Energie 21.07.2006, 19:22 Uhr

„Der Abschied vom Öl wird beschleunigt“  

VDI nachrichten, Hamburg, 21. 7. 06, ps – Der Krieg im Libanon und der Streit um das iranische Nuklearprogramm treiben den Ölpreis in schwindelnde Höhen. Wie sehen die wirtschaftlichen Folgen aus? Fragen an Klaus Matthies, Energieexperte des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs (HWWA).

Matthies: Falls es zu einer weiteren Zuspitzung der Lage im Nahen Osten kommt, wird die 80-Dollar-Grenze schnell überschritten werden.

VDI nachrichten: Was sind die Gründe für den heftigen Ölpreisanstieg in den letzten Jahren?

Matthies: Zunächst einmal sind es fundamentale Faktoren: Die globale Nachfrage nach Öl hat in den letzten drei Jahren deutlich zugenommen. Vor allem die asiatischen Entwicklungs- und Schwellenländer, allen voran China, benötigen immer mehr Mineralölprodukte für ihre Industrialisierung und Automobilisierung. Dadurch sind die freien Ölförderkapazitäten in der Welt extrem geschrumpft. Dies hat im Zusammenhang mit politischen und Sicherheitsproblemen in mehreren wichtigen Ölländern zu großer Sorge an den Ölmärkten geführt, dass es zu Versorgungsengpässen kommen könnte. Der so entstandene Preisauftrieb wird durch spekulative Käufe verstärkt.

VDI nachrichten: Noch reagieren die Märkte allerdings weitgehend besonnen. Haben wir uns an den hohen Ölpreis gewöhnt?

Matthies: Einen Grund zur Panik gibt es gegenwärtig nicht, denn die Versorgung ist ausreichend. Zudem ging der Ölpreisanstieg diesmal von zunehmender Nachfrage aus, und er erstreckte sich über mehrere Jahre. Das ist anders als in den siebziger Jahren, als die Ölpreise als Folge von Angebotsverknappungen explodierten. Gegenüber damals ist die Ölabhängigkeit unserer Volkswirtschaften deutlich geringer geworden, dadurch können hohe Ölpreise heute besser verkraftet werden.

VDI nachrichten: Gegenwärtig gibt es genügend preistreibende Faktoren: Der Konflikt Israel/Palästina, der Atomstreit zwischen Persien und dem Westen. Wie sieht ein Worst-Case-Szenario aus?

Matthies: Wenn es zu einem Flächenbrand am Persischen Golf käme, wäre ein großer Teil der Öllieferungen betroffen. Allein durch die Straße von Hormuz wird etwa ein Fünftel des weltweit benötigten Öls transportiert. Bei einem Ausfall dieser wichtigen Verbindung würde der Ölpreis sicherlich explodieren – trotz Notstandreserven an Öl, die eine physische Versorgung für viele Monate sicherstellen. Damit es nicht zu einer Lieferunterbrechung kommt, sind intensive diplomatische Bemühungen erforderlich.

VDI nachrichten: Wird es Kriege ums Öl geben?

Matthies: Einen Krieg um Öl gab es bereits 1990, als der Irak Kuwait überfiel, und auch der Irak-Krieg im Jahr 2003 hätte sicherlich nicht stattgefunden, wenn der Irak kein wichtiges Ölland wäre. Aus der immer noch großen Ölabhängigkeit der meisten Volkswirtschaften und der hohen Konzentration der Ölvorkommen in der Krisenregion Naher Osten resultiert die Notwendigkeit, die Ölversorgung dort militärisch abzusichern. Daran ließe sich grundlegend nur etwas ändern, wenn es gelänge, die Konflikte in der Region zu entschärfen oder aber, indem wir uns vom Öl unabhängig machen. Das ist allerdings nur langfristig möglich.

VDI nachrichten: Können hohe Ölpreise die Weltwirtschaft auch heute noch in eine tiefe Krise stürzen?

Matthies: Bei vorübergehenden starken Preissprüngen würde sich die Kostenbelastung in Grenzen halten. Anders wäre es bei einer dauerhaften Erhöhung, die Wachstumseinbußen zur Folge hätte. Allerdings werden die Volkswirtschaften heute deutlich besser mit höheren Ölpreisen fertig.

VDI nachrichten: Sollte es zu einer ausgeprägten Ölkrise kommen – welche direkten Gefahren sehen Sie für die deutsche Volkswirtschaft?

Matthies: Jeder Dollar mehr für ein Barrel Öl stellt eine Belastung für den Verbraucher dar. Die höheren Kosten müssen an anderer Stelle eingespart werden. Dieser Anpassungsprozess kann schmerzlich sein.

VDI nachrichten: Welche Branchen werden hierzulande am meisten leiden?

Matthies: Am stärksten getroffen werden die Sektoren mit dem höchsten Ölverbrauch, also der Transportsektor. Außerdem Branchen, die Mineralöl als Rohstoff und nicht als Brennstoff einsetzen wie die petrochemische Industrie.

VDI nachrichten: Und welche Branchen sind die Gewinner?

Matthies: Deutsche Firmen profitieren erfahrungsgemäß in besonderem Maße von der Nachfrage nach Industriewaren, die durch die steigenden Einnahmen der Ölförderländer generiert wird. Gewinner dürften insbesondere die exportorientierten Branchen Maschinenbau und Elektroindustrie sein. Hohe Preise für Öl und andere fossile Energieträger begünstigen darüber hinaus andere Brenn- und Treibstoffe. Bislang sind die meisten Alternativen ohne steuerliche Begünstigung nicht wettbewerbsfähig. Mit immer höheren Ölpreisen beginnt sich dies zu ändern. Das wird den langfristig unvermeidlichen Abschied vom Öl beschleunigen.

VDI nachrichten: Und was würde es bedeuten, wenn der Iran doch noch auf das russische Angebot einer Uran-Aufbereitung oder den Vorschlag des Westens eingehen sollte, Kontrollen durchführen zu lassen?

Matthies: Eine Einigung mit dem Iran wäre ein wichtiger Beitrag zur Entspannung der Lage in der Krisenregion Naher Osten und würde zur Preisberuhigung beitragen.

VDI nachrichten: Sehen Sie weitere Einflüsse, die eher für ein Sinken des Ölpreises sprechen?

Matthies: Durch die hohen Ölpreise wird nicht nur die Nachfrage nach Öl gedämpft, es werden auch die Anreize zur Ausweitung des Ölangebots größer. Die in Angriff genommenen Projekte zur Erhöhung der Ölförderkapazitäten brauchen allerdings Zeit. Mit der schrittweisen Erhöhung der globalen Ölförderung nimmt der Preisdruck ab.

VDI nachrichten: Kann denn die Ölförderung mit der offenbar wachsenden Nachfrage mittelfristig Schritt halten?

Matthies: Von den bekannten Ölreserven her gibt es mittelfristig noch keine Begrenzung. Nötig sind allerdings erhebliche Investitionen sowie die Bereitschaft der Förderländer im Nahen Osten, die über die meisten Ölreserven verfügen, diese Reserven auch rasch entsprechend dem zunehmenden Bedarf zu erschließen. Da könnte es Engpässe geben. Begrenzungen könnten sich auch aus umweltpolitischen Gründen ergeben, da aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe negative Klimawirkungen resultieren.

VDI nachrichten: Wie lange reichen die Ölreserven aus heutiger Sicht?

Matthies: Bei heutiger Fördermenge reichen die Reserven an „konventionellem“ Öl gut 40 Jahre. Die Fördermengen werden aber zunehmen müssen, um die steigende Nachfrage zu befriedigen. Rechnet man „unkonventionelles“ Öl hinzu, also Teersände und Ölschiefer, aus denen sich mit hohem Energieaufwand Mineralölprodukte gewinnen lassen, erhöhen sich die weltweiten Reserven deutlich.

VDI nachrichten: Mit welchem Ölpreis rechnen Sie zum Jahresende?

Matthies: Bis zum Jahresende könnte der Preis für Brentöl auf 65 $ je Barrel zurückgehen. Dazu müsste sich allerdings die Lage im Nahen Osten entspannen, und es darf kein Hurrikan die Ölförderanlagen im Golf von Mexiko heimsuchen. DIETER HEUMANN

Von Dieter Heumann
Von Dieter Heumann

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