Konsumelektronik 18.05.2001, 17:29 Uhr

Nürnberger TV-Geräte-Produktion vor dem Aus

Das einstige Vorzeige-Unternehmen muss wieder flott gemacht werden. Nach einem am Donnerstag letzter Woche vorgestellten Konzept zählen zu den ersten Maßnahmen die Reduzierung gefertigter Stückzahlen und des Geräte-Portfolio ebenso wie die Verlagerung der TV-Fertigung nach Österreich.

Letzte Woche legte die Grundig AG in Nürnberg ihre Bilanz für das Jahr 2000 vor. Rund 2 Mio. DM werden als Gewinn ausgewiesen. Die kleine schwarze Zahl ist dabei – wie in den beiden Jahren davor – nur durch die Auflösung von 77 Mio. DM an Rückstellungen möglich geworden. Der operative Verlust betrug demnach 75 Mio. DM. Soviel von der Finanzseite.
Viel mehr Aufmerksamkeit erzeugte aber die allgemeine Situation des einstigen Aushängeschilds der deutschen Unterhaltungselektronik-Industrie. Erneut muss eine Restrukturierung durchgezogen werden, die 900 Arbeitsplätze kosten wird. Die dazu nötige Finanzierung tragen die beteiligten Banken nur, wenn ein so genanntes Grobkonzept, das die Berater von Roland Berger zusammen mit dem Grundig-Management ausgearbeitet haben, von allen Seiten akzeptiert wird.
Das Konzept sieht vor, die Produktion von Fernsehgeräten auf nur noch 1,4 Mio. bis 1,5 Mio. Stück pro Jahr zu schrumpfen. Im Jahr 2000 produzierte Grundig noch über 2,5 Mio. TV-Geräte. Speziell die Geräte mit den niedrigeren Preisen drücken auf das Ergebnis und sollen nicht mehr selbst gefertigt werden. Die Stückzahlreduzierung reicht aber nicht mehr für beide Werke. Nach Berechnungen des Vorstands arbeitet das Werk in Wien pro Jahr um 20 Mio. DM günstiger. Auch die Verlagerung von Wien in das Werk Nürnberg Langwasser, dem Hauptsitz der Firma, würde 100 Mio. DM teurer sein als die umgekehrte Verlagerung.
Faktisch bedeuten diese Zahlen das Aus für die TV-Geräte-Produktion in Nürnberg. So soll die Verlagerung auch bis Ende 2001 abgeschlossen sein. Noch geben sich die Grundig-Mitarbeiter in Nürnberg kämpferisch, nicht geschlagen und ihre Arbeitsplätze nicht auf. So wurde die Bilanzpressekonferenz ebenso wie die Aufsichtsratssitzung am Vortag von lautstarken Protesten begleitet.
Aber die Würfel sind gefallen. Sowohl der Aufsichtsratsvorsitzende und Mehrheitseigner (aktuell 89 %) Anton Kathrein als auch der neue Vorstandssprecher Hans-Peter Kohlhammer lassen keinen Zweifel daran, dass die erforderlichen Maßnahmen aus dem Berger-Konzept umgesetzt werden. Kohlhammer, der am 9. Mai vom Aufsichtsrat einstimmig als Nachfolger von Herbert Bruch eingesetzt wurde, setzt dabei auf Teamarbeit und sieht seine Hauptaufgaben in der Restrukturierung, der Sortimentsbereinigung und Produktionssicherung. Bereits zur Internationalen Funkausstellung im August in Berlin sollen erste spürbare Änderungen vorzeigbar sein.
Auch eine weitere Zahl lässt aufhorchen: So soll das Angebot an Grundig-Produkten von derzeit 1400 Gerätetypen auf nur noch 370 Stück geschrumpft werden. Dabei unterstrich Kathrein, dass er weder der Totengräber von Grundig sei noch das Unternehmen filetieren werde. Grundig solle Kompetenz in Entwicklung, Fertigung und Vermarktung behalten. Er stehe dafür gerade, dass Grundig einGesamtunternehmen mit Produktion bleibe. Kathrein ließ aber keine Zweifel daran, dass in der Vergangenheit Fehler gemacht wurden. „Ich kehre jetzt den Scherbenhaufen auf, den andere angerichtet haben“, so Kathrein wörtlich.
Dabei sah Ende 1997 alles bestens aus. Die ungeliebte Konzernmutter Philips hatte ihre Anteile bis auf damals 5 % abgegeben, es waren neue Kapitalgeber und neue Eigner gefunden. Sogar ein böser Bube, dem man den schwarzen Peter für die Vergangenheit zustecken konnte, war mit Philips vorhanden. Beste Voraussetzungen also für einen Neustart. Es wurde dementsprechend auch viel Optimismus zur Schau gestellt.
Heute, mehr als drei Jahre später, steht Grundig wieder negativ in den Schlagzeilen. Finanzprobleme, Produktionsverlagerung ins Ausland und Personalabbau bestimmen die Berichterstattung. Offenbar wurden die Chancen von 1997 nicht genutzt. Die Ursachen für die erneute Schräglage des einstmaligen Marktführers der Unterhaltungselektronik sind überwiegend hausgemacht. So gab es immer wieder unterschiedliche Auffassungen innerhalb des Vorstands, im Wesentlichen zwischen dem inzwischen ausgeschiedenen Ex-VW-Mann Manfred Bartl und Ex-Vorstandssprecher Herbert Bruch.
Bartl, der bei VW durch einen geplatzten Nutzfahrzeugdeal in Ungnade gefallen war, verpasste dem Unternehmen eine nicht funktionierende Organisationsstruktur. Bruch beschrieb dies in einem Interview mit einem Staffellauf, bei dem im entscheidenden Augenblick der nächste Läufer anstatt nach dem Stab einfach ins Leere greift. Dazu kommen noch Reibungsverluste zwischen fast allen Abteilungen des Unternehmens. Dies alles hatte zur Folge, dass in den letzten drei Geschäftsjahren (1998 bis 2000) insgesamt rund 400 Mio. DM an Defiziten angefallen sind. Eine stolze Summe.
Noch im Dezember 2000 verkündeten Kathrein als neu berufener Vorsitzender des Aufsichtsrats und Bruch noch vor der Presse, dass man alles im Griff habe. Kurze Zeit später aber beklagte sich Kathrein im Februar 2001 in einem Interview mit den Nürnberger Nachrichten über den Zustand von Grundig. Die Substanz sei „verfrühstückt“ und man habe ihn nicht richtig informiert. Eine merkwürdige Äußerung von einem Spitzenmanager, der bis zu seiner Berufung an die Spitze Aufsichtsrats bereits seit 1997 stellvertretender Aufsichtsratsboss war. Dazu kam der Ausstieg der Deutschen Bank bei der Finanzierung von Kreditlinien in Deutschland, die das Unternehmen in diesem Jahr dringend braucht.
Mittlerweile hat sich auch der bayerische Wirtschaftsminister Otto Wiesheu, der 1997 aktiv an der Weichenstellung bei Grundig durch die Schaffung der Beteiligungsgesellschaft beteiligt war, zur Situation Grundigs in einem Zeitungsinterview geäußert. Er sieht den Vorwurf von Managementfehlern gerechtfertigt. „Die Chance war 1997 vorhanden, sie wurde leider vertan“, so Wiesheu weiter.
Fragen über Fragen bleiben auch in Bezug auf die Zukunft. Schafft es der neue Vorstand, die internen Querelen zu beseitigen, endlich alle Beteiligten unter einen Hut zu bringen und in die richtige Richtung zu steuern? Wer kommt noch mit an Bord bei Grundig? Denn zu den beiden besetzten Vorstandsposten sollen noch zwei neue dazu kommen. Und hält die Marke der erneuten Schräglage stand? Wie wird der Handel, die wichtigste Stütze Grundigs, reagieren? Und wann wird man sich mit der Arbeitnehmerseite über die Umsetzung der Maßnahmen einig?
Eins steht allerdings fest: Die bloße Beteuerung, dass der Vorstand die Verantwortung für die Situation übernehmen muss, wie es Herbert Bruch in einem Interview der „Welt“ formulierte, hilft keinem der Mitarbeiter, die ihren Job verlieren. PATRICK MARTIN
http://www.grundig.de

Von Patrick Martin

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