Energie 04.04.2008, 19:34 Uhr

„Der Ausstieg aus der Atomkraft muss überdacht werden“  

VDI nachrichten, Ravensburg, 4. 4. 08, rus – Der Ausstieg aus der Atomkraft in Deutschland muss überdacht werden, zumindest bis die Technologien für die Nutzung der regenerativen Energiequellen so weit entwickelt sind, dass sie die Atomkraft wirtschaftlich ersetzen können. So die These von Jean-Claude Riesterer, Sprecher der VA Tech Escher Wyss. Die Bedeutung fossiler Brennstoffe wird seiner Meinung nach sinken, bis 2050 könnte die Hälfte des weltweiten Strombedarfs aus nachwachsenden Energien gedeckt werden.

Riesterer: Im Energiemix der Zukunft werden die erneuerbaren Energien eine wesentlich stärkere Rolle spielen als heute, da einerseits die Kosten für Öl, Gas weiter steigen werden und, insbesondere aufgrund von verschärften Umweltauflagen, auch für die Stromerzeugung aus Kohle. Andererseits sind diese Rohstoffe nur in wenigen Ländern der Welt in ausreichender Menge vorhanden. Das trifft für die erneuerbaren Energien nicht zu.

Ich schätze, dass bis 2050 die Stromproduktion bis zur Hälfte aus erneuerbaren Energien erfolgen wird.

VDI nachrichten: Deutschland im Jahr 2020: Wie wird sich der Alltag der Menschen durch den Wandel der Energiewirtschaft verändert haben?

Riesterer: Kurz- und mittelfristig hat die Wasserkraft die größten Entwicklungspotenziale, insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenländern, da es sich um eine Energieform mit hoher Leistungsdichte und Effizienz handelt. Außerdem handelt es sich um eine bewährte Technologie, die sofort eingesetzt werden kann.

Zusätzliche enorme Potenziale ergeben sich, wenn die Meeresenergie erschlossen wird.

VDI nachrichten: In welche der aktuell sich entwickelnden Technologien würden Sie demnach heute investieren?

Riesterer: In Wasserkraft und Windkraft

VDI nachrichten: Wie schätzen Sie die zukünftige Bedeutung fossiler Brennstoffe wie Öl, Kohle und Gas ein?

Riesterer: Aufgrund der Umweltbetrachtung und der Kosten wird die Bedeutung der fossilen Brennstoffe für die Stromerzeugung stark abnehmen.

VDI nachrichten: Und Atomkraft? Wird Deutschland am Ausstieg festhalten?

Riesterer: Der Ausstieg aus der Atomkraft in Deutschland muss überdacht werden, zumindest bis die Technologien für die Nutzung der regenerativen Energiequellen so weit entwickelt sind, dass sie die Atomkraft wirtschaftlich ersetzen können. Zumindest in dieser Frage sollten sich alle EU-Länder abstimmen und den gleichen Kurs einschlagen.

VDI nachrichten: Unabhängig von der Energieform und Technologie, viele halten das Stichwort Energieeffizienz für den Schlüssel zur Energiefrage der Zukunft. Wie schätzen Sie das Thema ein?

Riesterer: Alle Maßnahmen, die Energieeinsparung ermöglichen, sind wichtig, da sie einen wertvollen Beitrag zur Bekämpfung der weltweiten Energieverknappung leisten.

Riesterer: Um eine globale Energiewende einzuleiten, müssten einheitliche Kriterien für Umweltabgaben festgelegt werden. Die Umsetzung sollte durch eine staatenübergreifende Organisation erfolgen. Diese Umweltabgaben sollten wiederum direkt in die Forschung, Entwicklung und Ausbau von erneuerbaren Energien eingesetzt werden.

VDI nachrichten: Ihre Forderung an die deutsche Bundesregierung in diesem Zusammenhang?

Riesterer: Die Bundesregierung sollte ihre starke Präsenz in vielen internationalen Organisationen wie die EIB und Weltbank nutzen, um dieses Projekt schnell voranzutreiben.

Riesterer: Eher nicht – und das ist eines der größten Probleme, die gelöst werden müssen.

Riesterer: Unser Unternehmen spielt eine führende Rolle auf dem Energiemarkt, da der VA-Tech-Hydro-Bereich der Andritz Gruppe einer der drei weltweit führenden Anlagenbauer im Wasserkraftsektor ist.

VDI nachrichten: Welche Rolle spielt es in 20 Jahren?

Riesterer: Mit dem weltweit wachsenden Bedarf am Ausbau der Wasserkraft gehen wir davon aus, dass wir am Markt weiter stark wachsen werden.

VDI nachrichten: Was werden die wichtigsten Projekte Ihres Unternehmens sein?

Riesterer: Neben der Weiterentwicklung des Hydromatrix-Konzeptes, bei dem vorhandene Dämme und Wasserwehre durch die Nachrüstung von Hydromatrix-Komponenten zur Stromerzeugung genutzt werden, entwickeln wir auch Konzepte, die in der Lage sind, die Meeresenergie zu nutzen.

VDI nachrichten: Welche Herausforderungen sehen Sie auf sich zukommen?

Riesterer: Die größten Herausforderungen sehen wir in der besseren Akzeptanz für den Bau von neuen Staudämmen, die dringend gebraucht werden, sowohl für den Kampf gegen die Wasserverknappung, die durch die Erderwärmung noch weiter verstärkt wird, als auch für Stromversorgung der 2 Mrd. Menschen, die weltweit noch keinen Zugang zu Strom haben.

Riesterer: Weder die EU-Erweiterung noch die Globalisierung werden unser Geschäft beeinflussen, da wir bereits seit 30 Jahren sehr stark im Export tätig sind.

VDI nachrichten: Wie wichtig ist ein Markenname für den Produkterfolg im industriellen Bereich?

Riesterer: Ein Markenname ist sehr hilfreich und sogar erforderlich, um sich am Markt gegenüber den Billigherstellern aus Schwellenländern, die uns mit tieferen Qualitätsstandards Konkurrenz machen, behaupten zu können.

VDI nachrichten: Haben Sie wegen des Fachkräftemangels Entwicklungen nicht oder nur verzögert in Deutschland durchführen können?

Riesterer: Die Technik, die wir einsetzen, ist sehr anspruchsvoll. Die Wasserkraftanlagen sind in der Regel Prototyp-Anlagen, die den hydrologischen und geologischen Gegebenheiten angepasst werden müssen. Dazu werden für die Planung und Ausführung erfahrene Ingenieure benötigt, die in Deutschland nicht ausreichend vorhanden sind.

VDI nachrichten: Braucht eine Führungsmannschaft mehr Medienkompetenz, um Investoren und Anleger zu überzeugen?

Riesterer: Es wäre mit Sicherheit hilfreich, wenn die Führungsmannschaft mehr Medienkompetenz hätte, um Investoren und Anlegern die komplexen technischen und wirtschaftlichen Aspekte der Projekte zu übermitteln.

Riesterer: Die Fahrten mit dem Pkw einzuschränken.

VDI nachrichten: Wie könnte man Ihren Umgang mit den Mitarbeiter/innen charakterisieren?

Riesterer: Den Umgang mit den Mitarbeiter/innen würde ich als kooperativ bezeichnen, indem ich für sie ansprechbar bin und sie unterstütze, wenn es erforderlich ist.

VDI nachrichten: Was schätzt Ihr Umfeld besonders an Ihnen?

Riesterer: Ich denke, dass mein Umfeld meinen personenorientierten Führungsstil sowie meine über 30-jährige Betriebszugehörigkeit und meine Geschäftserfahrung schätzt.

VDI nachrichten: Welche moralischen Werte sind besonders aktuell?

Riesterer: Aus meiner Sicht sind Glaubwürdigkeit, Zuverlässigkeit und soziale Verantwortung moralische Werte, die in der heutigen Zeit sehr wichtig sind.

Riesterer: Ich wurde nach heutigen Maßstäben eher streng erzogen und musste schon in jungen Jahren Pflichten übernehmen. Wichtige Kriterien in meiner Erziehung waren Gehorsam, Disziplin, Leistungsdruck, Ehrlichkeit sowie Höflichkeit.

VDI nachrichten: Wie sollten Kinder heute erzogen werden?

Riesterer: Kinder sollte man in der Freizeit nicht alleine dem Fernseher oder den Computerspielen überlassen.

Die früheren Disziplinen wie Sport und Bücher lesen sollten weiterhin ein fester Bestandteil der Erziehung sein, weil Sport den Teamgeist, den Leistungswillen, die Zielorientierung sowie die Wettkampffähigkeiten stärkt und das Lesen ein wichtiger Grundstein für die allgemeine Bildung, die Konzentrationsfähigkeit und die Kreativität ist.

Außerdem sollten auch Werte wie Disziplin, Leistungsbereitschaft und sogar Ehrgeiz in einem vernünftigen Verhältnis übermittelt werden.

Riesterer: Ich wünsche der nächsten Generation die Kraft, aber auch den Willen, sich mit den Problemen wie Globalisierung und Umwelt richtig auseinanderzusetzen. Ich hoffe, dass sie es auch schafft, unseren zum Teil hohen Lebensstandard zu erhalten und den Lebensstandard in der dritten Welt zu verbessern – bei gleichzeitiger Schonung der Natur und der Rohstoffe mit Hilfe neuer Technologien.

VDI nachrichten: Was ist Ihr Lebensmotto?

Riesterer: Folgende zwei Wahlsprüche liegen mir besonders nah, und zwar „Was Du tust, tu es richtig“ und „In der Ruhe liegt die Kraft“.

VDI nachrichten: Welches war in Ihren Augen die wichtigste Erfindung des 20. Jahrhunderts?

Riesterer: Aus meiner Sicht ist die Erfindung des elektronischen Digitalrechners mit Mikroprozessoren die wichtigste Erfindung des 20. Jahrhunderts, weil es die Voraussetzung ist für Wissenschaft, Technologie und Kommunikation, schnelle Fortschritte zu erzielen, u. a. im Umweltschutz und in der Armutsbekämpfung. fl/ae

Der Publizist und Unternehmer Florian Langenscheidt ist Verleger des Buches „Energietechnologie der Zukunft“. Der Band enthält Porträts deutscher Industrieunternehmen, die auf dem Weltmarkt führend sind oder durch Innovationen ins Gespräch kommen. Die Menschen hinter diesem Erfolg werden hier regelmäßig vorgestellt.

Wird fortgesetzt

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