Interview: Offshore-Windkraft 14.09.2012, 11:52 Uhr

„Der Druck aus Asien auf Anlagenbauer wird kommen“

Die Offshore-Windkraftindustrie muss kräftig auf die Kostenbremse treten. „Bis 2020 muss die Offshore-Industrie für die durchschnittlichen Stromgestehungskosten die 10 Cent erreicht haben“, sagt der Leiter der Offshore-Aktivitäten von RWE Innogy, Martin Skiba. Zurzeit kalkuliert die Branche noch mit einer Einspeisevergütung von 15 Cent/kWh beziehungsweise 19 Cent/kWh, die für bestimmte Laufzeiten gesetzlich garantiert sind.

Offshore-Windenergie: Große Einsparpotentiale müssen umgesetzt werden.

Offshore-Windenergie: Große Einsparpotentiale müssen umgesetzt werden.

Foto: Vestas

VDI nachrichten/INGENIEUR.de: In der Bevölkerung sinkt zunehmend die Bereitschaft, als Folge der Energiewende mehr Geld für Strom auszugeben. Besonders kostenintensiv scheint derzeit die Offshore-Windenergie zu sein. Wie steht es um die Einsparpotenziale in diesem Bereich?

Skiba: Es gibt in der Tat ein großes Einsparpotenzial, um die Stromgestehungskosten zu senken. Offshore-Windkraft ist eine relativ junge Energiequelle. Mit jedem neuen Projekt ergeben sich neue Erfahrungen, aber auch neue Herausforderungen. Die Lernkurve ist lang, entsprechend entwickeln sich auch die Kostensenkungspotenziale. Ich denke, dass wir uns jetzt an der Spitze der Kostenkurve bewegen aber es wird wohl noch bis 2013 oder sogar 2014 dauern, bis wir mit sinkenden Kosten rechnen können.

Wo stecken die großen Kostentreiber?

Skiba: Ein wichtiger Aspekt steckt in der gesamten Netzanschlussthematik. Im Moment müssen wir einige Risikoaufschläge verkraften. Zum einen haben die Hersteller der Umspannstationen feststellen müssen, dass diese Technik auf See nicht so einfach zu realisieren ist wie an Land. Das Lehrgeld, das sie bei den ersten Projekten gezahlt haben, geben sie nun als Risikoaufschlag an uns weiter. Allerdings ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis diese Kosten wieder sinken.

Gravierender sind die Probleme mit dem landseitigen Netzanschluss. Der Schaden, der durch die Verzögerungen entstanden ist, kann einem schon die Sorgenfalten auf die Stirn treiben.

Von dem Netzanschluss und damit von der Investitionssicherheit hängt das Weitere ab die Kostenreduktion hängt auch davon ab, wie schnell Offshore-Anlagen in größeren Stückzahlen gebaut und errichtet werden. Allerdings wurden die Möglichkeiten zum Ausbau der Offshore-Windenergie bislang immer überschätzt. Die reale Zahl der Zubauten hinkt deutlich noch hinter den Erwartungen her.

Bedeutet dies, dass sich vor allem durch Rationalisierungseffekte eine Kostensenkung ergibt und wir deshalb noch länger mit steigenden Strompreisen rechnen müssen?

Skiba: Neben der Entwicklung der Stückzahlen ist es auch die technische Entwicklung, die erheblich zur Kostensenkung beitragen kann. Neue technische Konzepte, wie einige Hersteller sie beispielsweise mit den neuen getriebelosen Turbinen vorgestellt haben, verringern durch ein geringeres Gewicht die Kopfmasse der Anlagen und erfordern deswegen weniger Aufwand und Material für Turm und Fundament.

Anlagen mit einer höheren Leistungsfähigkeit bringen ein besseres Kosten-Nutzen-Verhältnis und in Relation niedrigere Kosten. Im Grunde ist es ganz einfach: Der Bau einer 10-MW-Anlage erfordert weniger Aufwand als die Errichtung von zwei 5-MW-Anlagen. Auch später bei Betrieb und Wartung der Anlagen greifen bei größeren Anlagen Kostenvorteile.

Gibt es Kostenunterschiede zwischen dem Bau von Offshore-Windparks in Deutschland und im Ausland?

Im internationalen Vergleich fällt es schon auf, dass Deutschland strengere Bauvorschriften hat. Das wirkt sich natürlich auch auf die Kosten aus. Bei uns werden auf die Offshore-Anlagen DIN-Normen angewendet. Diese Vorschriften berücksichtigen einen extrem hohen Sicherheitsspielraum. Das macht sich dann auch in dem Materialaufwand zum Beispiel für die Fundamente bemerkbar.

International gelten andere Normen, die sich ebenfalls bewährt haben und mit weniger Materialaufwand auskommen. Damit könnten auch in Deutschland schon jetzt Kostenersparnisse vor allem bei den Gründungsstrukturen erzielt werden.

In der Photovoltaik sind deutsche Hersteller in massive Probleme geraten, weil Solaranlagen in China viel billiger produziert werden als hierzulande. Droht der Windkraftbranche eine ähnliche Entwicklung?

Skiba: Der Druck aus Asien auf die Anlagenhersteller in Deutschland und Europa wird kommen, das steht außer Zweifel. Aber auch neue Hersteller brauchen ihre Zeit, um Erfahrungen zu sammeln. Konkurrenz aus China wird vermutlich eher den Onshore-Bereich treffen Offshore sind die Unternehmen in China derzeit nicht so gut aufgestellt.

Vor allem beim Thema Netzanschlusstechnik ihrer Offshore-Anlagen dürften sie noch Nachholbedarf haben. Korea traue ich das schon eher zu, mit eigenen Offshore-Anlagen auf den europäischen Markt zu treten.

Die Erfahrungen mit der Offshore-Windenergie, zumindest in Deutschland, beschränken sich zunächst auf ein Testfeld. Wie sicher können Sie sich vor diesem Hintergrund über die Entwicklung der tatsächlichen Betriebskosten in den kommenden Jahren sein?

Skiba: Einiges an Erfahrung in puncto Wartung und Betrieb haben wir bei unseren Windparks vor der britischen Küste sammeln können. Dort betreiben wir schon seit 2004 Windkraftwerke auf See. Allerdings bisher noch in geringeren Entfernungen zur Küste als in Deutschland und in nicht so tiefen Gewässern.

In Deutschland sind wir sehr froh, dass wir auf Helgoland die Servicestation für unseren ersten deutschen Offshore-Windpark „Nordsee-Ost“ errichten können. Von dort beträgt die Entfernung zum Windpark nur rund 30 km. Das spart Zeit und Kosten.

Betrieb und Wartung von der Küste oder von Hotelschiffen aus sind mit höherem Aufwand verbunden. Aber solche Konzepte müssen zukünftig entwickelt werden. Denn hierzulande müssen wir aufgrund des Naturschutzes nun mal weit vor der Küste bauen.

Wann werden die Verbraucher Klarheit darüber haben, zu welchen Kosten sie Strom aus den Offshore-Windparks beziehen werden?

Skiba: Es ist eine ganz wichtige Aufgabe für die Industrie in Deutschland, eine Leitplanke dafür vorzugeben, wie sich die Stromentstehungskosten in den kommenden Jahren entwickeln werden.

Ich gehe davon aus, dass die Kosten für die Windkraftanlagen und den Bau der Offshore-Windparks noch ein bis zwei Jahre auf dem jetzigen Niveau bewegen werden. Aber wenn wir 2020 einen Vertrag für einen neuen Windpark unterschreiben, könnten die Kosten 20 % bis 25 % niedriger sein. Ich gehe davon aus, dass in acht Jahren die 10-Cent-Grenze für die Kilowattstunde unterschritten worden sein wird.“

Martin Skiba 

  • seit 2008 Leiter der Offshore-Windenergie bei RWE Innogy
  • Der 48-jährige Maschinenbauingenieur leitete davor den Offshore-Bereich beim Windkraftanlagenhersteller Repower. RWE Innogy hat seit seiner Gründung 2008 enge Beziehungen zu Repower als Lieferant von Offshore-Windenergieanlagen
  • Davor war er drei Jahre bei Shell Solar als technischer Leiter und Global Product Manager
  • Skiba studierte Maschinenbau an der Ruhr-Universität in Bochum und promovierte anschließend dort im Bereich erneuerbare Energien.

 

  • Wolfgang Heumer

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