Energie 15.08.2003, 18:26 Uhr

Der Growian der Biogas-Branche

Der – nun beseitigte – Gestank der Biogas-Großanlage von Neubukow wirft die ganze Biogasbranche zurück. Die Planer hatten zunächst das Emissionsproblem unterschätzt. Mit neuen Absauganlagen und einem neuen Biofilter konnte die Verpestung der Luft beseitigt werden.

Man riecht jetzt nichts mehr“, sagt der Kellner der Gaststätte „Zur Windmühle“ in Neubukow bei Rostock. 5 km Entfernung sind es von hier bis zu der Biogas-Anlage. „Die haben sie wohl stillgelegt“, sagt der Mann. „Schade um die Arbeitsplätze, aber das ging wirklich nicht.“
Der Kellner ist schlecht informiert. Seit Mai ist die Biogasanlage Neubukow, Mecklenburg-Vorpommern, wieder in Betrieb. Wie eine Ansammlung riesiger afrikanischer Rundhütten liegt sie am Ortsrand.
„Hier wurde nicht gespart, das sollte eine Vorzeigeanlage für die ganze Welt sein“, sagt Broder Schütt, Geschäftsführer dieser und zweier weiterer Biogasanlagen. Dass dem Kellner die Anlage nicht mehr stinkt, ist neuen Absauganlagen und einem neuen Biofilter zu verdanken: Viermal so groß wie der alte, endlich ausreichend für die 80 000-t-Großanlage mit dem offiziellen Namen „Biogaserzeugungs- und Verwertungsgesellschaft mbH Kühlung-Salzhaff“. Der Gestank dieser Anlage hat die Bürger von Neubukow auf- und eine ganze Branche in Verruf gebracht.
Das Konzept mit zweistufigem biologischem Aufschluss durch getrennte Hydrolysierung und Methanisierung sollte die möglichen Kunden der Farmatic Biotech Energy AG beeindrucken. Auch die Landesregierung hat sich voll hinter das Biogaskonzept gestellt: „Ich habe die Anlage schon im Jahr 2000 besucht und mich sehr für weitere Biogasanlagen ausgesprochen“, sagt Mecklenburgs Umweltminister Wolfgang Methling (PDS). Schließlich sei Biogas nicht nur Gewinn bringend, sondern sollte gerade den Gestank vermeiden, der beim Aufbringen von Gülle über die Dörfer wabert. Die ersten Betriebsjahre 1999 bis 2001 liefen denn auch weit gehend geruchsneutral. Das Gas der Anlage verbrannte in zwei Blockheizkraftwerken und schickte eine Wärmemenge von 1 MW in ein kleines Nahwärmenetz. Der Strom wurde für knapp 10 Cent/kWh eingespeist.
Doch von der Erzeugung von Strom und Wärme allein kann eine große Biogasanlage nicht leben. Die Wärme macht vielleicht 10 % der Umsätze aus, der Strom 40 %. Die restlichen Einnahmen müssen aus den Entsorgungsgebühren kommen für Reste von Fettabscheidern, Kartoffelabfälle, Schälabfälle aus der Gemüseverarbeitung bis hin zum Magen- und Darminhalt von getöteten Tieren aus Schlachthöfen.
Mit diesen Cofermenten kamen die Probleme. „Zuerst war der Geruch so gering, dass man ihn außerhalb des Zaunes nicht wahrgenommen hat“, sagt Joachim Mett, Geschäftsführer der Stadtwerke GmbH Neubukow. Die Hydrolyse der Anlage wurde nicht eingekapselt, sondern offen ausgeführt. „Farmatic entschied damals, sie abzusaugen“, sagt Mett. Der Geruch verschwand. Doch je mehr eiweißhaltige Cofermente die Anlage verarbeitete, desto weniger kam der kleine Biofilter mit der Abluft zurecht.
Die Entscheidung, einen komplett neuen Filter zu bauen, traf Farmatic zu spät. Irgendwann im Herbst 2002 blies die Anlage die Gerüche aus der Anlage praktisch ungefiltert in die Luft. Und bei Hans-Joachim Meier stand das Telefon nicht mehr still. „Die Stimmung war katastrophal, die Gerüche waren derart Ekel erregend, dass man das nicht mehr hinnehmen konnte“, sagt der Leiter des Staatlichen Amtes für Umwelt und Natur (Staun) in Rostock. Meier legte die Anlage still.
Seit Anfang Mai ist die Anlage nun wieder in Betrieb. Die Hydrolyse wird abgesaugt, der Luftbefeuchter der Anlage wurde zum Säurewäscher umgebaut, damit der Filter nicht versauert. Der Filter wurde vergrößert. Doch der gute Ruf der Biogasanlagen ist weit über die Grenzen von Mecklenburg-Vorpommern dahin.
„Das hat sich rumgesprochen. Wir merken das bei anderen Projekten, etwa bei einer Anlage bei Wien. Da müssen wir jetzt lange argumentieren, bis die Leute glauben, dass die Filter funktionieren“, sagt Ralf Forkmann von der S&H GmbH & Co. Umweltengineering KG aus Dallgow, die den neuen Filter montiert hat.
Die Bürgerinitiative Neubukow gibt ihre Erfahrungen an andere Bürger weiter. Durch den Fehler von Farmatic erleben nun alle Anlagenbauer, dass Kunden kritischer werden bei der Frage, ob es stinkt oder nicht. „Das hat uns ganz weit zurückgeworfen“, sagt Broder Schütt. „Das kann man nur vergleichen mit dem Rückschlag, den das Growian-Desaster für die Windkraft bedeutete.“
„Außer Neubukow haben wir vorher und nachher keine Anlage mehr gebaut, bei der die Hydrolyse nicht abgesaugt wird“, sagt Hubert Loick, der neue Vorstand bei Farmatic. Und damit das Unternehmen in Zukunft schneller auf Stinkereien reagiert, hat er eine „Task Force“ aus fünf Leute benannt. Das Resümee aus der Neubukow-Erfahrung rattert Loick runter wie die Buddhisten ihre Mantras: „Vollkapseln, absaugen, einhausen.“ Immerhin: In Mecklenburg-Vorpommern sollen laut Minister Methling alle 13 Biogasanlagen so gebaut werden, wie geplant.
MARCUS FRANKEN

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