Automobilelektronik 09.05.2008, 19:34 Uhr

Windows und Linux ziehen ins Auto ein  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 9. 5. 08, rb – Wenn ein Auto auf den Markt kommt, ist die Elektronik bereits einige Jahre alt. Besonders schwer trifft das die Unterhaltungselektronik, die im Automobil ihrer schnelllebigen Marktentwicklung um Jahre hinterherhinkt. Damit die Multimediasysteme im Auto frisch sind und aktuell bleiben, arbeitet die Industrie an neuen Softwareplattformen, die bald noch mehr können sollen.

Wer vor ein paar Jahren ein Autotelefon mitbestellte, konnte sicher sein, mit dem Neuwagen für teures Geld ein betagtes Modell geliefert zu bekommen. Eingebaute Navigationssysteme werden schnell unbrauchbar, weil ein Update mehr kostet als ein separates Gerät. Und stolz berichten Navi- und MP3-Player-Hersteller, dass Fahranweisungen und Musik per UKW ans Autoradio gesendet werden – natürlich auch an das des Nachbarn an der Ampel. Das erinnert an die Zeit, als tragbare CD-Player nur mit einer speziellen Musikkassette an das Autoradio anschließbar waren.

Schuld an diesen vorsintflutlichen Zuständen ist die lange Entwicklungszeit bei Zulieferern und Autoherstellern (OEM). „Der Zulieferer entwickelt seine produktspezifische Plattform zwei Jahre lang. Dann wird sie in den Autoentwicklungszyklus integriert, der vier Jahre dauert“, stellt Christoph Ditzen, General Manager Automotive Solutions beim Softwarespezialisten Wind River, fest. Auch Oliver Riekenbrauk, Marketingmanager Europa der Automotive Business Unit bei Microsoft, bedauert, dass die Unterhaltungselektronik im neuen Auto bis zu sieben Jahre alt sein kann. Ein unhaltbarer Zustand. Riekenbrauk: „Wer heute keinen iPod-Anschluss unterstützt, hat ein Riesenproblem.“

Die Lösung wird in anderen Industrien schon lange praktiziert: „Standardisierung auf voll integrierten Plattformen“, sagt Ditzen. Wind River, das mit seiner VxWorks-Plattform in vielen Produkten der Autozulieferer vertreten ist, arbeitet an einer Linux-basierten Infotainment-Plattform. Microsoft setzt dagegen auf eine Windows-Plattform mit dem Mediaplayer. Beiden ist gemeinsam, dass sie update- und ausbaufähig sind und nach außen per USB, Mobilfunk und Bluetooth kommunizieren sollen.

Erste Windows-basierte Ansätze gibt es schon, von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, seit 2006 bei Alfa Romeo, Fiat und Lancia. „Blue&Me ist eine Bluetooth-Freisprecheinrichtung mit Sprachsteuerung und Schnittstelle zu MP3-Player, Navi und USB-Stick“, sagt Lancia-Pressesprecher Malte Dringenberg. Selbst im preiswerten Fiat 500 koppelt Blue&Me bis zu fünf Handys und ein mobiles Navigationsgerät an die Stereoanlage an, liest SMS vor, integriert ein Navi und bietet als neue Funktion an, seine Fahrweise spritsparend zu verbessern: Auf einem USB-Stick werden Fahrten protokolliert und dann am PC über Internet ausgewertet.

Eine Multimediaplattform muss in Zukunft noch mehr können: Sie muss nicht nur MP3-Musik wiedergeben, sondern auch Videos oder Kamerabilder. Sie muss das Notfallalarmierungssystem eCall und Sprachsteuerung integrieren und für Kommunikationstechnologien, die erst im Entstehen sind, offen sein. „Die OEMs wollen eine Innovationsplattform“, sagt Christoph Ditzen von Wind River. Die hauseigene Platform for Automotive Devices soll den Entwicklungsaufwand für Infotainment-Systeme reduzieren. Als Entwicklungs- und Laufzeitplattform für Infotainment-Systeme kombiniert die Plattform Linux oder das Echtzeit-Betriebssystem VxWorks mit Entwicklungsumgebungen und Multimedia- und Connectivity-Middleware.

Für die bisher so engen Beziehungen zwischen Zulieferern und Autoherstellern bedeuten neue Standards einen Vorzeichenwechsel und mehr Konkurrenz. Denn ein offenes Standardbetriebssystem, das mittelfristig nicht nur typische Unterhaltungselektronik-anwendungen verkraften soll, macht von den Zulieferern unabhängiger.

„Die Autohersteller können vorgeben, was sie in welcher Qualität haben wollen. Die Zulieferer verlieren ihre Machtposition“, so Ditzen. Denn der OEM kann zwischen mehr Anbietern wählen und Software bei Dritten entwickeln lassen. Der Arbeitsprozess der Zulieferer werde sich von der Entwicklung auf die Integration verlagern.

Noch sind Autohersteller nicht in der Lage, die bis zu 70 Steuergeräte und Computer auf ein bis zwei zu reduzieren. „In der Luftfahrt macht Glass Cockpit bereits vor, wohin die Reise geht“, sagt Ditzen. Ein großes Display zeigt die Informationen, die je nach Situation gebraucht werden, um eine Reizüberflutung zu vermeiden. Im Hintergrund arbeiten nur zwei Computer, wobei keine Funktion eine andere beeinträchtigen könne. Deshalb werde die neue Plattform eines Tages auch sicherheitsrelevante Funktionen übernehmen und im Großdisplay dem Fahrer anzeigen, erläutert Ditzen.

Doch bis zum kostensparenden und jederzeit auffrischbaren Betriebssystem für das Auto dürften noch einige Jahre vergehen. Die Entwicklungskosten könnten dann drastisch sinken. Und ab und an werde ein Security-Update für das Fahrzeug über Mobilfunk und über Nacht ins Auto eingespielt.

FRIEDHELM WEIDELICH

 

  • Friedhelm Weidelich

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