Energie 09.01.2009, 19:39 Uhr

Bauen an der dritten Energie-Revolution

Weltweit nimmt das Interesse an der Kernenergie wieder zu. Damit werden Kontrollprobleme heißer. Gesucht und geplant ist ein internationales Brennstoffmanagement, um einer Vermehrung von Uran- oder Plutoniumbomben den Weg zu verstellen.

Anne Lauvergeon, Chief Executive Officer des französischen Nuklearkonzerns Areva, spricht von der „dritten Energierevolution“. Gemeint sei der unaufhaltsame Aufstieg der erneuerbaren Energien plus der Kernkraft, präzisiert Michel-Hubert Jamard, Koautor eines Buches mit dem gleichen Titel: „La troi- sième révolution énergétique“. Diejenigen, die meinten, der Atomstrom sei tot, lägen meilenweit daneben.

Michel-Hubert Jamard ist enger Mitarbeiter von Anne Lauvergeon, der Chefin der französischen Gruppe Areva. Die ist neben Toshiba-Westinghouse, General Electric und der russischen Rosatom einer der Top-Akteure auf dem Gebiet des Planens und Baues von Kernkraftwerken.

Alle „schalten hoch“ dieser Tage und auch in den Entwicklungsbüros geht es noch emsiger zu als sonst. Eine Palette kundennäherer Stromproduzenten zieht am Horizont hoch. Vom Modell „4S“ (Super-Safe, Small and Simple) der Toshiba-Westinghouse, einer Mini-Anlage, deren 50-MW-Leistung eine mittlere Stadt in der Wüste einige Jahrzehnte versorgen kann, bis zum 1000-MW-Projekt SWR, an dem Areva, E.on und Siemens arbeiten.

Unter anderem sorgt die Klimadebatte für Rückenwind. „Auch in Deutschland beginnt sich der Wind zu drehen“, beobachtet Jamard, der die Kommunikation der französischen Gruppe leitet.

Die USA, China, Indien nennt er neben Europa als die wichtigsten Märkte, auf denen der neue für 1600 MW ausgelegte European Pressurized Reaktor (ERP) punkten soll. Der erste ist bei Olkiluoto in Finnland im Bau, allerdings geplagt von Zeitproblemen. 2012 soll nun die Stromproduktion beginnen. Zwei weitere werden in Taishan in der chinesischen Provinz Guangdong errichtet. Das dortige Joint Venture mit der CGNPC öffnet dem chinesischen Partner eine interessante Vermarktungstüre. Kommunikationschef Jamard: „Wir sind in jedem Fall mit 50 % dabei. Die Technologie allerdings bleibt bei uns.“

Der künftige US-Präsident setzt auf erneuerbare Energien

Nicht ganz klar ist aber, was nun die US-amerkanische Energiepolitik bringen wird. Der ehemalige Präsidentschaftskandidat John McCain war ein standfester Befürworter der Nutzung der Kernenergie, die seit Ende der Siebziger mit 104 Reaktoren auf der Stelle tritt. Seit 1978 hat die dortige Nuclear Regulatory Commission (NRC) keine Lizenz für den Bau einer neuen Anlage erteilt. Nun liegen bereits Anträge von 17 Gesellschaften für den Bau von 30 atomaren Reaktoren auf dem Tisch der NRC.

US-Präsident in spe Barack Obama rückt die erneuerbaren Energien und das Suchen neuer Optionen ins Zentrum seiner Energiepolitik. Er hat zwar das geplante Endlager Yucca in Nevada moniert, aber die Türe der Kernenergiedebatte bleibt offen. Nicht nur die Strategen der Areva setzen darauf, dass schließlich die Argumente zugunsten einer größeren amerikanischen Energieautonomie den Ausschlag geben.

Nicht ohne Grund startet Areva in Idaho das steinige Genehmigungsverfahren vor dem Bau einer Anreicherungsanlage. Die Leute dort sind sehr dafür, die heraufziehende Wirtschaftskrise färbt auf die Gemüter ab.

Wo geht somit die Reise der Kernkraftbranche hin, die heute weltweit 440 Reaktoren in 31 Ländern und 16 % der weltweiten Stromproduktion an den Markt bringt?

Nach der Nuclear Energy Agency der Pariser OECD könnten es in zwanzig Jahren gut 630 Anlagen in 55 Ländern und ein Anteil von 22 % an der weltweiten Stromproduktion sein. „Die erheblich schwankenden Uranpreise haben kaum einen Einfluss“, winkt Jamard ab. Das kann allerdings nicht von den verbundenen geopolitischen Risiken gesagt werden. Politische Hochspannung begleitet die Kernenergie seit ihrem Start in der friedlichen Nutzung in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts.

Bereits im französischen Wahlkampf hatte Präsident Nicolas Sarkozy für ein internationales Brennstoffmanagement plädiert, um einer ungebremsten Zunahme von Uran- oder Plutoniumbomben den Weg zu verstellen.

Auch Mohamed El Baradei, der Generaldirektor der Wiener International Atomic Energy Agency (IAEA), schlug das vor und die Moskauer Regierung ebenfalls. Mit Washington wurde darüber gesprochen und Teheran angeboten, russische Brennstoffdienste von A bis Z, von der Anreicherung über die Wiederaufarbeitung bis zur Endlagerung, abzunehmen. „Nein“ hieß die entschiedene Antwort Teherans. Der krisenschwere Moment rückt näher, an dem die Agenturen eine iranische nukleare Testexplosion vermelden. Jamard mit hochgezogenen Augenbrauen: „2009 wird interessant.“

Dem Iran werden Brennstoffdienste angeboten

Die Nuclear Threat Initiative (NTI) von Ex-Senator Sam Nunn, Warren Buffet und Ted Turner brachte einen Joker ins Spiel, der helfen könnte, „die Möbel zu retten“, wie das in französischen Landen genannt wird. 50 Mio. $ wurden der IAEA für den Aufbau einer internationalen Brennstoffbank angeboten, wenn es gelingt, auf der Seite ihrer Mitglieder weitere 10 Mio. $ zu mobilisieren. Seit dem 10. Dezember steht der Fuß beinahe auf der Ziellinie. Auf 50 Mio. $ aus der US-amerikanischen Budgetkasse, 10 Mio.  $ der Vereinigten Arabischen Emirate und 5 Mio. $ aus Oslo folgten 32 Mio. $ der EU-Mitglieder. Ganze 3 Mio. $ fehlen noch.

Laut Brancheninsidern könnte die Nuklear-Brennstoffbank für die IAEA schnell auf die Beine gestellt werden. Für die Argumentationsmanipulanten Teherans, die die eigene Anreicherung um jeden Preis schützen wollen, sind das rabenschwarze News. Vor allem, wenn es gelingt, eine vertrauenswürdige Bank „auf zwei Beinen zum Laufen“ zu bringen: ein russisches und ein europäisches Bein. Die Amerikaner stoppten in den Siebzigern die Wiederaufarbeitung und passen damit nicht gut in das Bild.

Jamard auf die Frage nach dem Interesse der Areva, da voll mitzuziehen: „Warum nicht und das übrigens nicht nur aus kommerziellen Gründen.“

JAN HOEHN

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  • Jan Höhn

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