Windkraft 07.07.2006, 19:22 Uhr

Brasilien – fast so deutsch wie der Schwarzwald  

VDI nachrichten, Osório, Brasilien, 7. 7. 06, moc – In Brasilien entsteht zurzeit der größte Windpark Südamerikas. Bisher verkaufen ausschließlich deutsche Hersteller hier ihre Anlagen. Auch viele Planer kommen aus Deutschland. Sie alle sind trotz einer unklaren Gesetzeslage das Risiko eingegangen, in dem Land zu investieren – und es beginnt, sich für die ausnahmslos mittelständischen Unternehmen auszuzahlen.

Dieser verdammte Boden. Matschig und nass sind die Wiesen. Schwarzbunte Kühe weiden auf dem Grund unter großen Enercon-Windrädern und weiter im Osten brandet die See – aber nicht die Nordsee, auch wenn es hier aussieht wie hinter niedersächsischen Deichen, der Heimat des deutschen Windanlagen-Herstellers Enercon.

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„Der Untergrund ändert sich alle paar Meter“, sagt der Mann mit dem kurzem Vor- und den drei Nachnamen: João Baptista Junqueira Vierera. Sein klimatisierter Jeep schiebt sich über eine der vielen Schotterstraßen, die Baptista hat aufschütten lassen. Auf den einzelnen Baustellen an der Straße arbeiten Männer im Blaumann an Fundamenten: Der Aufwand ist groß, jedes einzelne Fundament muss neu berechnet werden, „keines wird am Ende gebaut wie das andere“, erklärt Baptista.

In der Nähe der Kleinstadt Osório, 900 km südlich von Sao Paulo, entsteht zurzeit der größte Windpark Südamerikas. Der spanische Elecnor-Konzern, dessen Generalbevollmächtigter Baptista ist, lässt hier 75 Anlagen des deutschen Marktführers Enercon zu einem Park mit 150 MW aufbauen. Genau 25 Anlagen sind seit Ende Mai fertig, die nächsten 25 sollen jeweils Ende September und Ende November folgen.

Gut 24 km neuer Pisten ziehen sich durch das Feuchtgebiet und verbinden die drei Bauabschnitte, in denen jeweils 25 Türme wie an einer Perlenschnur aufgereiht stehen.

Die Planungen laufen seit dem Jahr 2000. Ökologische Begleituntersuchungen wurden notwendig, von Studien zum Vogelzug bis hin zu Untersuchungen der Alligatorpopulationen. Die Windmessungen lassen Enercon 2900 Volllaststunden in 98 m Höhe erwarten. Die Gesamtinvestitionen belaufen sich auf 670 Mio. brasilianische Real oder 270 Mio. €.

Nur Enercon hat Produktionsanlagen in Brasilien und kann hier Windräder anbieten: Denn das brasilianische Programm zu erneuerbaren Energien „Proinfa“ bietet Einspeisegarantien und vergünstigte Kredite ausschließlich für Windparks, bei denen 60 % der Wertschöpfung im Inland erfolgen.

De Facto ist das eine Lex Enercon: Die Enercon-Tochter „Wobben Windpower“ wurde schon 1999 am Rande von Sao Paulo gegründet und ist bis heute die einzige Windfirma, die hier produziert: Der Marktanteil beträgt satte 100 %.

Die Windenergie-Pläne Brasiliens sind beeindruckend: Fast 10 000 MW sind projektiert – knapp halb so viel, wie heute in Deutschland stehen. Gute Windausbeute garantieren der karge Nordosten und der äußerste Süden Brasiliens.

Im Rahmen von Profina sind laut der brasilianischen Niederlassung des Deutschen Windenergie-Institutes (DEWI) gut 1400 MW Windkraft genehmigt. Aus dem Paket hat sich Wobben Windpower mehr als 800 MW gesichert. Die Firma ist in Brasilien eine Macht. Auch an dem Windpark Osório hat Enercon eine Beteiligung von 9 %.

Doch für Windplaner in Brasilien ist das Wobben-Monopol nicht nur eine reine Freude, auch wenn sie selbst meist aus Deutschland kommen. Denn der Mangel an Konkurrenz trägt nicht gerade zur Kosteneffizienz der Projekte bei, klagt das DEWI.

„Wir hätten gerne günstigere Turbinen“, sagt auch Klaus Dieter Lietzmann, der als Seniorchef der eab Technology GmbH in Freiberg, Sachsen, Windprojekte in Brasilien entwickelt. Lietzmann, 69 Jahre jung, hat sich im Süden Brasiliens niedergelassen, wo ein Fünftel der Bevölkerung deutsche Wurzeln hat. Auch deutsche Windplaner treffen hier aufeinander.

Vom Mannkorb des großen Baustellenkranes kann man die Linien erkennen, entlang derer die Enercon Windräder aufgestellt werden: 12 km werden zwischen dem ersten und dem letzten Turm liegen. LKW pendeln zwischen den Baustellen und dem Betonwerk, das am Rand der Baustelle errichtet wurde. Sieht man nach Osten, erkennt man undeutlich den Atlantik.

Viele Planer haben sich hier Grund und Boden für Windparks gesichert – Gleich im Osten des Enercon Parks hat die innoVent GmbH aus Varel bei Bremen den Zuschlag für ein Projekt erhalten: 70 MW sollen hier entstehen. Auch innoVent plant 2-MW-Anlagen.

Die deutsche Windgemeinde freut sich derweil auf den nächsten Einwanderer: Joachim Fuhrländer, der Chef der Windfirma Fuhrländer aus Waigandshain im Westerwald, hat sich angesagt und baut im Norden des Landes, in Pecem, eine Windfabrik und ein Ausbildungszentrum. „Die Fundamentierungsarbeiten sind angelaufen“, sagt Marketingleiter Walter Lutz. Brasilien so Lutz, suche dringend einen weiteren Hersteller, um die Nachfrage aus den Projekten bedienen zu können.

Fuhrländer will eine Produktionskapazität von monatlich 30 MW aufbauen, wobei die Kernkomponenten im ersten Jahr aus Deutschland, Rotorblätter und Türme aus Brasilien kommen sollen. Fuhrländer soll Verträge über mehr als 250 MW vereinbart haben und rechne bis 2008 mit dem Bau von 400 MW, heißt es.

Die Tage des Enercon-Monopols sind damit gezählt.

Doch in Osório könnte es für die Firma aus Aurich kaum besser laufen. „Die Arbeiten gehen so flott voran wie in Deutschland“, sagt Thorsten Schulz, der als Aufbauleiter von Magdeburg nach Brasilien gekommen ist. 600 Mann sind in der Hochphase mit dem Aufbau des Windparks beschäftigt, die brasilianischen Spezialisten für den Aufbau der Türme wurden für sechs Wochen bei Enercon in Emden geschult. „Sechs Tage brauchen wir für den Aufbau eines Turmes“, erklärt Schulz. Drei von 75 Türmen haben seine Leute schon gebaut.

Doch für heute ist erst mal Feierabend. Mit den Nachtmontagen, meint Schulz, lasse er seine Leute erst nach dem zehnten Turm beginnen: „Dann können die Männer das blind.“ MARCUS FRANKEN

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