Solarenergie 05.03.2010, 19:45 Uhr

„Am Anfang war es sehr schwer, die Leute zu überzeugen“  

Mit Sonnenenergie kühlen, diese Idee hat ein türkischstämmiger Ingenieur in Deutschland für sich und mittlerweile 50 Menschen zu einem Geschäft gemacht. Ahmet Lokurlu, oft für seine Technologie ausgezeichnet, verdient mit seiner Firma Solitem aus Aachen Geld. Aber der 46-Jährige will mehr als nur wirtschaftlich erfolgreich sein. Seine Mission ist es, als Innovator einen Beitrag zu leisten, um die weltweiten Energie- und Klimaprobleme zu lösen. VDI nachrichten, Aachen, 5. 3. 10, swe

Sommer ist ein wichtiges Stichwort für den gelernten Maschinenbauingenieur Ahmet Lokurlu. Dann brennt nämlich die Sonne vom Himmel. Besonders im sonnigen Süden, wie in seiner alten türkischen Heimat, laufen dann die Klimaanlagen vor allem in den touristischen Hochburgen auf vollen Touren und verbraten so bis zu 60 % des dort erzeugten Stromes. Könnte man nicht die Sonnenenergie nutzen, um die Klimaanlagen statt mit dem herkömmlichen Strom solargetrieben zu kühlen?

Die Frage ließ den gelernten Maschinenbauingenieur Lokurlu nicht los, und so tüftelte er seit 1993 hobbymäßig an solarer Kühlung. Damals studierte zum zweiten Mal, nämlich Energie- und Verfahrenstechnik an der Universität in Essen. Getrieben, wie er selbst sagt, durch ein Zitat Albert Einsteins: „Wir können Probleme nicht mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ Lokurlus Querdenkerei dauerte bis 1999, dann gründete er in Aachen seine Firma Solitem, 2002 eine türkische Zweigniederlassung in Ankara.

Heute stehen acht Solitem-Referenzanlagen in aller Welt, darunter in Hotels, öffentlichen Gebäuden oder Handelshäusern. Basis eines Solitem-Systems ist eine solarthermische Anlage mit Parabolrinnentechnik. Diese erzeugt Wasserdampf mit 180 °C bis 250 °C. Diese hohen Temperaturen braucht es, um die nachgeschaltete rein solar getriebene zweistufige Absorptionskälteanlage zu betreiben. „Die ist dreimal so effektiv wie übliche Anlagen, äußerst platzsparend und arbeitet völlig CO2-frei“, sagt Lokurlu stolz über seine Erfindung.

Mit dieser Solartechnik stellt sich Solitem mitten in die doch oft recht frische Brise eines freien Marktes. Denn wo Lokurlu seine Systeme vermarktet, lockt keine Einspeisevergütung: „Wir müssen erst größere Anlagen vertreiben, und zwar dort, wo spezifische Kosten anstehen, so dass die anfallenden Investitionskosten vertretbar sind.“

Solitem rechnet ohne irgendwelche Unterstützung rein kommerziell eine Amortisationsdauer unter acht Jahren vor. „Das ist interessant, aber in der heutigen Wirtschaftskultur betrachtet man acht Jahre als zu lange“, weiß der Aachener Unternehmer. „Die Kapitallage in südlichen Ländern ist generell nicht so hoch, sie ist eher dünn. Sie müssen in diesem Falle Projektfinanzierung mitanbieten.“

Das Konzept der solaren Kühlung soll sich ohne Unterstützung wirtschaftlich lohnen

Contracting ist ein weiteres Stichwort. Das ist ohne Partner nicht machbar. Da ist Lokurlu dankbar, dass seit Sommer 2008 der international agierende Industriedienstleister Ferrostaal über eine 20 %ige Beteiligung mit im Boot ist.

Der Weg vom Innovator zum Unternehmer war aus Sicht von Lokurlu ein Abenteuer. „Am Anfang war es unglaublich schwer die Leute zu überzeugen. Die haben gesagt, das sei eine intelligente Idee, vielleicht in 30 oder 40 Jahren werde das was.“ Mancher der Skeptiker saß Jahre später auf der anderen Seite von Lokurlus Schreibtisch, um über eine Partnerschaft zu verhandeln. „Interessant, oder?“, bemerkt er. Zu seinen Partnern gehören heute die DLR, Schott, Alanod und das Solar-Institut Jülich.

Die kleine Nachfrage „Interessant, oder?“ ist typisch für Lokurlu. Er beobachtet genau und reflektiert viel über das Verhältnis von Mensch und Natur. Als Ingenieur hat er eine Botschaft, eine Vision, mit seiner Entwicklung etwas bewirken zu wollen. Ein nachhaltiger, philosophischer Ansatz ist für ihn integraler Bestandteil seines Wirkens als Unternehmer.

„Die Bereitschaft bei denjenigen, die in der Forschung tätig sind, in die freie Wirtschaft zu gehen, ist nicht sehr stark“, hat er beobachtet und ergänzt: „Diese Leute wissen, dass das Leben, was sie in der Forschung führen, ein anderes ist als in der freien Wirtschaft.“ Lokurlu weiß, wovon er spricht. Auch ihm ist der Wechsel nicht leicht gefallen.

„Um eine Firma zu gründen, braucht man erstens eine Verliebtheit in das, was man unternimmt. Zweitens muss man bereit sein, Schwierigkeiten auf sich zu nehmen: Risikobereitschaft muss a priori da sein“, erklärt Lokurlu. Das Wichtigste sei jedoch: „Durchhaltevermögen. Man erlebt jeden Tag etwas anderes, Neues und ständig, so habe ich es erlebt, eine Vergewaltigung des eigenen Ichs.“ Dann stelle man sich die Frage: Warum tue ich das Ganze? „Diese Antwort muss so stark sein, dass man gegen alle Widerstände weitermacht.“

Auch sein Studium des Wirtschaftsingenieurwesens an der RWTH Aachen konnte Lokurlu nur bedingt auf die Praxiserfahrungen vorbereiten. „Zum Glück ist der Mensch lernfähig“, schmunzelt er. „Man lernt jeden Tag dazu. Die Last von heute – vor fünf Jahren hätte ich sie nicht tragen können.“

Stillstand ist für den agilen Ingenieur und sein Unternehmen kein Thema. Zurzeit konzipiert Solitem den Einsatz des hauseigenen Systems für die Entsalzung. „Wir arbeiten mit einem Wärmeaustauscher. Unsere Hochtemperatur-Solarkollektoren erzeugen für die eine Seite Dampf oder Hochtemperaturwärme zwischen 130 °C bis 150 °C, auf der anderen Seite wird Meerwasser zugeführt und verdampft und so über verschiedene Stufen hinweg destilliert. Eine sehr intelligente Sache.“ Wie immer sei dies alles jedoch eine Sache der Kosten, und leider seien Wasser und Energie vielerorts noch viel zu preiswert.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis hat ihn bislang auch gehindert, seine solare Kühlung für Einfamilienhäuser anzubieten. „Wir arbeiten zur Anlagensteuerung bislang mit einer elektronischen Karte, die kostet ein paar Hundert Euro. Planen Sie so etwas für Einfamilienhäuser, dürften da aber nicht mehr als 9 € bis 11 € Kosten zustande kommen.“ Diese Entwicklungsarbeit könne Solitem momentan nicht leisten.

Lokurlu ist als Chef eines kleineren Mittelständlers inzwischen mehr Lenker als Innovator. „Primär ist die Aufgabe Umsätze zu generieren, strategische und strukturelle Entwicklungen voranzutreiben. Ich muss überall Überzeugungsarbeit leisten – und in der Forschung mitmachen. Ich gebe die Richtung vor.“

Seine Erfahrung, da ist er überzeugt, ist wichtig für seine Ingenieure: „Man darf sich nicht gänzlich von der Entwicklung verabschieden. Ich habe mich über Jahre hinweg mit der Materie befasst und weiß, wo die Knackpunkte sind. Also gehe ich hin und frage: Haben Sie daran gedacht? Nur dieser Anstoß bringt etwas ganz Neues.“

Vor allem könne Lokurlu nicht vergessen: „Der Mensch hat eine Unfähigkeit: Wenn er irgendetwas weiß, kann er nicht so tun, als ob er es nicht wüsste.“ Im Gegenzug erwartet er von seinen Entwicklern Einsatzfreude und Flexibilität. „Ich will die Prozesse nicht so starr gestalten. Das ist nicht intelligent, denn Flexibilität ist die Stärke der kleineren Unternehmungen.“

Mit seinem Prinzip der solaren Kühlung steht Lokurlu seit 2004 im Rampenlicht der internationalen Öffentlichkeit. In den letzten Jahren regnete es Preise, zuletzt den Umweltpreis des japanischen Elektronikkonzerns Kyocera. Erstmals prämierte ihn im September 2004 die Aachener Kathy-Beys-Stiftung. 2005 folgten der „Europäische Solarpreis“, der „Energy Globe Award 2004“ und schließlich lobte ihn das US-Magazin „Time“ im Jahr 2007 als „Global Hero of the Environment“. Und das sind noch nicht alle Auszeichnungen.

Innovation muss einen gesellschaftlichen Nutzen haben

Lokurlu steigt das nicht zu Kopf; die Auszeichnungen, die in seinem Büro die Regale zieren, bringen nicht nur Geld und Renommee: „Anerkennungen erschweren den Job“, sagt er trocken. Und erklärt die provokant wirkende Aussage: „Die Erwartungshaltung an mich steigt dementsprechend, so dass ich genau der Sache gerecht werden muss. Das Dahintersteckende muss irgendwann in Zahlen dastehen, das heißt in Umsätzen und Strukturentwicklungen.“

„Demnächst“, so bekennt er, „möchten wir auch selbst Preise ausschreiben. Kreative junge Menschen sind für mich unglaublich wichtig für die Zukunft der Gesellschaft, der Menschheit.“ Da kommen sie wieder zum Tragen, die Mission und Vision des Ahmet Lokurlu: Er sieht sich als Einzelner in Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, scheut sich aber nicht, den Beitrag der anderen einzufordern. Mit Blick auf die globalen Klimaprobleme und einen zu hohen Energieverbrauch sagt er: „Ich plädiere überall in der Öffentlichkeit dafür, dass die Menschen ihr Verhalten ändern müssen“, – und setzt hinzu: „nicht sollen, sondern müssen!“ STEPHAN W. EDER

Von Stephan W. Eder
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