Wasserkraft 31.08.2001, 17:30 Uhr

Das Dornröschenprojekt

Seit der Liberalisierung des Strommarktes rechnet es sich angesichts niedriger Strompreise nicht mehr. Wird es jedoch nicht realisiert, hätte das gefährliche ökologische Folgen für die Region.

Das Projekt hat Symbolcharakter: Erstmals seit dem Beschluss des Atomausstiegs und der Festlegung von Klimaschutzzielen ist in Deutschland der Neubau eines großen Wasserkraftwerkes geplant. Der Standort heißt Rheinfelden und gilt gemeinhin als die „Wiege der Wasserkraft“. Dort ging 1898 das erste große Wasserkraftwerk Deutschlands in Betrieb. 20 Turbinen mit einer Leistung von 26 MW kurbeln seither rund 185 Mio. kWh Strom pro Jahr aus dem Rheinwasser. Das ist nicht besonders effektiv aus heutiger Sicht, doch für die damalige Zeit war es eine technische Meisterleistung.

Mittlerweile ist das Kraftwerk mit dem zugehörigen Stauwehr alt und marode geworden. Als die deutschen und Schweizer Behörden 1989 der Betreibergesellschaft Kraftübertragungswerke Rheinfelden (KWR) eine neue Konzession für die Wasserkraftnutzung erteilten, machten sie daher den Neubau einer weitaus leistungsstärkeren Anlage am alten Standort zur Auflage.

Künftig sollen dort vier Turbinen mit zusammen 116 MW Leistung rund 600 Mio. kWh Strom pro Jahr aus der Kraft des angestauten Flusswassers gewinnen. Das reicht für knapp 200 000 private Haushalte. Im Vergleich zu einem Kohlekraftwerk vergleichbarer Leistung würden rund 600 000 t C02 pro Jahr eingespart. „Das Kraftwerk Neu-Rheinfelden würde gleich viel Ökostrom liefern wie 1000 Windräder im Schwarzwald“, sagt Kai-Hendrik Schlusche, Vorstand des Ökostrom-Anbieters Naturenergie AG, die den Strom des Kraftwerkes vermarkten will.

Soweit die Theorie. In der Praxis dürften noch Jahre vergehen, bis die erste Kraftwerksturbine ihren steten Lauf beginnt, wenn es überhaupt soweit kommt. Denn die Betreibergesellschaft, die KWR, steckt mittlerweile in der Klemme: Seit der Liberalisierung des Strommarktes Ende April 1998 sind die Strompreise deutlich gefallen. Jetzt rechnet sich die neue Anlage nicht mehr.

Durch den Wettbewerb sind die Stromproduzenten gezwungen, ihre Preise scharf zu kalkulieren. Und wenn in Deutschland Strom von einem wirtschaftlich abgeschriebenen Kraftwerk für 4 bis 6 Pf./kWh produziert werden kann, dann sind 18 Pf./kWh, die der Strom aus Rheinfelden in den ersten 30 Jahren im Durchschnitt kosten würde, einfach zu viel. Allein die Zinszahlungen für das 870 Mio. DM teure Projekt würden in diesem Zeitraum jede kWh um 6 Pf. verteuern.

Helfen könnten da zinslose oder zinsgünstige Kredite des Staates. Doch solch eine Förderung, wie sie Wind- und Solarkraftwerke durch das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) genießen, ist bislang nur für Wasserkraftanlagen mit weniger als 5 MW Leistung vorgesehen.

Ganz hoffnungslos sieht KWR-Projektleiter Horst Peter Kesselring die Lage allerdings nicht. Denn in jüngster Zeit mehren sich die Anzeichen, dass das „Dornröschenkraftwerk“, wie das Projekt KWR-intern genannt wird, doch noch wachgeküsst werden könnte. Hintergrund sind die wachsenden Bestrebungen im Klimaschutz.

Zum einen erklärten der badenwürttembergische Umwelt- und Verkehrsminister Ulrich Müller und Wirtschaftsminister Walter Döring im Mai gemeinsam, dass der weitere Ausbau der Wasserkraft unverzichtbar sei, um das Ziel der Landesregierung zu erreichen, den Anteil erneuerbarer Energie am Strommix bis zum Jahr 2010 von heute 6 % auf 12 % zu verdoppeln. Über die gezielte Förderung für große Wasserkraftwerke müsse nachgedacht werden.

Zum anderen stimmte das Europaparlament Anfang Juli dafür, in der neuen europäischen Richtlinie zur Förderung erneuerbarer Energien die bislang geltende Fördergrenze für Wasserkraftwerke bis 10 MW aufzugeben und gar keine Deckelung mehr vorzusehen.

Ob und wie sich diese Änderung auf die deutsche Politik auswirken wird, ist noch nicht abzusehen. Käme es dennoch zum Aus für Rheinfelden, wäre es für den Klimaschutz ein Rückschlag. Auch die lokale Umwelt könnte dies negativ zu spüren bekommen,

Ohne den Neubau würde die KWR die Konzession für die Nutzung des Rheins an dieser Stelle im Jahr 2004 verlieren. Theoretisch müsste sie also den Rheinabschnitt an den Staat „zurückgeben“ in einem Zustand wie vor der Wasserkraftnutzung. „Man kann aber gar nicht naturnah zurückbauen“, sagt Projektleiter Kesselring. Die gesamte Region ist durch den hundertjährigen Aufstau des Rheins derart geprägt, dass eine Rückkehr zum Ur-Zustand verheerende Auswirkungen haben würde.

Ohne das Stauwehr würde der Grundwasserspiegel um 3 m absinken. Im Boden entstünden dadurch ganz andere Grundwasserströme. Felder würden trocken fallen, auf der Schweizer Seite des Rheins hätten die Trinkwasserbrunnen ein Drittel weniger Wasser, sagt Kesselring.

Als besonders brisant gelten zudem die möglichen Folgen für das Industriegebiet von Rheinfelden, das direkt an den Rhein grenzt. Der entwässerte Untergrund könnte sich setzen, was angesichts empfindlicher Chemieanlagen katastrophale Wirkung haben könnte. Obendrein gilt das Areal als Altlastenzone. Geänderte Grundwasserströme könnten Giftstoffe aus den Böden unter alten Industrieanlagen auswaschen.

Auch den Behörden bereiten die möglichen Folgen eines Abrisses Sorgen. Beim Regierungspräsidium im badischen Freiburg gehen die Experten davon aus, dass allein der Erhalt des Stauspiegels die Probleme zuverlässig verhindern würde. Das ginge nur mit einem Stauwehr, ob mit oder ohne Turbinen. Ansonsten wären umfangreiche Sicherungsmaßnahmen erforderlich.

„Die Folgekosten, die nach einer Absenkung des Wasserspiegels anfallen würden, können wir gar nicht beziffern“, sagt Uwe Gläser, beim Regierungspräsidium zuständig für die Bewilligung der Wasserkraftanlagen am Hochrhein. Er gibt sich überzeugt: „Wir glauben daran, dass das neue Kraftwerk kommt.“ Und er nennt ebenso wie die Betreibergesellschaft KWR das Jahr 2003 als erwarteten Startpunkt der ersten Bauphase. LUCIAN HAAS

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Wasser ist in Deutschland noch weit vor Wind und Biomasse die wichtigste regenerative Energiequelle. 4 % des Stromes hier zu Lande stammt aus Wasserkraftwerken. Sie produzieren rund 17,3 Mrd. kWh im Jahr und ersparen dabei der Umwelt im Vergleich zur Produktion in Kohlekraftwerken über 17 Mio. t C02. Damit spielt die Wasserkraft eine große Rolle für den Klimaschutz.

Das gilt besonders für große Wasserkraftwerke mit mehr als 10 MW Leistung. Von den rund 5700 Wasserkraftanlagen in Deutschland sind das zwar nur 90 Anlagen, doch ihr Anteil an der Stromproduktion und C02-Ersparnis liegt immerhin bei 64 %. Die über 5300 kleinen Wasserkraftanlagen mit weniger als 1 MW Leistung erreichen hingegen nur 10 %.

Dennoch werden bislang nur kleine Wasserkraftwerke mit weniger als 5 MW Leistung über das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) gefördert. Bliebe es dabei, könnte es in ein paar Jahren zu einem kräftigen Rückschlag für die deutschen Klimaschutzbemühungen kommen. Denn wie im Fall von Rheinfelden laufen nach und nach auch bei allen anderen großen Wasserkraftwerken die Konzessionen aus. fuh

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