewinnen. Um nicht zu stark von Wind und Sonnenschein abhängig zu sein, sollen 50 % des Stroms mit Biomasseanlagen erzeugt werden. „Wir planen derzeit Biogas-Anlagen mit einer Nennleistung bis zu 12 MW, und das 8600 Stunden im Jahr, keine 2000 Stunden jährlich, wie bei Windkraft“, kündigt Benik nicht ohne Stolz an.
Erhebliche Streitereien herrschen darüber, welches Konzept nun das ökologisch und ökonomisch beste ist. „Unmarktwirtschaftliches Spendenmodell“, kanzelt WRE-Prokurist Markus Kasten das Konzept von EWS und Naturstrom ab. Und Stefan Krug von Greenpeace stimmt ein: „Da fließt immer noch viel zu viel Geld in die Kassen der Energieversorgungsunternehmen. Nur wenn die wirklich Kunden verlieren, werden sie sich mit umweltfreundlicher Energiewirtschaft auseinandersetzen.“ Michael Sladek von der EWS schießt zurück: „Die Durchleitung verursacht nur unnötige Kosten. Man zahlt den Energieversorgern Gelder, die in neue ökologische Anlagen investiert werden sollten und erspart denen auch noch die Vergütungen nach Stromeinspeisegesetz.“
Einig sind sich die neuen „grünen Händler“ in der Ablehnung konventioneller Stromerzeuger wie den Hamburgischen Electricitätswerken (HEW), die ebenfalls 100 %ig grünen Strom ankündigen. Ein „Grüner Strom Label“, das von mehreren Umweltverbänden unter Federführung von Eurosolar e.V. entwickelt wurde, soll klare Grenzen ziehen. Wer anderen als grünen Strom anbietet, soll das Label nicht bekommen, bestimmen die jüngst verabschiedeten Richtlinien. Auch Tochterunternehmen werden das Label nur erhalten, wenn die Muttergesellschaft kein Atomkraftwerk betreibt. Diesen Ökostromanbietern bleibt dann immer noch der „Blaue Engel“ für Strom, an dem das Umweltbundesamt gerade arbeitet.
FROMUT POTT
Das Marktpotential für Ökostrom (hier aus Windkraft) ist hoch. Doch es existiert nur eine Handvoll Anbieter. Sie müssen eine komplizierte Durchleitungsgebühr zahlen.

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  • Fromut Pott

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