Konsumelektronik 11.07.2008, 19:36 Uhr

Renaissance der Marke Grundig in der Türkei  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 11. 7. 08, jdb – Grundigs Gesamteigentümer heißt Mustafa Koç und ist der wohl reichste Mann der Türkei. Sein Name bedeutet Stier, dessen Kopf ist das Markenzeichen eines Konglomerats, das zu 80 % in Familienbesitz ist und 100 Unternehmen in fünf Kontinenten umfasst. Inzwischen ist auch das einstige deutsche Vorzeigeunternehmen zu 100 % dabei.

Wer mal wieder eine Grundig- Fabrik sehen will, kann das jetzt, muss dazu allerdings an Europas Grenze gehen, nämlich nach Beylikdüzü in der Nähe von Istanbul. Dort gründete Mustafa Koç 1966 das Unternehmen Bekoteknik Sanayi. 30 Jahre brauchte es, ehe der Name Beko Elektronik gewählt wurde. Und jetzt musste an dem 100 000 m2 großen Werk das Namensschild ein weiteres Mal gewechselt werden, eben für Grundig Elektronik. Doch auch das brauchte seine Zeit.

2001 begann Grundig, in der Türkei einfache Fernsehgeräte herstellen zu lassen, Preis- und Bilanzdruck verlangten es. Aus den vorsichtigen Fingerübungen wurde kräftiges Fingerhakeln, denn auch in Wien ließ das Fürther Unternehmen zeitweilig Fernseher bauen, nachdem die eigene Fertigung 2003 in Nürnberg und Bamberg aufgegeben wurde. Seitdem kommt der Mainstream an Geräten immer aus der Türkei. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Nur eben die Geräte selbst und der Grad der Automatisierung. Zwei Grundig-eigene Highend-Fertigungslinien für LCD- und Plasma-TV-Geräte wurden bereits 2006 errichtet, heute sind es acht, eine weitere für 47-Zoll-Geräte, also 120 cm Bilddiagonale, wird gerade durch werkseigene und fremde Fertigungsingenieure aufgebaut. An diese Bänder kommen nur noch LCD-Panels.

Eine Stunde dauert es, bis ein Gerät alle Fertigungsstufen durchlaufen hat. Dabei gibt es keine Handbestückung mehr, nur die Montage von Display, Hauptplatine, Netzgerät, Rahmen und Rückwand erfolgt noch manuell durch besonders geschultes Personal. Dann müssen sich die fertigen Fernseher erst mal auf einem Band 20 min warm laufen, bevor es zur Endjustage und -kontrolle geht. „3 % der Geräte werden dann einem Stresstest unterzogen. Wenn unsere Fernseher dann die Fabrik verlassen, können die Kunden sicher sein, ein echtes Grundig-Gerät zu erhalten“, ist Peter Dennerlein, Leiter des Qualitätsmanagements, sich sicher. Entwickelt werden die Geräte nach wie vor in Nürnberg.

In der Ex-Beko-, jetzt Grundig-Fabrik werden pro Jahr etwa 3,2 Mio. Fernsehgeräte hergestellt, jeweils zur Hälfte LCD- und Röhrengeräte, 1,5 Mio. sind mit Grundig gelabelt. Im nächsten Jahr wird die Produktion der Röhrenfernseher weiter runtergefahren, auf etwa 20 %, ehe sie im Jahr 2010 ganz ausläuft. „Dann wollen wir mit der Marke Grundig in Europa einen Marktanteil von 5 % erreichen, mit unseren anderen Marken und dem ODM-Verkauf, also als Original Design Manufacturer, 15 %“, so Oguzhan Öztürk, Vorsitzender von Grundig Elektronik in der Türkei. Schon jetzt ist der Konzern zweitgrößter europäischer TV-Hersteller – aber im Kampf um Platz 1. Im vergangenen Jahr hätte der Marktanteil in Deutschland 4,1 % betragen, die Zahl der dort abgesetzten Geräte sei binnen Jahresfrist von 450 000 auf 600 000 gestiegen.

1600 Menschen sind bei Grundig in Istanbul tätig, davon etwa 160 in Forschung und Entwicklung. Weitere 20 Entwickler gibt es in Nürnberg. Im Vertrieb und Marketing sind zusätzlich weltweit rund 400 Mitarbeiter beschäftigt. In Summe sind das gegenüber den Spitzenzeiten der 70er Jahre mit knapp 40 000 Beschäftigten nur noch 5 %.

Als der vor 100 Jahren geborene Max Grundig 1930 mit seinem Radio-Vertrieb startete, war das der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte, die bis Anfang der 80er Jahre andauerte. Über 3 Mrd. DM Umsatz wurden 1983 gemeldet. Sowohl der Einstieg von Philips als auch die Übernahme in ein bayerisches Konsortium unter Leitung von Anton Kathrein konnte den Niedergang nicht aufhalten – am 14. April 2003 musste Insolvenz angemeldet werden.

Das Fürther Unternehmen wurde aufgeteilt – Beko Elektronik und Alba Radio übernahmen im Januar 2004 nach einigem Zögern die Reste des einstigen Marktführers für 80 Mio. €. Für die gewinnträchtigeren Geschäftsbereiche Car Intermedia, Sat Systems sowie Bürogeräte gab es hingegen andere Lösungen. Zum 18. Dezember vergangenen Jahres kaufte Beko auch die Alba-Anteile und machte Grundig Multimedia damit 100 % türkisch.

„Grundig ist und bleibt dennoch eine deutsche Marke, die sich bei der Produktentwicklung auf ein großes Know-how stützt und sich in erster Linie an den Anforderungen des deutschen und europäischen Marktes orientiert. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern“, betonte Michael Peterseim, Geschäftsführer von Grundig Multimedia, nach dem Wechsel. Und weiter: „Grundig hat im vergangenen Jahr fast die angestrebte schwarze Null erreicht, und das nach einem Minus im zweistelligen Millionenbereich in 2006.“

Dabei sieht er das Ende der Fahnenstange noch nicht gekommen. „Mit unseren LCD-TVs werden wir doppelt so stark wachsen wie der europäische Markt.“ Für dieses Jahr strebe die Tochterfirma Grundig Intermedia in Nürnberg einen Umsatz von 440 Mio. € an – bei einem Gewinn von 8 Mio. €. Bülent Bulgurlu, Vorstandsvorsitzender der Koç Holding, ergänzt: „Wir sind stolz darauf, dass Grundig jetzt vollständig in die Koç-Gruppe integriert ist. Mit unserem leistungsfähigen Vertriebsnetzwerk werden wir die Produkte von Europa aus in die ganze Welt liefern und Grundig zu einer globalen Marke entwickeln.“

In 2011 solle Grundig einen Umsatzbeitrag von 1 Mrd. € leisten. Im Übrigen hätten schon jetzt über 20 Mio. Haushalte in Europa einen Grundig-Fernseher. Mit einem neuen Marken- image und neuen Gerätegenerationen soll der Umstieg zu Flachdisplays beschleunigt werden, zumal international der Wechsel zu HDTV auf der Tagesordnung steht.

Auch soll die Marke Grundig künftig nicht nur auf Unterhaltungselektronik beschränkt bleiben. „Unser Unternehmen Arçelik ist als Hersteller Weißer Ware mit einem Anteil von 57 % Marktführer – wir werden Know-how und R&D von dort nach Grundig transferieren und auch Produkte unter dieser Marke anbieten“, so Aufsichtsratsvorsitzender Mustafa Koç beim türkisch-deutschen Namenswechsel.

Nachdem es bereits seit zwei Jahren Produkte rund um Haarpflege und -entfernung gibt, Grundig-Waagen Gewichtsanalysen vornehmen und auch die Fußmassage nicht vergessen wird, sind seit einem Jahr auch Staubsauger im Programm. Doch weil das ja banal wäre, ist da von Floor-Care-Produkten die Rede. An Geschirrspüler und Waschmaschinen werde jetzt ebenfalls gedacht, ergänzt Bulgurlu. Möglich, dass auf der braun-weißen IFA in diesem Jahr der Startschuss hierfür fällt. Platz hat die Berliner Messegesellschaft dafür bereits fest eingeplant. Bleibt noch eine Frage: Die Fertigung wieder nach Nürnberg holen? Für Peter Dennerlein ein abwegiger Gedanke. „Da haben wir weder die Leute noch Technik und Gebäude – der Zug ist endgültig abgefahren.“ RAINER BÜCKEN

Röhrenfernseher laufen bis 2010 endgültig aus

Ein Beitrag von:

  • Rainer Bücken

    Freier Fachjournalist in Berlin. Seit über 40 Jahren widmet sich Rainer Bücken mit profunden Fachkenntnissen allen Themen rund um Medien, gewissermaßen von der Quelle bis zur Senke. So begleitete er die Einführung von HDTV in Deutschland von den Anfängen bis zum Regelbetrieb und blickt gespannt auf die Entwicklungen bei 4K sowie 8K. Dabei spielen die Digitalisierung der TV-Landschaft und die Einführung neuer Technologien in allen Stufen der Medienverbreitung, vor allem der Glasfasertechnik, zentrale Rollen. Rainer Bücken studierte Nachrichtentechnik der Ingenieurakademie der Deutschen Bundespost Berlin und anschließend Publizistik an der FU Berlin.

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