Britische Energiewende 19.11.2015, 12:16 Uhr

Briten wollen raus aus der Kohle – und zurück zur Kernkraft

Die britische Regierung hat angekündigt, innerhalb von zehn Jahren alle Kohlekraftwerke abzuschalten. Kurz vor dem Klimagipfel von Paris klingt das nach einem ehrgeizigen Umweltplan – doch statt auf erneuerbare Energien setzt London auf Erdgas und Atomkraft.

Demonstration gegen die Erweiterung der Atomanlage Hinkley Point in Großbritannien: Innerhalb von zehn Jahren will das Land alle Kohlekraftwerke einmotten und stattdessen Atom- und Gaskraftwerke ausbauen.

Demonstration gegen die Erweiterung der Atomanlage Hinkley Point in Großbritannien: Innerhalb von zehn Jahren will das Land alle Kohlekraftwerke einmotten und stattdessen Atom- und Gaskraftwerke ausbauen.

Foto: Ben Birchall/dpa

Geradezu angewidert wirkte die britische Energieministerin Amber Rudd bei ihrer Grundsatzrede zur Energiepolitik. Angewidert von der „schmutzigen, perversen“ Kohle, die bis dato noch knapp ein Drittel des Stroms für die britische Haushalte und Unternehmen liefert. Mit der Kohleverstromung in den derzeit rund ein Dutzend Kraftwerken soll innerhalb von zehn Jahren Schluss sein, kündigte die konservative Ministerin an.

Für den Klimaschutz wäre das wegen des hohen Ausstoßes an Kohlendioxid in Kohlekraftwerken ein großer Gewinn. Britische Medien hatten zuvor schon tagelang über die Kernsätze dieser Ansprache spekuliert. Nun ist klar: Die Regierung will einen harten Schnitt. Klar war aber schon vorab, dass die Förderung der Erneuerbaren Energien massiv gekappt wird – dergleichen hatte Rudd vor wenigen Tagen angekündigt.

Dabei sind besonders die Offshore-Windstandort vor der britischen Küste ganz hervorragend. Dort entstehen derzeit nicht nur riesige Windparks. Auch mit Wellen- und Gezeitenkraftwerken experimentiert Großbritannien. Vor der schottischen Küste ist das größte Gezeitenkraftwerk der Welt in Bau, ein weiteres Kraftwerk entsteht im Bristol Channel.

Der Windpark Hywind vor der schottischen Nordseeküste soll 20.000 Haushalte versorgen. Die fünf Windkraftanlagen sind aber nicht im Boden verankert, sondern schwimmen im Meer. Fixiert werden sie über Stahlseile.

Der Windpark Hywind vor der schottischen Nordseeküste soll 20.000 Haushalte versorgen. Die fünf Windkraftanlagen sind aber nicht im Boden verankert, sondern schwimmen im Meer. Fixiert werden sie über Stahlseile.

Foto: Statoil

Und vor der Küste Schottlands entsteht die größte schwimmende Windkraftanlage der Welt. Fünf riesige Windräder will der norwegische Energiekonzern Statoil dort bauen. Doch Wind- und Wellenkraft spielen beim britischen Schwenk in der Energiepolitik offenbar keine zentrale Rolle. Vielmehr erleben Atom- und Gaskraftwerke einen Aufschwung.

Dutzende neuer Gaskraftwerke nötig

Derzeit ist der Anteil der Gaskraftwerke an der britischen Stromerzeugung mit knapp 30 % ähnlich hoch wie der der Kohle. Ein knappes Fünftel kommt aus Kernkraftwerken. Gas und Atomkraft, darauf baut die Strategie der Briten. Diese beiden Quellen sollen die Kohle praktisch komplett ersetzen.

Noch ist allerdings nicht klar, welche Ressource welchen Anteil daran haben soll. Experten schätzen, dass Dutzende neuer Gaskraftwerke nötig wären, um den Anteil auf rund 40 % zu schrauben. Deren CO2-Ausstoß ist zwar geringer als der der Kohlekraftwerke, aber klimaschädlich sind sie allemal.

Neuer Atommeiler 2025 am Netz

Die Atomkraft dagegen gilt in der britischen Regierung als durchweg umweltfreundlich. Deshalb setzt sie seit Jahren gegen alle internationalen Widerstände auf neue Kernkraftwerke, auch nach dem Unglück von Fukushima. Rund ein Dutzend neuer Meiler soll bis zum Jahr 2030 entstehen, im Jahr 2025 soll mit Hinkley Point C die erste neue Atomanlage seit Jahrzehnten ihren Betrieb aufnehmen.

Atomanlage Hinkley Point in Somerset in Großbritannien: Die EU hat ihr Okay dazu gegeben, dass die britische Regierung den Bau zwei weiterer Reaktoren mit 21,6 Milliarden Euro subventionieren darf. Das seien keine verbotenen Staatshilfen.

Atomanlage Hinkley Point in Somerset in Großbritannien: Die EU hat ihr Okay dazu gegeben, dass die britische Regierung den Bau zwei weiterer Reaktoren mit 21,6 Milliarden Euro subventionieren darf. Das seien keine verbotenen Staatshilfen.

Foto: dpa/Simon Chapman (LNP)

Das Problem ist allerdings ihre Wirtschaftlichkeit. Der französische Konzern EDF als Betreiber von Hinkley Point hat sich hohe Festpreise für die Abnahme des Atomstroms von der britischen Regierung garantieren lassen.

Das ist genau die Strategie, die die Amber Rudd bei ihren Labour-Vorgängern kritisiert. Die hätten „Preise für alle Technologien festgesetzt, ohne zu beachten, welchen Beitrag diese zur Energiesicherheit leisten“. Letztlich würden die Verbraucher den Preis dafür bezahlen, meint die Ministerin.

Riesiges neues Kohlekraftwerk in Norddeutschland

Die Bundesregierung setzt bekanntermaßen auf den Atomausstieg und den Ersatz in erster Linie durch Erneuerbare Energien. Kritik an der britischen Strategie wurde jetzt in Berlin aber erstmal nicht laut. Das könnte damit zusammenhängen, das Rudds Grundsatzrede nur Stunden vor der offiziellen Einweihung des norddeutschen Kohlekraftwerks Moorburg stattfand.

Das ist zwar nach Angaben des Betreibers Vattenfall eines der modernsten seiner Art überhaupt und könnte fast ganz Hamburg mit Strom versorgen, stößt aber nach Angaben von Umweltschützern jährlich bis zu 8,5 Millionen t Kohlendioxid aus. Das entspricht fast einem Prozent der gesamten Treibhausgas-Emissionen in Deutschland.

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