Windkraft 04.02.2000, 17:24 Uhr

Der Herr der Winde

Die Propeller werden immer größer. Das neueste Flaggschiff der Branche verfügt über eine Nennleistung von satten 2,5 MW und dreht sich mitten im rheinischen Braunkohlerevier.

Ein eisiger Wind streicht über die Braunkohlehalde. Der Boden ist gefroren, das Thermometer zeigt minus drei Grad an, und das bei strahlendem Sonnenschein. „Heute haben wir mit dem Wetter Glück“, freut sich Michael Klingele. Der 32-jährige gelernte Techniker ist zufrieden, denn an diesem Januartag herrschen optimale Arbeitsbedingungen für ihn und seine zwölf Mann starke Montagetruppe. Seit zwei Wochen ist Klingele damit beschäftigt, die größte und zugleich schwerste Windturbine der Welt aufzubauen.
Unser Standort: Das etwa 100 m hoch gelegene Windtestfeld in Grevenbroich rund 20 km westlich von Düsseldorf. Von oben schaut man auf die beiden Ortschaften Frimmersdorf und Neurath. Michael Klingele greift zu seinem gelben Helm, schnappt sich sein Funkgerät und rennt los. „Da hinten kommen sie“, brüllt er ins Mikrofon. Ein Motor heult auf und kurz darauf schleicht ein über 500 PS starker Truck die Anhöhe zum Testfeld im Schneckentempo hoch. Noch ahnt kaum jemand, was da herangekarrt wird. Ganz langsam, Meter für Meter kriecht der Sattelzug um die letzte Kurve: Erst taucht das Führerhaus auf, dann eine orangefarben lackierte Flügelspitze und dann – das Ding will überhaupt kein Ende nehmen. Die Fracht allein ist schon rekordverdächtig. Wie ein weiß getünchter Pottwal sieht das erste Windradblatt aus. Seine Ausmaße sind in der Tat gigantisch. Der Lkw ächzt, ganz vorsichtig schiebt sich der über 40 m lange Tieflader zur Baustelle. Klingele, Projektleiter der Firma Nordex, strahlt, denn nun kann die Endmontage beginnen. Auch der zweite und der dritte Truck sind nun sicher am Zielort angekommen. Gute zwölf Stunden war der Konvoi vom dänischen Lunderskov Richtung Rheinland unterwegs. Die Route führte von Flensburg über Hamburg, von dort Richtung Münster und anschließend quer durch das nächtliche Ruhrgebiet. Etliche Leitplanken und Verkehrsschilder mussten während des Transportes entfernt werden. Jeder Flügel ist 38,5 m lang und bringt jeweils 10 t auf die Waage. Für diese besondere Fracht gab es keine Auflieger, die mussten erst noch vor der Tour angefertigt werden.
Generalstabsmäßig ist die gesamte Logistik am Firmensitz des Windradherstellers Nordex Borsig Energy in Oberhausen vorbereitet worden. „Wir haben unseren Zeitplan bisher optimal eingehalten“, meint Theo Becker, bei Nordex für Vertrieb und Projektentwicklung zuständig. Der erste Lkw zieht bis zum Standort der Windturbine vor. Direkt neben den Containern der Bauleitung ragt ein riesiger grauer Stahlturm in die Luft. Vor gut einer Woche haben Klingele und sein Team die vier Turmteile Stück für Stück hochgehievt, unzählige Stahlbolzen verschraubt und anschließend das Maschinenhaus mit der Narbe auf den Turm gesetzt. Auch dabei haben die Nordex-Leute alle weltweit bestehenden Rekorde in der Windkraftbranche gebrochen. In 80 m Höhe ist die 107 t schwere Gondel befestigt worden, in der winzige scheinende Gestalten ungeduldig auf die Ankunft der Flügel warten.
Doch bis das erste Blatt montiert werden kann, vergehen noch Stunden. „Wir müssen die beiden Krane in Position bringen“, ruft Klingele seinen Leuten zu. Zwei Monteure klettern auf den ersten Lkw, spannen vorne und hinten breite Gurte um das Rotorblatt. Klingele wirkt aufgeregt, sein Funkgerät fiept, er dreht sich um und geht zu den beiden Kranführern. Für die Montage des Nordex-Propellers wurde einer der größten Gitterkrane Europas nach Grevenbroich gekarrt. Zwei Tage hat der Aufbau des Krans gedauert, 600 t kann er mühelos heben.
Die Gurte am Rotorblatt werden überprüft – sie sitzen fest, doch wieder muss gewartet werden. „Der Wind ist jetzt zu stark“, meint Klingele, greift in seinen Goretex-Overall und zündet sich eine Zigarette an. Unterdessen prüfen seine Leute den Sitz der Gurte. Dann, der Wind lässt nach, wird es hektisch. Klingele verscheucht neugierige Zuschauer, auf sein Handzeichen hin zieht der Gitterkran das vordere Flügelteil ganz langsam und vorsichtig nach oben. Flink springt der Nordex-Mann mal nach vorne, mal nach hinten und per Funkgerät gibt er seine Kommandos durch.

Ein Wunderwerk deutscher Ingenieurskunst

Jetzt hebt auch der zweite Kran langsam an, nur wenige Zentimeter trennen den Flügel von seiner Transporthalterung. „Du kannst jetzt hochziehen“, gibt Klingele per Funk dem Kranführer durch. Über zwanzig Minuten dauert die ganze Prozedur. Dann schließlich schwebt das Blatt über der gefrorenen Erde. Vorn und hinten stemmen sich Monteure mit ihrem ganzen Körpergewicht gegen die Kraft des Windes, der das Flügelblatt kräftig hin und her bewegt. Der Wind darf nicht stärker als zehn Meter pro Sekunde wehen, sonst werden die Männer weggeschleudert.
Noch können sie den Flügel halten, ausbalancieren und in die richtige Position für die Montage am Maschinenhaus bringen. Die ganze Aktion macht auch einem technischen Laien klar, dass diese Windmühle etwas ganz Besonderes ist. Über ein Jahr haben die Entwicklungsingenieure bei Nordex geplant, getüftelt und immer wieder neue Komponenten für die „N-80“ entworfen. Heraus gekommen ist nicht nur der größte und schwerste Propeller, das Kraftpaket ist auch ein kleines Wunderwerk deutscher Ingenieurkunst. Mit rund 2,5 MW Leistung kann die N-80 den Stromverbrauch von etwa 1250 Haushalten decken. Das ganze Ding erinnert an den legendären „Growian“, der Mitte der 80er Jahre mit immerhin 3 MW die großtechnische Nutzung von Windenergie möglich machen sollte. Große Windenergieanlagen, so dachte man damals, könnten zusammen mit Kohle- und Atomkraftwerken zuverlässig Strom für den Markt produzieren. Während der Growian nur als Pleiteunternehmen von sich reden machte, will Nordex mit der neuen Supermegawatt-Mühle ein gutes Geschäft machen. „Wir werden die N-80 hier in Grevenbroich ausführlich auf Herz und Nieren überprüfen lassen“, meint Hans Fechner, Sprecher der Geschäftsführung der Borsig Energy. Das Unternehmen hat bei der gesamten Planung des Aufbaus Druck gemacht, schließlich wollen die Techniker noch die starken Frühjahrswinde im März und April für erste Testreihen ausnutzen. Zu den wichtigsten Zielen der Versuchsreihen zählt die Ermittlung der Leistungskurve des Propellers. Sie ist die bedeutendste Anlagencharakteristik eines Windrades. In Verbindung mit dem Windangebot eines Standortes ist die Leistungskurve bei der Energieprognose geplanter Windparkprojekte von entscheidender Bedeutung. „Unsere Kunden können so verlässlich kalkulieren, mit welchen Erträgen sie bei der Installation einer N-80 rechnen können“, meint Fechner. Bei Nordex will man schon in diesem Sommer mit der Vorserien-Produktion der 2,5-MW-Anlage anfangen.

Vielleicht dreht der Koloss sich bald „offshore“

Die Mühle soll dual genutzt werden. Im Klartext heißt das: Die Anlage ist sowohl für Binnenlandstandorte als auch für windstarke Küstengebiete oder „Offshore-Windparks“, also für Standorte im Meer, vorgesehen. Hier sieht Nordex große Marktchancen. Denn wegen der stärkeren und gleichmäßigeren Windverhältnisse über dem Meer planen viele Projektentwickler Offshore-Windparks mit besonders leistungsstarken Maschinen. Neben der Anlage in Grevenbroich will die Mühlenschmiede von Borsig Energy deshalb in diesem Frühjahr noch einen Prototyp der N-80 in Dänemark ins kühle Nass der Ostsee stellen. Der deutsche Anlagenbauer hofft, mit dem dänischen Energieversorger Elsam ins Geschäft zu kommen. „Die wollen große Offshore-Kapazitäten in den nächsten Jahren installieren“, sagt Windrad-Fan Fechner.
Selbst in den USA rechnet der Borsig-Manager mit einem wachsenden Bedarf an großen Propellern. Dort werden derzeit schon Hunderte Windräder der ersten Generation mit einer relativ bescheidenen Leistung von 100 bis 300 kW gegen moderne Megawatt-Anlagen ausgetäuscht. „Im Rahmen von Repoweringmaßnahmen könnte eine unserer Mühlen gegen fast zehn 300er Anlagen ausgetauscht werden“, sagt Fechner.
Wegen der knapper werdenden Flächen in Deutschland bietet sich das neue Ökostrom-Kraftwerk auch hierzulande an. Wenn die Nutzung der Windkraft ausgebaut werden solle, dann müsse grundsätzlich, so der Borsig-Lenker Fechner, mehr Energie aus der verfügbaren Rotorfläche geholt werden. Das gehe nur mit leistungsfähigeren Anlagen. Ende des Jahres haben die Nordex-Leute nach Abschluss der ersten Testserien in Grevenbroich den Start der Serienfertigung eingeplant.
Noch immer hängt der Flügel knapp fünf Meter über dem Boden. Michael Klingele und sein Aufbauteam müssen wieder eine Zwangspause einlegen. „Der Wind bläst zu stark. Genau das können wir jetzt überhaupt nicht gebrauchen“, ärgert sich der Nordex-Mann. Nur einen Menschen kann das alles nicht schockieren. Markus Jansen, Leiter des Testfeldes, hat bereits vier Mühlen auf der Abraumhalde stehen. Zwei DeWind, eine Südwind und eine amerikanische Zond drehen sich ruhig im lauen Westwind. Mit der N-80 könnten die Ingenieure des Testfeldes erneut Windgeschichte in Deutschland schreiben. Während die Inbetriebnahmephase des Growian fast ein ganzes Jahr dauerte, sind Jansen und seine Crew bereits nach vier Wochen, spätestens Ende Februar am Netz. „Mit der N-80 wird ein neues Kapitel Windtechnikgeschichte aufgeschlagen. Den Growian haben die Anlagenbauer von Nordex links überholt“, meint Jansen schmunzelnd.
Michael Klingele ist erleichtert. Aus dem Baucontainer kommt die Information, dass der Wind nachlässt. Es geht weiter. Der Kran bewegt sich ganz ruhig und vorsichtig. Meter für Meter wird der 10 t schwere Flügel hochgezogen und von Klingeles Leuten an der Rotornarbe festgeschraubt. „Wenn das Wetter so bleibt und der Wind nicht stärker wird, dann haben wir heute Abend alle Blätter oben“, ist sich Klingele sicher. Es wird spät an diesem Tag. Gegen zehn Uhr abends ist es dann geschafft. Fast 14 Stunden Montage für drei Flügel, ein harter Job für Klingele und sein Team. Sollte das Windrad auf dem Markt ankommen, dann ist es sicher nicht der letzte Job für den Techniker Klingele gewesen und sicher auch nicht das letzte Mal, dass bis in die späten Abendstunden geschraubt und geflucht wurde. MICHAEL FRANKEN
Jeder der drei Flügel, die vergangenen Donnerstag an der weltweit größten Windmühle montiert wurden, wiegt 10 t. 60 kreisförmig angeordnete Bolzen verbinden den Flügel mit der Narbe.
Das neue Flaggschiff der Wind-Branche ist 80 m hoch und kann mit seinen rund 2,5 MW Leistung den Stromverbrauch von etwa 1250 Haushalten decken.
Für die Montagearbeiten wurde einer der größten Gitterkrane Europas nach Grevenbroich gekarrt. Er kann 600 t bewegen, die 14 t schwere Rotornarbe war für ihn also ein Leichtgewicht.

Ein Beitrag von:

  • Michael Franken

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