Energie 15.02.2002, 17:32 Uhr

Branchenriesen unter Strom

Seit der Liberalisierung der leitungsgebundenen Energiemärkte vergeht fast kein Tag, an dem nicht über neue Unternehmen, Umstrukturierungen bei den alten Monopolisten oder Fusionen berichtet wird. Neu orientieren mussten sich nicht zuletzt die Beschäftigten – in kaum einer anderen Branche ist der dynamische Wandel des Berufsbildes der Ingenieure so deutlich zu erkennen.

Für Fachleute werden die Aufgaben in der Energiewirtschaft zunehmend komplexer und zwangsläufig interdisziplinär: „Die Ingenieure können sich nicht mehr auf rein technische Aspekte konzentrieren, sondern müssen ständig die Anforderungen des Marktes berücksichtigen. Die Energiewirtschaft ist ein hochmoderner, topaktueller Einsatzbereich mit spannenden Aufgaben“, konstatiert Stephan Ramesohl, Spezialist für Energiefragen vom Wuppertal Institut.

Zwar sank die Zahl der Beschäftigten in der Stromwirtschaft durch Rationalisierungen und Ausgliederungen von Unternehmensbereichen nach Angaben des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft (VDEW) zwischen 1991 und 1999 um gut 30 % auf rund 150 000, in dieser Zeit gab es aber auch eine Vielzahl von Neueinstellungen. Ähnliches gilt mit zeitlicher Verzögerung für die Gaswirtschaft. „Wir haben eine komplett neue Branche mit einem neuen Anforderungsprofil vor uns, die deswegen auch neue Leute braucht, gibt Stephan Ramesohl eine mögliche Erklärung für den Widerspruch zwischen Stellenabbau und Neueinstellungen.

Während Ingenieure früher alle wesentlichen Aufgabenfelder der Elektrizitätswirtschaft dominierten, haben sie künftig verstärkt mit der Konkurrenz der Kaufleute sowie der Marketingspezialisten zu rechnen. Gleichzeitig bestimmt aber immer noch der technische Wandel ihre berufliche Entwicklung in diesem Wirtschaftszweig. Ob Brennstoffzelle, Kraft-Wärme-Kopplung, erneuerbare Energien oder modifizierte konventionelle Technik: der Umweltschutz ist dabei immer eine mehr oder weniger dominante Aufgabenstellung. Unabhängig davon sind technische Kernprobleme im Kraftwerks- und Netzbereich zu lösen. Deutschland liegt in der Mitte des europäischen Strommarktes, deshalb muss das Leitungsnetz für den Transit großer Strommengen vorbereitet werden – erforderlich sind neue Überwachungs-, Steuerungs- und Rechenverfahren. Bei den Kraftwerken gilt es, die Bau- und Betriebskosten zu senken – modulare Bauweisen, bessere Wirkungsgrade durch höhere Dampfdrücke und Temperaturen sowie verbesserter Bedienservice sollen dazu beitragen.

„Bei Investitionsentscheidungen setzen sowohl Versorgungsunternehmen als auch industrielle Eigenerzeuger immer öfter auf dezentrale Kraftwerkseinheiten mit einer hocheffizienten Gas- und Dampf-Technik auf Erdgasbasis. Nicht zu unterschätzen ist auch die Brückenfunktion von Erdgas zur Entwicklung alternativer Energieerzeugung. Hier engagiert sich RWE durch die Förderung der Brennstoffzellen-Technologie“, erläutert RWE-Sprecherin Barbara Woydtke. Der Anteil der dezentralen Energieerzeugung (Kraft-Wärme-Kopplung, regenerative Energien, Brennstoffzellentechnologie) wird in Deutschland nach Schätzungen des Unternehmens von 15 % bis 2015 auf 30 % steigen. Perspektiven sieht RWE aber auch für die Steinkohle, insbesondere wenn ältere Kraftwerksblöcke mittelfristig durch neue Anlagen ersetzt werden, und ebenfalls für die einheimische Braunkohle als subventionsfreien, kostengünstigen Energieträger.

Aller Anfang ist schwer, auch bei der Liberalisierung der Energiemärkte. In den letzten vier Jahren wechselten nach Angaben des VDEW lediglich 3,7 % der Haushalte ihren Stromanbieter. Neben der noch nicht wirklich entschiedenen Frage der Netznutzungsrechte sind dafür beinahe skurrile Softwareprobleme bei der Kundenübergabe und Rechnungsstellung verantwortlich: auch eine interessante Herausforderung für Ingenieure. „Der eigentliche Knackpunkt ist, dass viele Netzbetreiber sich teilweise noch so verhalten, wie sie es zu Monopolzeiten gewohnt waren und damit letztendlich in den Köpfen die vorgesehene Aufspaltung der Bereiche Netzbetrieb, Erzeugung und Verkauf noch nicht stattgefunden hat“, erteilt Martin Steinestel von der Verbraucherzentrale Nordhein-Westfalen einen Rüffel.

Das neue Selbstverständnis der Branchenriesen als sogenannte Multi-Utility-Unternehmen mit den Kerngeschäftsfeldern Strom, Gas, Wasser und im Fall RWE auch Abfall und Recycling, zeichnete viele Stadtwerke eigentlich schon immer aus. Für alle Anbieter werden Beratung und Service für Industrie- und Privatkunden eine noch größere Bedeutung bekommen. Gefragt sind komplette Lösungen für die notwendige Energieversorgung, beispielsweise in Form von Contracting-Verträgen. Hier können Ingenieure mit ihrem technischen Verständnis eine wichtige Vermittlerrolle einnehmen.

Ein durch die Liberalisierung neu entstandenes Aufgabenfeld ist aber auch der Energiehandel. „Bei uns arbeiten bereits Ingenieure an dieser Schnittstelle zwischen Technik und Wirtschaft. Ihr wichtigstes Potenzial ist das analytische Verständnis, das sie aus dem Studium mitbringen. Eher uninteressant ist, ob jemand ingenieurwissenschaftliches Standardwissen runterbeten kann, darum geht es bei uns nicht“, berichtet Holger Schwenke, Leiter des Bereichs Energiehandel bei der Stadtwerke Hannover AG. Er sucht, wie die gesamte Branche, händeringend nach geeigneten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. „Für Ingenieure der Elektro- und Verfahrenstechnik sowie für Wirtschaftsingenieure sind die Berufsaussichten in der Energiewirtschaft auch perspektivisch wirklich glänzend, ihnen bieten sich hervorragende Aufstiegschancen“, so Schwenke.

MANFRED BURAZEROVIC

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