Wasserwirtschaft 14.11.2008, 19:38 Uhr

Beijing ringt mit Wasserkrise  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 14. 11. 08, swe – Nach jahrelanger Trockenheit drohte Beijing der Wassernotstand, Regenfälle haben die Lage vorerst entspannt. Langfristig soll Wasser aus dem Süden des Landes die Lage dauerhaft entspannen. Wassermassen aus dem Flusssystem des Jangtse sollen Beijing retten.

Alles andere als erfreut waren die Olympiaorganisatoren, als sie während der Spiele Veranstaltungen wegen starken Regens verschieben mussten. Doch die Wasserbehörde der Stadt Beijing atmete auf. Endlich fiel wieder einmal reichlich Regen.

Seit 1999 hatten die Niederschläge in der Hauptstadt der Volksrepublik China im Schnitt um ein Drittel unter dem langjährigen Mittelwert von 600 mm pro Jahr gelegen. Der 4,4 Mrd. m³ große Miyun-Stausee, Beijings einziger Trinkwasserspeicher, stand kurz davor auszutrocknen.

Doch die Regenfälle brachten nur eine Atempause. Mitte September wurde eine Maßnahme eingeleitet, die an sich schon für das Frühjahr vorgesehen war. Über einen 300 km langen Kanal sollen von Süden her, aus Stauseen in der Provinz Hebei, bis zum März 2009 insgesamt 300 Mio. m³ Wasser in den Großraum Beijing fließen.

Dieser Großraum bildet eine Verwaltungseinheit mit Provinzstatus er hat 20 Mio. Einwohner und umfasst die Stadt sowie 16 000 km² Umland. Der jährliche Wasserverbrauch liegt bei 4 Mrd. m³. Die Hälfte davon benötigt die Bewässerungslandwirtschaft, der Rest geht zu etwa gleichen Teilen in Industrie und Haushalte.

„Die Probleme sind das Ergebnis einer jahrzehntelangen Fehlentwicklung“, stellt die Sinologin Eva Sternfeld klar, die an der TU Berlin die Arbeitsstelle China leitet. Dass die Wasserversorgung bis jetzt überhaupt noch aufrechterhalten werden konnte, ist reichen Grundwasservorräten zu verdanken. Aus ihnen werden mittlerweile zwei Drittel des Verbrauchs gedeckt.

Der Preis für diesen anhaltenden Raubbau: Der Grundwasserspiegel sinkt jährlich um einige Meter, was zur Folge hat, dass sich auf über 2000 km² der Boden mehr als 10 cm gesenkt hat. Auch die Oberflächengewässer werden bis zur Neige ausgeschöpft. Die Flüsse führen nur noch ein Zehntel ihrer ursprünglichen Wassermenge. Zudem sind sie stark verschmutzt.

In der Stadt dagegen hat sich die Situation im Vorlauf zur Olympiade stark verbessert; 90 % des Abwassers werden jetzt gereinigt. Deutsche Firmen sind daran mit zwei Vorzeigeprojekten beteiligt. Mit der Ultrafiltrationstechnik lässt sich Abwasser keimfrei machen. So kann es als „Grauwasser“ wiederverwendet werden kann: zur Straßenreinigung und Toilettenspülung, aber auch als Kühlwasser, zum Autowaschen oder zur Bewässerung von Grünanlagen, wie es im Olympiapark geschieht. Von der Siemens AG ist dazu eine kommunale Kläranlage entsprechend ausgerüstet worden die Inge Watertechnologies AG aus Greifenberg am Ammersee (Oberbayern) hat eine ähnliche Anlage für den neuen Beijinger Flughafen geliefert.

Alle sonstigen Maßnahmen allerdings verblassen neben dem Projekt, das die chinesische Regierung 2002 auf den Weg gebracht hat: den gigantischen Wassertransfer vom Jangtse. Ab 2010 sollen vom Danjiang-Stausee am Oberlauf des Han, der bei Wuhan in den Jangtse mündet, jährlich 14 Mrd. m³ in den trockenen Norden fließen. Davon sind 1 Mrd. m3 bis 2 Mrd. m3 für Beijing bestimmt.

Das Wasser fließt mit natürlichem Gefälle über eine Strecke von 1200 km von 150 m Meereshöhe bis auf das 50-m-Niveau von Beijing. Der jetzt in Betrieb gegangene Kanal bildet das Endstück der Trasse. Eine weitere Überleitung ist am Unterlauf des Jangtse im Bau. Im Hinblick auf die neue Situation wurden von der Wassergewinnung bis zur Abwasserbehandlung alle Institutionen zur Beijing Water Authority (BWA) zusammengefasst. Die neue Superbehörde holte sich Unterstützung aus Deutschland.

Das Fraunhofer-Institut für Angewandte Systemtechnik (AST) und der Fachbereich Systemanalyse der TU Ilmenau haben ein computergestütztes Steuerungsprogramm entwickelt, damit sich das komplexe Netzwerk von Talsperren, Flüssen, Kanälen und Grundwasserwerken effizient regeln lässt. Projektleiter Thomas Rauschenbach hat den Eindruck gewonnen, dass bei den chinesischen Kollegen ein neues Denken eingezogen ist. „Man hat erkannt, dass Wasser kostbar ist.“ Den entsprechenden Preis zahlen die Verbraucher allerdings noch nicht.

Private Haushalte zahlen mit umgerechnet 43 Cent/m³ für Wasser und Abwasser nur etwa ein Zehntel des Betrags, der in der deutschen Hauptstadt zu entrichten ist. In Zukunft soll allerdings ab einem Sockel von täglich 100 l pro Kopf der Preis fünfmal so hoch sein. Angekündigt wurde die Erhöhung schon vor vier Jahren. Bislang ist die Regierung jedoch vor einem so drastischen Schritt zurückgeschreckt.

HANS DIETER SAUER

Von Hans Dieter Sauer
Von Hans Dieter Sauer

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