Biomasse 26.03.2010, 20:45 Uhr

Bioenergie wird wieder realistisch betrachtet  

Biokraftstoffe könnten im Energiemix der Zukunft wieder eine größere Rolle spielen. Wenn sie umweltverträglich erzeugt werden, können die aus Pflanzen und Abfällen gewonnenen Kraftstoffe der zweiten Generation die Abhängigkeit vom Erdöl reduzieren und einen Beitrag gegen den Klimawandel leisten. Das Teller-Tank-Problem, die Konkurrenz von Energieträger zu Nahrungsmittel, gilt als lösbar. VDI nachrichten, Düsseldorf, 26. 3. 10, swe

Forscher und Ingenieure arbeiten daran, Biokraftstoffe an die neuen Motoren anzupassen. Klar ist, dass keine Antriebstechnologie alleine alle Anforderungen erfüllen wird, so Veith Steinle, Abteilungsleiter im Bundesministerium für Verkehr, Bauen und Stadtentwicklung: „Unser Ziel ist, dass der Verkehr zumindest in den Städten bis 2050 ohne fossile Energie läuft.“

Eine Studie der Internationalen Energie-Agentur (IEA) und der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) kommt zu dem Ergebnis, dass bis 2030 ein Viertel der Agrar- und Forstabfälle 10 % des gesamten Kraftstoffbedarfs decken könnte. Bis es so weit ist, könnten aber noch 15 bis 30 Jahre vergehen.

Die zunächst hochgelobten synthetischen Kraftstoffe der sogenannten zweiten Generation verharren weiterhin an der Schwelle zur Marktreife. Bei der Umwandlung von Biomass-to-Liquid (BtL) wird aus Stroh oder Holz durch hohe Temperaturen und unter Druck ein Synthesegas erzeugt, aus dem dann mit der Fischer-Tropsch-Synthese ein flüssiger Kraftstoff entsteht.

Im sächsischen Freiberg wird nun schon seit einiger Zeit die weltweit erste kommerzielle Anlage zur Herstellung angefahren, die sogenannte Beta-Anlage der Firma Choren. Das aufwendige Syntheseverfahren erforderte jedoch immer wieder Nachrüstungen an der Anlage.

Das Hochfahren der Synthesegaserzeugung dauert nach Aussage einer Choren-Sprecherin noch immer an. Ziel ist inzwischen auch nicht mehr, einen eigenen Kraftstoff auf den Markt zu bringen, sondern BtL fossilem Dieselkraftstoff beizumischen.

Von seiner Beteiligung an dem Unternehmen hat sich Shell inzwischen wieder getrennt. Nach Angaben von Peter Voser, dem Vorstandsvorsitzenden des europäischen Ölkonzerns, wird die Kraftstoffherstellung dort langfristig nicht rentabel umzusetzen sein. Weil sie relativ nah am Kerngeschäft sind, setzen die Ölkonzerne weiter auf Biokraftstoffe.

Diese müssen jedoch ab Mitte des Jahres ihre Nachhaltigkeit nachweisen, sonst ist ihre Anrechnung auf die verpflichtenden Quoten zur Beimischung und ihre steuerliche Förderung nicht möglich. Vorgeschrieben sind das Erzielen von Mindest-Treibhausgaseinsparungen, der nachhaltige Anbau der eingesetzten Biomasse und das Verbot der Verwendung von Flächen mit einem hohen Kohlenstoffgehalt wie Torfmoore, hoher Biodiversität oder hohem Naturschutzwert. Biokraftstoffe sollen laut Vorschrift Treibhausgasemissionen von mindestens 35 % im Vergleich zu fossilen Kraftstoffen einsparen, ab 2017 müssen es dann 50 % weniger sein.

Edgar Remmele, Leiter biogene Kraftstoffe im Technologie- und Förderzentrum Straubing, sieht eine Zukunft für die Kraftstoffe von heimischen Äckern: „Bei der Einsparung von Treibhausgas-Emissionen steht Rapsöl-Kraftstoff gleich hinter Ethanol aus Zuckerrohr.“ Wie viel CO2 die verschiedenen Biokraftstoffe einsparen, wird jedoch nicht in der Praxis ermittelt, sondern auf EU-Ebene anhand von für die verschiedenen Regionen und Rohstoffe festgesetzten Standardwerten berechnet.

Ein weiteres Ziel ist es, die Rapsölkraftstoffe für die neuen Motorengenerationen tauglich zu machen. Fahrzeug- und Motorenhersteller hatten in letzter Zeit ihre Freigaben zurückgezogen bzw. keine neuen mehr erteilt. Zu Unverträglichkeiten kommt es insbesondere mit den Partikelfiltern in den Abgassystemen von Dieselmotoren.

„Für Rapsöl-Kraftstoffe wird es keine spezielle Abgasnachbehandlung geben“, macht Edgar Remmele deutlich. Um den Anforderungen zu genügen, muss nun der Gehalt der schädigenden Elemente Phosphor, Kalzium und Magnesium im Öl gesenkt werden.

Umweltvorteile sprechen für die Verwendung von aufbereitetem Biogas im Verkehrssektor. Würde dem als Kraftstoff in Deutschland verwendeten Erdgas 20 % Biomethan beigemischt, könnten die CO2-Emissionen im Vergleich zu Benzin um 39 % gesenkt werden.

„Je höher der Anteil von Biogas wird, desto mehr CO2 kann eingespart werden“, sagt Stephan Kohler, Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur Dena. Käme reines aufbereitetes Biogas zum Einsatz, wären es sogar bis zu 97 %, würde das Biogas aus Gülle erzeugt. „Dem Motor ist es egal, ob das Methan aus der Gülle oder dem Bohrloch kommt“, betont Timm Kehler, Geschäftsführer der Initiative „erdgas mobil“.

Um die Klimaschutzziele zu erreichen, geht die Bundesregierung in ihrer Kraftstoffstrategie von einem Potenzial von Erdgas als Kraftstoff von mindestens 0,5 % bis 1 % noch in diesem Jahr und von 2 % bis 4 % im Jahr 2020 aus. Das entspricht rund 1,4 Mio. Fahrzeugen in 2020.

Hierzulande sind derzeit 85 000 von insgesamt 50 Mio. Fahrzeugen mit Erdgasantrieb unterwegs. Um das für 2020 angestrebte Ziel zu erreichen, müsste der Bestand an Fahrzeugen mit diesem alternativen Antrieb jährlich um 29 % wachsen. Wenn das Ziel von 4 % erreicht würde, könnten nach Berechnungen der Dena sämtliche Erdgasfahrzeuge mit reinem Biomethan betrieben werden. Und selbst wenn der Elektromobilität der Durchbruch gelingt, könnten die Biogasanlagen mit ihrer Stromproduktion einen Beitrag dazu leisten. THOMAS GAUL

Von Thomas Gaul
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