Energie 31.12.1999, 17:23 Uhr

Börsianer nehmen bald den Stromhandel auf

In Leipzig und Frankfurt/Main entstehen die ersten deutschen Börsen für Strom. Damit beginnt nächstes Jahr eine neue Ära der Liberalisierung im Energiemarkt. Der Börsenhandel bringt Verbrauchern und Erzeugern Vorteile bei Ein- und Verkauf. „Stromzocker“ werden spekulieren.

Im Markt für elektrische Energie wird morgen nichts mehr so sein, wie es heute ist, und schon heute ist nichts mehr wie es früher war.“ Dieses Statement eines Marktbeobachters mutet fast philosophisch an, die Entwicklung beim Strom ist in der Tat atemberaubend. Kein anderes Thema der Binnenwirtschaft hat Deutschland 1999 so stark beschäftigt wie der Strom.
Der Auftritt neuer dubioser Stromanbieter, die nach wenigen Tagen vom Markt verschwinden, die Possen um verweigerte Durchleitungen, der bis unter die Gürtellinie ausgetragene Streit der Wettbewerber – all das erinnerte bisweilen mehr an eine Satire als an seriösen Wettbewerb.
Der Startschuss zur nächsten Etappe, dem Börsenhandel mit Strom und Stromderivaten, ist bereits gefallen. Vor gut einem halben Jahr öffnete mit der Amsterdamer Power Exchange (APX) die erste Strombörse in Kontinentaleuropa ihre Pforten. Mit Ablauf des neuen Jahres wird es schon drei Börsenplätze in Mittel- und Westeuropa geben.
Als erste werden in Deutschland die Parkettpioniere in Leipzig antreten und gleichzeitig den ersten Börsenplatz in den neuen Bundesländern schaffen. Die Leipzig Power Exchange (LPX) will Ende Mai 2000 an den Markt gehen – genau ein Jahr nach der APX.
Die Frankfurter European Energy Exchange (EEX), die unter dem Dach der deutsch-schweizerischen Terminbörse Eurex betrieben wird, wird ihren Betrieb erst im zweiten Halbjahr 2000 aufnehmen.
Leipzig wird mit einem Spotmarkt beginnen, d. h. dem Handel mit physischen Strommengen. Dabei werden die Marktteilnehmer bis um 12.00 Uhr eines jeden Handelstages ihre Gebote für einzelne Stunden des nächsten Tages der Börse zuleiten (Day-Ahead-Markt). Das Mindestvolumen der Gebote wird 1 MWh betragen.

Stromaustausch über zwei Handelszonen

Die im Dezember unterzeichnete neue Verbändevereinbarung, die Deutschland in zwei Handelszonen einteilt, ist nach Ansicht beider Handelsplätze börsenfähig. Beim Übergang von der Nord- in die Südzone und umgekehrt fällt eine Netznutzungsgebühr von 0,25 Pfg. pro kWh an. „Diese Kosten werden auf alle Handelsteilnehmer umgelegt“, erklärt Dr. Thomas Pilgram, Sprecher der LPX. Das bedeutet, dass keine Nachteile für denjenigen entstehen, dem die Börse sein gewünschtes Stromvolumen aus der anderen Zone zuweist bzw. es dorthin vermittelt. Die durch den Grenzübertritt entstehenden Kosten wird die Börse gering halten, indem sie möglichst viele Geschäfte innerhalb einer Zone zusammenführen wird. Denn da der Handel anonym ist, regelt die Börse, wer von wem den gewünschten Strom erhält.
Für die Frankfurter EEX fällt dieses Problem zunächst nicht an. Sie wird mit einem Terminmarkt starten. Dort werden keine physischen Stromgeschäfte getätigt, sondern Kontrakte (Futures und Optionen) gehandelt, die die Lieferung bzw. Abnahme von bestimmten Mengen zu festgelegten Preisen und zu festen Terminen in der Zukunft verbindlich erklären. Mit diesen Derivaten können Anbieter wie Verbraucher Preisrisiken minimieren. Entsprechend den Handelszonen werde es einen Future für die Nordzone und einen für die Südzone geben, erklärte unlängst die Deutsche Börse. Leipzig will einen Terminmarkt sechs bis neun Monate nach Aufnahme des Spothandels einführen.
Die Trägergesellschaft der Leipziger LPX – sie übernimmt u. a. die Finanzierung der Börse – konstituiert sich aus dem Freistaat Sachsen, der Landesbank Sachsen, der Stadt Leipzig und der Nordpool. Die technische und praktische Erfahrung der Nordpool und ihr guter Ruf ist das große Plus für die LPX und sichert Vertrauen bei den Marktteilnehmern.
Durch den Mitte Dezember bekannt gegebenen Starttermin in Leipzig gerät die EEX für den Aufbau eines eigenen Spothandels unter Zugzwang. Anfang 2000 will sie einen Zeitplan präsentieren. Um nicht Gefahr zu laufen, dass der Spothandel in Leipzig auch die großen Stromkonzerne überzeugt, müsste sich die EEX beeilen, in Frankfurt zeitnah eine Alternative zu präsentieren.
Die kommenden Börsen sind nicht nur für Energieverbraucher und -erzeuger von großer Bedeutung, die dort ihren Verkauf und Einkauf über den Spothandel optimieren und Preisrisiken über den Terminmarkt minimieren können. An den Stromterminbörsen wird auch reine Spekulation betrieben, wodurch dem Markt mehr Liquidität zur Verfügung gestellt wird. „Stromzocker“ handeln am Futuremarkt und setzen auf fallende oder steigende Strompreise. So erhöhen sie die Handelbarkeit der einzelnen Kontrakte, ein Phänomen, das von allen Terminmärkten der Welt bekannt ist.
Die Marktteilnehmer warten auf das Startsignal. Viele Unternehmen bereiten sich intensiv auf den Börsenhandel vor. Dabei ist die Auswahl des Börsenplatzes nicht beliebig. Die Frankfurter EEX sieht sich als europäischer Standort für den Börsenhandel und zielt vor allem auf die großen Verbundunternehmen ab. Das Mindesthandelsvolumen wird deutlich höher ausfallen als in Leipzig. Die Leipziger LPX betrachtet sich als Stromhandelsplatz für alle. Durch das Mindesthandelsvolumen von 1 MWh wird sie vor allem von Stadtwerken, mittleren Händlern und mittelgroßen Verbrauchern angenommen werden, da diese nur dort ihre Geschäfte optimieren können und sie die in Frankfurt geforderten Mindestvolumina nicht erreichen.
Für die Spekulation ist Leipzig zunächst uninteressant, da die Börse nur am Terminmarkt und damit anfangs nur in Frankfurt agieren wird. Mit Spannung bleibt abzuwarten, ob die großen deutschen Versorger an der LPX handeln werden. Für sie dürfte der als erstes in Frankfurt zur Verfügung stehende Terminmarkt von größerem Interesse sein, da sie den kurzfristigen Handel mit Spotmengen schon seit Jahren untereinander abwickeln und eine Börse dabei möglicherweise nur geringe Preisvorteile böte. Allerdings – das könnte der Zeitvorteil von Leipzig sein – hat die Anonymität solcher Geschäfte, wie sie ja gerade an der Börse garantiert ist, im Zeitalter der Liberalisierung auch für die alten Verbundmonopolisten erheblich an Bedeutung gewonnen. OLIVER RISTAU
Bald Stromhandel an zwei deutschen Börsen. Die Frankfurter EEX zielt vor allem auf große Verbundunternehmen, während sich die Leipziger LPX mit Mindestgeboten von nur 1 MWh als Handelsplatz für alle ansieht.

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  • Oliver Ristau

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