Kernenergie 13.04.2001, 17:29 Uhr

“Das Moratorium bedeutet keine Aufgabe von Gorleben als Endlager”

Die Nukleartransporte haben die Diskussion über den Nutzen der Kernenergie neu entfacht. Prof. Dr.-Ing. Klaus Knizia, langjähriger Vorstandsvorsitzender der VEW und Befürworter der Kernenergie, erinnert sich in seinem folgenden Text an die wechselhafte Geschichte einer Entwicklung, die zu Zeiten der Ölkrise 1975 positiver gesehen wurde. Aber bereits 1979 galt ein Entsorgungszentrum Gorleben als politisch nicht durchsetzbar.

Um die bevorstehenden Nukleartransporte im Zusammenhang mit der Vereinbarung der Bundesregierung mit den EVU vom 14. Juni 2000 über die künftige Nutzung der Kernenergie zu bewerten, ist die bisherige Entwicklung der Kernenergie in Deutschland mit Blick auf die Auswirkungen für die Zukunft nützlich. Dabei wird deutlich, dass die kapitalaufwendige und langwierige Entwicklung einer komplexen Technik mit der Unstetigkeit politischer Opportunität in starke Konflikte geraten kann.
Anstoß für die europäische Kernenergienutzung war die in den Verträgen von Rom 1957 zugleich mit der Schaffung der EWG und der EGKS gegründete Europäische Atomgemeinschaft (Euratom). Sie sollte u.a. die Forschung auf dem Gebiet der Kernenergienutzung fördern, die Versorgung mit Kernbrennstoffen gewährleisten und die Sicherheit der Anlagen bewirken. Ihr war in der BRD 1956 das 1. Programm zur Förderung der Kernenergie vorausgegangen.
Folgerichtig wurden, nachdem 1961 das Versuchsatomkraftwerk Kahl ans Netz gegangen war, in den 60er Jahren einige sogenannte Demonstrationskraftwerke mit je einer Leistung um 300 Megawatt in Betrieb genommen. Dazu gehörten die KKW Gundremmingen, Niedereichbach und Lingen. Wurden zunächst große Hoffnungen an diese neue Energiegewinnung geknüpft, so hat sich das Verhältnis von Zustimmung und Ablehnung danach verändert, mit hohem Stellenwert in der Öffentlichkeit und in der Politik. Die Kernenergiekontroverse entstand vor dem Hintergrund des damals beginnenden Vormarsches des Erdgases. Öl und Erdgas waren ausreichend und preisgünstig verfügbar.
Die Beteiligung der Bevölkerung im Genehmigungsverfahren für Kernkraftwerke ließ in der Folge die Zahl der Einsprüche empor schnellen. Gab es Ende der 60er Jahre bei den KKW Stade, Brunsbüttel, Biblis A und B noch etwa fünf Einsprüche je Anlage, waren es Ende der 70er Jahre bei den KKW Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2 je über 10000 und bei dem dann nicht gebauten KKW Wyhl über 50000. Besonders umstritten erwies sich zeitweise auch die vorgesehene Errichtung von Kompaktlagern für abgebrannte Brennelemente am Standort der Kraftwerke, die heute im Gegensatz dazu wieder als Ultima ratio zur Vermeidung von Transporten aktivierten Materials angesehen und befürwortet wird.
1973 änderte sich die Meinung im politischen Raum durch die aus der ersten Ölpreiskrise befürchteten Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit beträchtlich. Öl und Erdgaspreise schossen in die Höhe. In kurzer Zeitfolge verabschiedete die SPD geführte Bundesregierung unter Kanzler Schmidt Energieprogramme mit mehreren Fortschreibungen, deren letzte für das Jahr 1990 noch eine KKWKapazität von 30.000 MW vorsah, also mehr als die heute betriebenen 22.700 MW. 1975 wurde zudem von dieser SPDgeführten Bundesregierung das deutschbrasilianische Atomabkommen geschlossen, das nicht nur die Lieferung von Reaktoren und Kernbrennstoffen in ein dem Atomwaffensperrvertrag nicht beigetretenes Land vereinbarte, sondern auch die Mitwirkung beim Bau einer Urananreicherungsanlage und einer Wiederaufarbeitung
Die Zuspitzung der Kemenergiekontroverse in den 70ger Jahren führte zu bürgerkriegsähnlichen Massendemonstrationen, von denen die in Brokdorf besonders herausragten. Während sich die Unionsparteien im Oktober 1977 einmütig für die Kernenergie aussprachen, kam auch die SPD auf ihrem Parteitag in Hamburg noch zu einer zustimmenden Formel, nämlich bei Vorrang der Kohle die Kernenergie zuzulassen. Ein vom Vorstand der SPD beschlossenes Moratorium war aufgegeben worden unter dem Eindruck des Betriebsrätekongresses in Dortmund mit einer Großdemonstration im Stadion von Borussia Dortmund für den Einsatz der Kernenergie. Das Ruhrgebiet mit seiner energieintensiven Industrie war schließlich von einem Moratorium in seiner Existenz stark bedroht. Helfen sollte hier u.a. auch eine deutsche Neuentwicklung der Hochtemperaturreaktor.
In der Novellierung des Atomgesetzes im Jahr 1976 wurde die Entsorgung von Kernkraftwerken rechtlich zu einer Vorraussetzung für den Bau neuer und den Betrieb vorhandener Kernkraftwerke. 1977 entschied sich die niedersächsische Landesregierung für Gorleben als Standort des Entsorgungszentrums. Neben der von der Reaktorsicherheitskommission (RSK) attestierten Unbedenklichkeit für die Errichtung der Wiederaufbereitungsanlage verlangte das Verwaltungsgericht Lüneburg auch den Nachweis der Eignung des Salzstocks für die Endlagerung. Wiederum gab es heftige Auseinandersetzungen (Freie Republik Wendland”)
Die Niedersächsische Landesregierung ließ vom 28.3. bis 3.4 1979 ein Symposion zur grundsätzlichen sicherheitstechnischen Realisierbarkeit eines integrierten Entsorgungszentrums abhalten. Geleitet wurde das Symposium, von C.F.von Weizsäcker. In jenen Tagen ereignete sich das Unglück in Harrisburg, bei dem zwar niemand zu Schaden kam, gleichwohl war die psychologische Wirkung in Deutschland besonders groß. Ministerpräsident Albrecht (CDU) erklärte wenig später, das Hearing habe ergeben, daß das Entsorgungszentrum sicherheitstechnisch machbar sei, es sei aber politisch nicht durchsetzbar. Noch im gleichen Jahr kam es zwischen der Bundesregierung und den Ministerpräsidenten aller Länder zu einer Einigung über ein Festhalten an der Entsorgung ohne Fixierung auf Gorleben. Der inner und zwischenpolitische Streit schien bereinigt. Die nächste Ölkrise stand ins Haus und in ihrem Gefolge erneut stark steigende Öl und Erdgaspreise und wachsende Arbeitslosigkeit.
Mit Beginn des Jahres 1980 wurde durch die Wahlerfolge der Grünen eine neue Akzeptanzkrise eingeleitet. Während die SPD in ihrer Zustimmung zur Kernenergie zu schwanken begann, obzwar 1982 auf dem Parteitag ein Moratorium noch mit 60 zu 40 Stimmen erneut abgelehnt worden war, blieb die CDU auch bundesweit bei ihrer Zustimmung.1979 hatte der Bundestag die EnqueteKommission „Zukünftige KernenergiePolitik” installiert. Entgegen der erwarteten Ablehnung kam sie zu dem Konsens „Sparen plus Kernenergie”. 1980 fand in München die zweite Weltenergiekonferenz nach der im Jahre 1924 in Deutschland statt. Die Bedeutung der Kernenergie wurde von allen Teilnehmern ausdrücklich betont.
Dann ereignete sich in der Nacht vom 25.zum 26.April 1986 die Katastrophe von Tschernobyl. Der politische „Fall out” von Tschernobyl war in Deutschland unvergleichlich höher als der radioaktive, der nach Angaben der Bundesärztekammer bei uns nirgends zu einer Gefährdung der Bevölkerung geführt hat. Erstaunlicherweise fanden auch keine Demonstrationen vor der sowjetischen Botschaft in Bonn statt. Auf dem Nürnberger Parteitag der SPD am 27.August 1986 wurde der Entschluss zum Ausstieg aus der Kernenergie gefasst. In einem Sofortprogramm sah der SPDVorstand vor, innerhalb von zwei Jahren die ersten und in 10 Jahren die letzten KKW abzuschalten.
Insgesamt wurde die Kernenergie mehr und mehr ein Wahlkampfthema. Dabei wirkte sich erschwerend aus, dass in Deutschland aufgrund des Atomgesetzes die Zuständigkeit für Fragen der Kernenergie bei der Bundesregierung liegt, die Durchführung der Maßnahmen aber im Auftrag des Bundes von den Ländern wahrgenommen wird und irgendwann und irgendwo immer Wahlen anstanden. So wurde schließlich auch die als Ersatz für Gorleben geplante Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf aufgegeben. Stattdessen wurden Wiederaufarbeitungsverträge mit Frankreich (Cogema) und England (BNFL) geschlossen. Die Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe, die als Demonstrationsanlage 20 Jahre Kernbrennstoff erfolgreich wiederaufgearbeitet hatte, wurde geschlossen.
Der JomKippur-Krieg, die KubaKrise mit der Bedrohung der Öllieferungen aus Südamerika für die USA , die sich lang hinziehende Golfkrise und schließlich der Kuweit-Kkrieg, alle standen über die Weltenergieversorgung in einem schwerwiegenden Zusammenhang mit dem Weltfrieden. Frankreich zum Beispiel hatte bereits aus der ersten Ölkrise die Konsequenz gezogen, seine Stromerzeugung überwiegend auf die Kernenergie zu gründen.
In einem am 11. Dezember 1991 von der Bundesregierung vorgelegten Gesamtkonzept für das vereinigte Deutschland, dem „Energiebericht”, wurde der Kernenergie weiterhin ein bedeutender Beitrag zur Stromerzeugung beigemessen, insbesondere zur Reduktion des für das Klima als schädlich angesehenen Kohlendioxids. Seit 1993, also noch unter der vorigen Regierung, wurden Ansätze gemacht einen Energiekonsens zu finden. Sie wurden unter der neuen Regierung verstärkt fortgesetzt, drohten verschiedentlich zu scheitern und führten schließlich am 14. Juni des vergangenen Jahres zu einer Vereinbarung.
Sie sieht vor, dass alle deutschen Kernkraftwerke insgesamt noch eine elektrische Arbeit von 2623,3 Milliarden Kilowattstunden verrichten können. Das ist etwa fünfmal die deutsche Jahresstromproduktion aus allen Energien zusammen oder die heute jährliche weltweite Stromerzeugung aus Kernenergie. Auf Steinkohlestrom bezogen entspricht das etwa einem Brennstoffeinsatz von 800 Mio tSKE (Steinkohleeinheiten) und einer Einsparung von 2,2 Milliarden Tonnen an Kohlendioxid. Je Anlage ergibt sich eine Gesamtlaufzeit von 32 Jahren bei hoher Ausnutzung.
Die Reststrommengen werden für die einzelnen KKW festgelegt, sie können von einem auf andere KKW übertragen werden. Für die vereinbarten Laufzeiten verpflichtet sich die Bundesregierung den ungestörten Betrieb und die Entsorgung der Kernkraftwerke zu gewährleisten. Die Brennelementtransporte werden wieder aufgenommen. Sie werden zur Abarbeitung der Verträge zur Wiederaufarbeitung mit England und Frankreich innerhalb der nächsten 5 Jahre durchgeführt. In der Zwischenzeit sind standortnahe Zwischenlager an den KKW zu errichten. Ab 2005 tritt die direkte Endlagerung an die Stelle der Wiederaufarbeitung. In der Anlage 44 der Vereinbarung bestätigt die Bundesregierung, dass die Erkundung des Salzstockes Gorleben positive Ergebnisse erbracht hat, es heißt dort: „Die analytisch bestimmten Hebungsraten des Salzstockes lassen erwarten, daß im Hinblick auf mögliche Hebungen auch in sehr langen Zeithorizonten (größenordnungsmäßig 1 Mio Jahre) nicht mit hierdurch verursachten Gefährdungen zu rechnen ist.” und weiter zu der Begrenzung der Untersuchungen: „Das Moratorium bedeutet keine Aufgabe von Gorleben als Standort für ein Endlager.”
Die EVU haben der Vereinbarung zugestimmt, ungeachtet ihrer Überzeugung, dass die Kernenergie ökonomisch wie ökologisch geboten ist. Sie wollen jedoch so dem 11 ausstiegsorientierten Gesetzesvollzug” entgehen, wie er in einigen Bundesländern jahrelang praktiziert worden ist. Sie taten das nicht zuletzt aus Wettbewerbsgründen gegen ausländischen Kernenergiestrom.
Die Parteivorsitzende der CDU, eine promovierte Physikerin, Angela Merkel, hat nach Abschluss der Vereinbarung erklärt, sie würde sie außer Kraft setzen, übernähme die CDU wieder die Regierung. Damit entsprach sie der kurz vorher von 700 Wissenschaftlern dem Kanzler vorgetragenen Aufforderung, die friedliche Nutzung der Kernenergie nicht aufzugeben.
Deutschland produziert heute nur etwa 7% des insgesamt auf der Weit erzeugten Kernenergiestroms. International gesehen bedeutet der bei uns angestrebte, aber wohl kaum erreichte, „unumkehrbare” Ausstieg für die Kernenergie weltweit also nicht viel. Unsere Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit aber auch technische Kompetenz werden allerdings sinken. So gibt es heute nach der Anbindung der Kerntechnik von Siemens an die Franzosen keinen KKW Hersteller mehr in Deutschland. Dem Vernehmen nach sollen die einst von Deutschland im Iran begonnenen KKW von Russland fertiggestellt werden. Die Plutoniumfabrik in Hessen sollte sogar an Russland verkauft werden. Sie verwirklicht eine Technik, mit der nicht nur das in KKW entstehende Plutonium, sondern auch das bereits vorhandene gefährlichere Waffenplutonium zu Kernbrennstoff umgearbeitet und damit unschädlich gemacht werden kann.
Die Wiederaufarbeitung wird ohnehin schon in England und Frankreich durchgeführt. Der schnelle Brüter in Kalkar und der Hochtemperaturreaktor in Schmehausen sind bereits seit Jahren verschrottet. Ihre Techniken werden in Frankreich bzw Japan weiterverfolgt. Und an der möglicherweise in der Zukunft bedeutsamen Technik der Transmutation, bei der die Aktiniden und Isotope des abgebrannten Kernbrennstoffs in kurzlebige Spaltprodukte umgewandelt und um den Faktor 100 vermindert werden können, werden wir vermutlich auch nicht partizipieren, denn sie ist vom Verfahren her an den weiteren Gewinn kerntechnischer Erfahrung gebunden.
Etwa ein Drittel des in Deutschland abgesetzten Stroms werden heute aus Kernenergie erzeugt. Was soll unter versorgungstechnischen, ökonomischen und ökologischen Gesichtspunkten an ihre Stelle treten? KLAUS KNIZIA

Klaus Knizia ist u. a .durch eine Vielzahl von Veröffentlichungen bekannt geworden, z. B. zu fortschrittlichem Verfahren der Kohleverstromung und der Kernernergie , u. a. über Hochtemperaturreaktoren, insbesondere den THTR-300. Knizia, Jahrgang 1927, promovierte im Maschinenbau, war Vorstandsvorsitzender der Vereinigten Elektrizitätswerke Westfalen (VEW), der VGB Technische Vereinigung der Großkraftwerksbetreiber und Mitglied des Präsidiums des VDI. Er ist Dr.-Ing. e h. der TU Karlsruhe, Honorarprofessor an der Uni Dortmund. Knizia war auch Mitglied der Enquete Kommission „Zukünftige Kernenergiepolitik“ der Bundesregierung und hat als erster Redner der Befürworter der Kernenergie beim „Gorleben Hearing“ mitgewirkt. rus

Ein Beitrag von:

  • Rudolf Schulze

    Chefredakteur VDI nachrichten. Fachthemen: Elektronik, Politik, IT.

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