Konsumelektronik 17.01.2003, 18:23 Uhr

Mitarbeiter von Grundig atmen auf

Eine monatelange Zitterpartie ist beendet.

Für Aurelia Crispu war es ein Freudentag, als der Grundig-Vorstand am vergangenen Mittwoch die Belegschaft über den Einstieg des taiwanischen Sampo-Konzerns informierte. Fiebernd verfolgte die Verkaufsberaterin die Entwicklung am heimischen PC. Die Gerüchteküche brodelte im firmeneigenen Intranet. Dann die erlösende Nachricht. Crispu strahlt: „Die Hängepartie ist zu Ende.“
Die Suche nach einem strategischen Investor hatte sich länger als erwartet hinausgezögert. Nur ein „Letter of Intent“, eine vorläufige Absichtserklärung über einen potenziellen Einstieg, konnte den Nürnberger Unterhaltungselektronikhersteller im vergangenen August vor dem Aus bewahren. Er beruhigte Banken und auch den bürgenden Freistaat Bayern. Die anhaltende Zitterpartie beendete ein Shakehands zwischen dem Hauptanteilseigner Anton Kathrein und Sampo-Aufsichtsrats-Chef Felix Chen sowie die Unterzeichnung eines 750-seitigen Vertragswerkes.
Vielen der verbliebenen 3000 Mitarbeitern bei Grundig geht es ähnlich wie Crispu: „Jetzt geht es wieder Richtung Zukunft.“ Schließlich hat sie in den letzten 30 Jahren so manche Hochs und Tiefs beim Nachkriegspionier für Unterhaltungselektronik mitgemacht. Crispu war dabei, als in den Glanzjahren die Mitarbeiterzahl europaweit auf 38 000 anwuchs, als das Unternehmen 1980 in die roten Zahlen rutschte und als vier Jahre später Philips die unternehmerische Führung übernahm. Die Niederländer stiegen 13 Jahre später nach Milliardenverlusten wieder aus, die Belegschaft war bereits nach mehreren Sanierungswellen auf 6100 abgespeckt.
Trotzdem: „Ich habe nie an Flucht gedacht“, erklärt Crispu. Schon ihre Eltern hatten beide bei Grundig gearbeitet, ihr ältester Sohn hat an der Grundig-Werkbank gelernt, der zweite ist noch dabei.
Jetzt hofft die Verkaufsberaterin, die im Showroom arbeitet, gleich auf einen dreifachen Befreiungsschlag: Die Mitarbeiter hätten Klarheit, für die rund 29 000 europaweiten Fachhändler gebe es ein klares Startsignal und auch die Kunden würden von einer erweiterten Produktpalette profitieren können.
Die vor drei Jahren in Nürnberg-Langwasser bezogene Unternehmenszentrale gibt Zeugnis früherer Größe. Das riesige Gelände mit über 200 000 m2 war einst das Herz der produzierenden Industrie in Deutschland – ausgestattet mit Gleisanschluss und Zufahrtswegen, die Platz für vier Lkws bieten. Heute findet sich hier kinderleicht ein Parkplatz.
Im ehemaligen Atriumbau der Werksleitung hat nun auf drei Etagen die Hauptverwaltung Einzug gehalten. Hinter dem Glaseingang präsentiert sich Grundig mit viel poliertem Stein – schnörkellos und nüchtern.
Attribute, die auch für Crispus Showroom gelten, wo Highlights in Technik und Design aufgebaut sind. Denn noch immer hat das Unternehmen Leckerbissen wie das Ausgängeschild Planatron zu bieten. Hinter dieser Eigenentwicklung verbirgt sich der erste Flachbildschirm, der u.?a. Audio- und Videosignale drahtlos empfängt. Der VGA-Monitor gilt als brillant und blickwinkelunabhängig. Das Soundsystem kann locker mit jeder Stereoanlage mithalten. Andere Highlights: das portable Entertainment-Center CarCine fürs Auto oder die Lkw-Boardgeräte für das kommende Mautsystem.
Enthusiasmus und Motivation hat auch Janina Broscheit bei den Mitarbeitern entdeckt. Die 24-jährige Studentin der Angewandten Medienwissenschaft absolviert seit November ihr erstes Praktikumssemester in der Pressestelle, in der trotz einer Flut von Anfragen gelassene Ruhe herrscht. Die Angst, dass ihr Ausflug in die Unternehmenswelt abrupt endet, ist gewichen.
Doch all der frisch gewonnene Optimismus in der Frankenmetropole darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass mit dem Verkauf der Grundig-Anteilsmehrheit an die Taiwaner ein Stück deutsche Wirtschaftswunder- und Industriegeschichte endet.
Der einstige Glanzlack der Grundig-Produktpalette „made in Germany“ ist weit gehend ab. Es ist kein Geheimnis, dass Sampo, ebenfalls ein Hersteller von Unterhaltungselektronik und Haushaltsgeräten, vor allem mit dem klangvollen Markennamen den europäischen Markt erschließen will. An Fertigungsstätten, etwa dem Bereich Car Audio in Portugal oder den Satellitenkopfstationen in Nürnberg-Langwasser, soll nicht gerüttelt werden.
Sampo-Komponenten, teils „made in China“, sollen die Fertigungskosten für Produkte mit dem Grundig-Label senken. Außerdem wollen die Taiwaner das Portfolio bei den LCD- und Plasma-Geräten, aber auch im Bereich Home Cinema ergänzen. Denkbar ist auch, Haushaltsgeräte über die vorhandenen Vertriebskanäle in den europäischen Markt zu bringen. Fest steht: Sampo, mit einem Umsatz von 1,4 Mrd. Dollar und rund 5400 Mitarbeitern, will mit seinem nicht bezifferten Engagement zum Global Player in der Branche aufsteigen. Bisher ist der Konzern hauptsächlich in Asien und Nordamerika am Markt präsent.
Chef-Controller Eckard Bauer wird seinen 50. Geburtstag am letzten Mittwoch nicht vergessen. Ein „Befreiungsschlag – selbst wenn es nur ein Durchatmen für den Moment ist.“ Und er weiß: „Viele Dinge müssen jetzt noch umgestellt werden.“ Zumal das prognostizierte Minus von 75 Mio. « in 2002 voraussichtlich überschritten wird.
Bauer war 1998 nach zehn Grundig-Jahren frustriert zur Electrolux-Gruppe gewechselt. Drei Jahre später, als der branchenerfahrene Hans-Peter Kohlhammer den Vorstandsvorsitz übernahm, ließ sich der dreifache Familienvater zur Rückkehr bewegen.
Als Chef-Controller kämpfte er gleich an mehreren Fronten mit. Kreditinstitute mussten von den Perspektiven überzeugt werden und gleichzeitig die Verhandlungen mit potenziellen Investoren sondiert und vorangetrieben werden. „Es war ein Riesenpuzzle mit unheimlich vielen Detailthemen, das wir schließlich doch zu einem Mosaikbild zusammengefügt haben.“
Wenn man die „erratischen Ausschläge“ im Laufe der verschiedensten Verhandlungen an sich heranlasse, bekomme man ein Magengeschwür, meint Bauer. Doch der ehemalige Fußballprofi bleibt gelassen.
Zu lange hätten viele Mitarbeiter bei Grundig auf das Gewicht der Marke vertraut und sich „vom Marktgeschehen abgekoppelt“. Ein erste Lektion von Sampo könne jetzt das „Making Money“ sein, meint der Chef-Controller. Denn es sei nicht nur entscheidend, dass man etwas mache, sondern damit auch Geld verdiene. THOMAS TJIANG
www.grundig.de

Geschichte eines Traditionsunternehmens
1930: Der 22-jährige Nürnberger Max Grundig eröffnet ein eigenes Radiogeschäft in Fürth.
1946: Da Radios den strengen Vorschriften der Alliierten unterliegen, setzt Grundig auf einen Radio-Baukasten. Denn: Ein Radio ohne Röhren ist kein Radio. Der Heinzelmann war geboren mit nur einem Kreis, für Kurz-, Mittel- und Langwelle und wird ein Bestseller.
1949: Das 150 000. Radiogerät läuft vom Band.
1950: In der neuen großen Montagehalle arbeiten 1000 Beschäftigte. Die Ultrakurzwelle UKW wird in Deutschland eingeführt. Grundig bringt den 380 W auf den Markt. Er hat sieben AM- und acht FM-Kreise.
1951: Für den Bau der ersten Fernsehempfänger entsteht eine neue Werkhalle. Grundig ist der größte Rundfunkgeräte-Hersteller Europas. Die Fürther Musiktruhen werden unentbehrlicher Bestandteil jeder Wohnzimmereinrichtung.
1967: Zum Start des Farbfernsehens bringt Grundig gleich eine ganze Serie von Geräten auf den Markt: Dabei ist zum Beispiel das T 1000 Gerät mit 18 Röhren, 23 Transistoren und 38 Dioden ausgestattet.
1980: Grundig rutscht mit 38 000 Mitarbeitern in die roten Zahlen.
1984: Der niederländische Philips-Konzern übernimmt von Max Grundig die unternehmerische Führung.
1989: Firmengründer Max Grundig stirbt im Alter von 81 Jahren.
1994: Das PALplus TV-Modell mit 16:9-Format geht in Serie. Eine kabellose Hi-Fi-Kombination mit Infrarottechnik kommt als Weltneuheit auf den Markt.
1997: Philips zieht sich nach Milliardenverlusten von seinem Engagement bei Grundig zurück. Ein Konsortium aus Finanzinstituten und dem Antennenhersteller Kathrein übernimmt 95 % an Grundig. 6114 Mitarbeiter, davon gut 3000 im Inland 2000: Umzug der Firmenzentrale nach Nürnberg.
2002: Um potenziellen Investoren entgegenzukommen verkauft Grundig die nach Wien ausgelagerte Fernsehproduktion, in der 85 % aller Grundig-TV-Geräte gefertigt wurden. Bilanz des Geschäftsjahrs 2001: Umsatz: 1,28 Mrd. € mit 150 Mio. € Verlust Mitarbeiter: 5383 Aktuelle Produkte: Flachbildschirme, Car-Audio, MP3-, DVD- und PVR-Geräte, Telematik-Geräte und Dect-Telefone u.a. Sie werden teils von Grundig entwickelt, teils zugekauft, selten aber gefertigt. tt

Von Torsten Thomas

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