Kernenergie 02.06.2000, 17:25 Uhr

Atomausstieg – was kommt danach?

Viele Experten glauben, der Atomausstieg wird Geld und Kreativität freisetzen, um andere Energieformen zu stärken. Sicher ist, nur wenn der Staat politisch massiv in das Geschehen eingreift, könnte relativ schnell Ersatz für die Kernenergie gefunden werden.

Die deutschen Energieversorger wollen an der Kernenergie festhalten. Klar und unmissverständlich erklärte RWE-Vorstandschef Dietmar Kuhnt in der vorigen Woche in Bonn am Rande der Jahrestagung Kerntechnik, dass die Stromwirtschaft an einer Restlaufzeit von 35 Jahren festhalten werde. „Wir stehen kurz vor einer für alle Beteiligten akzeptablen und damit für den Standort Deutschland positiven Lösung“, meint Kuhnt. Deutlichere Worte fand der Präsident des Deutschen Atomforums, Otto Majewski. Die Atomwirtschaft sehe in einer möglichen Verständigung mit der rot-grünen Bundesregierung keinen Konsens für einen Atomausstieg, sondern nur die Grundlage für einen gesicherten Betrieb ihrer Kraftwerke in der Restlaufzeit. Nach Majewski, künftiger Vorstand der neuen Eon Energie AG, München, wird es bei den Konsensgesprächen im Ergebnis keinen öffentlich-rechtlichen Vertrag mit langfristiger Bindungswirkung geben, sondern „lediglich eine Abmachung, ein Arrangement mit privatwirtschaftlichem Charakter“.
Derweil verhandeln die Unterhändler von Bundesregierung und Stromwirtschaft unter der Leitung von Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier, wie der Ausstieg über flexibel handhabbare Restlaufmengen abgewickelt werden kann. Die kritische Frage ist, wie hoch wird die Verfügbarkeit der 19 Meiler bewertet und welche Rolle spielen „virtuelle Strommengen“ aus dem still gelegten Reaktor Mülheim-Kärlich.
„Da ist noch viel Arbeit mit dem Rechenschieber zu leisten“, meint ein Branchenkenner. Während die Strombranche hartnäckig ihre ökonomischen Interessen verteidigt, glauben andere Experten, dass die Zeit für den Ausstieg schon längst reif sei. „Eine effiziente und klimafreundliche Energiepolitik ist auch ohne Kernenergie möglich“, meint Stephan Kohler, Geschäftsführer der niedersächsischen Energieagentur. Bleibt die Frage, wie eine solche Energiepolitik aussehen kann, wer auf welche Optionen setzt.
Sicher ist, Bundeskanzler Gerhard Schröder will Atom- durch Steinkohle- und Braunkohlestrom ersetzen. „Durch den Ausstieg aus der Kernenergie bekommen wir in den nächsten 20 Jahren einen hohen Bedarf an Ersatzinvestitionen“, meinte der Kanzler kürzlich beim Energiekongress der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) in Essen. Also, weg mit den 10 bis 30 Jahre alten nuklearen Stromfabriken, her mit neuen Steinkohlekraftwerken – so Schröders energiepolitisches Credo. Ganz anders die Auffassung von Umweltminister Jürgen Trittin (Bündnis 90/Die Grünen), er setzt auf die regenerativen Energien. Gemeinsam mit dem Präsidenten des Umweltbundesamtes stellte der Atomkraftgegner eine Studie vor, die darauf abzielt, den Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromversorgung und der Wärmeerzeugung bis 2010 zu verdoppeln und bis 2050 auf 50 % zu steigern. Eine neue Stromversorgung würde sehr kostspielig Technisch ist der regenerative Galopp in Sachen Energiewende durchaus möglich. Sonne, Wind, Biomasse und Erdwärme lassen sich anzapfen, deutsche Ingenieure und Techniker zeigen mit ihren Produkten seit einigen Jahren, was alles machbar ist. Es müsste nur ordentlich investiert werden. Sage und schreibe 70 Mrd. DM würde die grüne Rundumerneuerung der Stromversorgung pro Jahr kosten.
Was machbar ist, zeigt das Beispiel Windenergie. Die Kapazität hat im vergangenen Jahr um 1600 MW zugelegt, das war etwa doppelt soviel wie 1998. Bei allem Optimismus, vorläufig bleibt es dabei, dass die erneuerbaren Energien nur wenige Prozent zur Stromerzeugung beitragen. Die vom Umweltminister gewünschte Verdopplung bis 2010 würde also einen deutlichen Anstieg bedeuten. Es müssten also auf lange Zeit zwischen 95 % und 90 % der Energien aus fossilen Quellen produziert werden, wenn man auf Atomstrom verzichtet.
Sicher ist nur, wer aussteigt, muss ein politisch überzeugendes Konzept haben, mit dem aufgezeigt wird, wohin die Reise geht, wo man einsteigen will. Und genau daran hapert es in Berlin. In Deutschland sind 19 Atomreaktoren mit einer gesamten Leistung von etwa 21 000 MW in Betrieb. Selbst ohne Ausstiegspolitik müssten in den nächsten 20 Jahren rund 10 000 MW altersbedingt stillgelegt werden. Sollte diese Kraftwerksleistung etwa durch neue fossile Kraftwerke im Inland oder durch Stromimporte aus dem Ausland ersetzt werden?
Nach Untersuchungen des Shell Konzerns, des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie und des Öko-Instituts in Darmstadt verbietet sich der Ersatz der Nukleartechnik durch fossil befeuerte Kraftwerke. Millionen Tonnen Kohlendioxid würden so durch die Schlote in die Atmosphäre geblasen und den Treibhauseffekt anheizen. „Das Energiesystem muss grundsätzlich umgebaut werden“, meint der Wuppertaler Forscher Peter Hennicke. Auch andere Energiewendeszenarien, die schon vor Jahren von Greenpeace vorgelegt wurden, zeigen deutlich, dass nur mit einer staatlich gepuschten Radikalkur die „grüne Energiewende“ umgesetzt werden kann. „Wer innerhalb weniger Jahre aus der Kernenergie aussteigen will, der muss eigentlich auf die Mittel einer Öko-Diktatur zurück greifen“, orakelt ein Branchenkenner. Entscheidender Bremsklotz ist die Energiewirtschaft selbst. Sie hat in den vergangenen acht Jahren annähernd 104 Mrd. DM in den Ausbau von Kraftwerken und in die Modernisierung des Netzes gesteckt. Diese Investitionen müssen sich nun in den nächsten 20 bis 30 Jahren amortisieren.

Zentrale Versorgungsstruktur steht auf dem Spiel

„Kein Wunder, dass die Energiewirtschaft nicht unbedingt zu den treibenden Kräften einer dezentralen und klimaverträglichen Energiewende zählt“, meint Forscher Hennicke. Für die Atomwirtschaft geht es nicht nur um 19 Meiler, die gesamte hochzentralisierte Versorgungsstruktur würde im Zeichen der Liberalsierung der Energiemärkte auf dem Spiel stehen. Strom kann künftig nahezu von jedem produziert werden. Landwirte mit Windturbinen, Mini-Kraftwerke mit Brennstoffzellen-Technologie im Keller und Solarzellen auf den Dächern der Republik. Ein Alptraum für die großen Energieversorger, eine Art Ökotopia für Forscher wie Hennicke.
Drei Aspekte müssen bei der Umgestaltung berücksichtigt werden. Verbrauch und Stromerzeugung müssen in höchstem Maße effizient sein. Neben der Energieeinsparung muss eine aktive Energiepolitik auf Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) setzen, und letztlich die Nutzung regenerativer Energieträger massiv fördern. „Mehr KWK-Anlagen sollten vor allem für Industriebetriebe, Hallenbäder, Krankenhäuser und Wohnkomplexe vorgesehen werden“, erklärt Energieexperte Stephan Kohler. Für ihn und andere Visionäre steht fest, dass eine effiziente und klimafreundliche Energieversorgung machbar ist.
„Da könnte ein neuer, innovativer Mittelstand in der Energiewirtschaft auf Dauer entstehen“, so der Chef der niedersächsischen Energieagentur. Kohler weiß aber auch, dass ohne politischen Flankenschutz eine Energieversorgung ohne Atomstrom so schnell nicht realisierbar ist. Mit mehr als 50 Mrd. DM haben Bund und Länder die Atomforschung alimentiert. Erst breitangelegte Markteinführungsprogramme überzeugten die Stromkonzerne von den Vorzügen der Kernenergie. Die ersten drei Mini-Meiler in Gundremmingen, Lingen und Obrigheim finanzierte zu mehr als zwei Drittel der Staat. „Mit einem ähnlichen Kraftakt könnte auch der Einstieg in den Ausstieg aus der Atomenergie erfolgen, wenn die Politik mitspielt“, glaubt auch Forscher Hennicke.
Weil aber die Investitionen der Energiewirtschaft für lange Zeiträume gemacht werden, ist die Umstellung auf „grüne“ Energiequellen so schnell nicht zu haben. Als Interimslösung auf dem Weg zu einer solaren Energiezukunft bietet sich nur das Erdgas als Alternative zum Uran an. „Der Boom bei Erdgas kann nur die Vorstufe für den Einstieg in das solare Energiezeitalter sein“, hofft auch Gerhard Schmidt, Atomexperte bei Öko-Institut in Darmstadt. Der Blick in die historische Entwicklung der unterschiedlichen Energiesysteme zeigt, dass der Aufbau einer neuen Energieversorgungsstruktur rund 30 bis 50 Jahre dauert. „In diesen Zeiträumen muss man denken, wenn man die Sonnenenergie aus der heutigen Nischenrolle herausführen will“, meint Shell-Aufsichtsratsmitglied Fritz Vahrenholt. Der Energiemix der Stromerzeugung in Deutschland wird sich stark verändern. Ob sich Schröders Kohlekurs oder Trittins Vorliebe für Wind- und Sonnenenergie durchsetzen werden, hängt letztlich von einem konsensfähigen Energieprogramm für Standort Deutschland ab. Nur wie das aussehen könnte, ist noch längst nicht klar. MICHAEL FRANKEN
Einstieg in den Atomausstieg. Dutzende von Studien über die Abkehr von der Kernenergie (hier der Atommeiler Neckarwestheim) beantworten nicht die Frage, wie die Stromversorgung künftig gesichert werden soll.

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  • Michael Franken

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