Konsumelektronik 29.08.2003, 18:26 Uhr

Neue Speicher für digitale Camcorder

Der Markt für digitale Camcorder steht vor der Individualisierung der Formate. Das derzeit dominierende DV-Band wird, das zeigt schon die IFA, von Festspeichern, Chipkarten und DVDs abgelöst. Nur wann ist die Frage.

Das digitale Videoband, kurz Mini-DV-Band, gerät durch die neuen Entwicklungen der Hersteller unter Druck. Band gilt wegen seiner Spulzeiten als umständlich und verschleißanfällig. Zudem hat DV keine Abspielplattform. Zur Distribution muss das Videomaterial stets kopiert oder auf DVD gebrannt werden.
Kompatibilität zur aktuellen Heim-Plattform erreichen neue Camcorder, die gleich auf kleine DVD-R-Scheiben mit 8 cm Durchmesser aufnehmen. Als weitere wiederbeschreibbare Formate bieten Panasonic und Hitachi DVD-RAM und Sony DVD-RW an. Damit kann der Filmer gezielt einzelne Szenen betrachten, sie bereits im Camcorder umstellen, kürzen und löschen.
Probleme bereitet noch die mangelnde Anbindung an Schnittprogramme. Zudem passen in der höchsten Aufnahmequalität nur 20 min auf eine Scheibe, wobei – größtes Manko – RW- und RAM-Scheiben noch teuer sind und nur in wenigen Laufwerken ihres jeweiligen Standards spielen. Sony hat hier leichte Kompatibilitätsvorteile.
Derlei Einschränkungen lassen ambitionierte Filmer dem DV-Band noch die Treue halten. Konkurrenzlos gegenüber allen Nachfolgesystemen ist der Speicherpreis pro gefilmter Minute, es ist ein billiges Medium zum Mastern und Archivieren. Außerdem gibt es für DV eine etablierte Schnitt- und Nachbearbeitungsplattform.
An der fehlt es bislang beim Micro-MV-Format, das Sony als Nachfolger des DV-Bandes zu etablieren versucht. Auch die MPEG2-Datenübertragung, mit dem Sony auf die gegenüber DV um 70 % kleineren Bänder aufzeichnet, harmoniert nicht mit DVD-Playern.
Das Bedürfnis der Kunden nach winzigen Camcordern mit guter Bildqualität und viel Funktionalität wächst jedoch. Sony trägt ihm jetzt zur Funkausstellung mit dem Micro-MV-Camcorder IP1 in der Größe einer Zigarettenschachtel Rechnung. Noch deutlich kleiner, aber vorläufig mit limitierter Speicherkapazität präsentieren sich Flash-Memory-Cardcorder wie der SV-AV 20 von Panasonic. Die Leistungsfähigkeit der Kärtchen steigt.
Derzeit erreichen Memorystick und SD-Card die 1-Giga-Schallmauer. Bei Preisen von um 750 € sind sie als Archiviermedium jedoch undenkbar. Videomaterial muss auf externe Festplatten oder PC überspielt werden. Die besseren Datenraten von 15 bit/s bei neuesten Memorysticks und 10 mbit/s bei SD lassen die übertragbare Videoqualität hingegen das Niveau von DVD-Playern erklimmen.
Der Bonus von Cardcordern: Die Speicherkarten passen ins Handy oder Autoradio, in den PDA oder DVD-Rekorder und lassen sich vor unberechtigtem Zugriff schützen. Winzige Cross-Media-Cardcorder haben gehöriges Zukunftspotenzial. Stefan von der Bank, Manager Digital Camcorder, Samsung-Deutschland, ist überzeugt, „dass digitales Filmen und Photographieren sich bald nicht mehr klar differenzieren werden und Kombigeräte mit Mobilitätsplus das Rennen machen“.
Geräte also, die Camcorder, Photo, Videoplayer, Handyfunktion und MP3-Player vereinen. Samsung tritt gleich an zwei Stellen ins IFA-Rampenlicht. Modell D5000 verbindet einen Bandcamcorder mit einem 4-Megapixel-Digitalfotoapparat über ein doppelt integriertes Drehobjektiv. Auf Wechselmedien wie Speicherkarten verzichtet dagegen der Festplatten-Camcorder ITCAM: Im MPEG4-Format liefert das Gerät 66 min Video, die eine USB2-Schnittstelle an den Rechner entlädt. Dieser „PC im Camcorder“ hat großes Potenzial – vor allem in der Nachbearbeitung, wenn integrierte Schnittprogramme und Ausgabe-Codes Liveschnitts in jedem Datenformat ermöglichen.
Ganz auf eine Zwischenspeicherung verzichten Camcorder, die drahtlos mit dem Rechner verbunden sind. Über WLAN überträgt der GY-DV300 von JVC. Bei den Camcordern TRV50 und TRV80 von Sony kann der Filmer 8 MByte kleine Minifilme via Bluetooth-Handy als E-Mail verschicken.
Christian Lücke, Product Group Manager, Digital Imaging bei Sony, sieht den Zeitrahmen zukünftiger Camcorder-Generationen weniger durch Sony als durch die Einführung von Medien wie HDTV, Internet-TV und UMTS bestimmt. „Vielleicht“, so Lücke „werden schon bald in großem Stil Videoaufnahmen via Direktstream zum heimischen Server übertragen.“ MARTIN BIEBEL

Ein Beitrag von:

  • Martin Biebel

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