Automobilelektronik 16.09.2005, 18:40 Uhr

Mit WLAN-Technik Unfälle vermeiden  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 16. 9. 05 – „Car-2-Car-Kommunikation ist einer der nächsten großen Innovationsschritte, um aktive Sicherheit zu realisieren.“ Bei Dr.-Ing. Karl-Oskar Proskawetz, im Gesamtzentrum für Verkehr Braunschweig (GZVB), laufen die Fäden des Car2Car Communication Consortium zusammen. Im folgenden Interview äußert er sich über den aktuellen Stand und die nächsten Ziele.

VDI nachrichten: Herr Proskawetz, in welcher Funktion und mit welchen Aufgaben sind Sie in das Car2Car-Konsortium involviert?

Proskawetz: Ich bin als Administrator des Konsortiums beauftragt und für alle Verwaltungs- und Organisationsaufgaben zuständig. Das heißt, ich setze alle Dinge um, die der Steuerkreis, bestehend aus je einem Vertreter der Konsortialpartner, beschließt.

VDI nachrichten: Was war der Grund dafür, dass man das GZVB für diese Aufgabe ausgewählt hat?

Proskawetz: Die Konsortialpartner wollten einen unabhängigen Koordinator, der zum einen im Bereich Telematik und Fahrzeug-Fahrzeug-Kommunikation inhaltlich fundierte Kenntnisse hat und zum anderen neutral agiert. Zudem pflegen wir bereits seit mehreren Jahren über Tagungen und F&E-Projekte Kontakte zu VW, Audi, BMW und DaimlerChrysler und wurden einem Vorschlag von VW folgend für diese Aufgabe ausgewählt.

VDI nachrichten: Wann wurde das Car2Car-Konsortium gegründet?

Proskawetz: Offiziell ist es seit etwas über einem Jahr aktiv.

VDI nachrichten: Können Sie bereits Ergebnisse nennen?

Proskawetz: Zurzeit gelangen erste Fahrerassistenzsysteme basierend auf Radar- und optischen Sensoren in die Fahrzeuge. Insofern kann man heute schon absehen, dass der nächste Schritt für aktive Sicherheitssysteme die vernetzte Kommunikation sein wird. Den Schwerpunkt bilden offene Standards für die Kommunikation und die Applikationen, damit sich die Fahrzeuge markenübergreifend untereinander verstehen können. Die Funktionsweise der Applikationen muss unabhängig von den unterschiedlichen Ausprägungen des Mensch-Maschine-Interface eines jeden Herstellers identisch sein, um die angestrebte höhere Verkehrssicherheit und Verkehrseffizienz erreichen zu können. Das Konsortium arbeitet derzeit außerdem daran, die Zuweisung für ein einheitliches europäisches Frequenzband zu erhalten. Das Frequenzband stellt eine notwendige Grundvoraussetzung für zukünftige Fahrzeug-Fahrzeug-Kommunikationssysteme dar. In Japan und USA sind entsprechende Frequenzbänder bereits reserviert.

VDI nachrichten: Was wird Herzstück einer funktionierenden Car-2-Car-Komunikation sein?

Proskawetz: Die Fahrzeug-Fahrzeug-Kommunikation ist ein dezentrales System, welches lokal bis zu etwa 300 m um das Fahrzeug herum kommunizieren kann. Ergo braucht man andere Fahrzeuge in der Nähe, mit denen bestimmte Informationen ausgetauscht werden können, um einen Mehrwert für den Fahrer zu generieren. Statistisch gesehen ist für die ersten funktionierenden Anwendungen ein Durchdringungsgrad von mindestens fünf bis zehn Prozent im Markt notwendig.

VDI nachrichten: Welche Technik ist für ein perfekt funktionierendes System nötig?

Proskawetz: Die Grundlage wird ein WLAN-System bilden, ähnlich wie es bereits heute beispielsweise für Laptops verfügbar ist. In den USA wurde für die Fahrzeug-Fahrzeug-Kommunikation der IEEE 802.11 Standard vorgeschlagen. Dem wollen sich die europäischen Hersteller anschließen. Erste Versuche haben gezeigt, dass es ein brauchbarer Standard für die Fahrzeug-Fahrzeug-Applikation sein könnte. Angestrebt wird hierbei ein europäischer Frequenzbereich bei 5,9 GHz.

VDI nachrichten: Womit die Voraussetzungen geschaffen wären, damit Informationen in und aus einem Fahrzeug gelangen können?

Proskawetz: Das WLAN-System kann Daten des Fahrzeuges im Umkreis von ca. 300 m mit anderen Fahrzeugen austauschen. Eine größere Reichweite der Informationen lässt sich dadurch realisieren, dass Fahrzeuge Daten zwischenspeichern und durch ihre Weiterfahrt transportieren, bis sie an das nächste Partner-Fahrzeug weitergegeben werden können. Damit lässt sich die Reichweite vervielfachen und der Informationstransfer binnen kurzer Zeit zu nachfolgenden sowie entgegenkommenden Fahrzeugen sicherstellen. Durch Fahrzeug-Fahrzeug-Kommunikation lassen sich zukünftig eine Vielzahl an Unfällen wie beispielsweise Auffahrunfälle von Lkws, die ungebremst in ein Stauende fahren, vermeiden.

VDI nachrichten: Welche weiteren technischen Applikationen sind wichtig?

Proskawetz: Das eine ist das Kommunikationssystem, das nötig ist, damit die Daten zwischen den Fahrzeugen ausgetauscht werden können. Das zweite sind Applikationen, die definiert und deren sauberes Datenmanagement organisiert werden muss. Die Daten müssen mit anderen im Fahrzeug verfügbaren Informationen fusioniert, gefiltert und aufbereitet werden. Hier muss noch viel Arbeit investiert werden.

VDI nachrichten: Lassen sich vorhandene Datennetzwerke in aktuellen Automobilen nutzen?

Proskawetz: Ja, die Fahrzeuge verfügen ja heute schon über einen hohen internen Vernetzungsgrad. Assistenzsysteme haben bereits Zugriff auf Sensordaten von ABS, ESP etc. und können, wenn das Fahrzeug über eine Radar-Geschwindigkeitsregelanlage verfügt, auch diese Informationen nutzen. Daraus werden Zustandsinformationen über das lokale Verkehrsumfeld und mögliche Gefahren extrahiert, die auch an andere Fahrzeuge weitergegeben werden können. Wenn beispielsweise ein Fahrer plötzlich bremsen muss und das auch andere Fahrzeuge in der gleichen Verkehrsumgebung tun, wird diese Information verdichtet und entsprechend weitergegeben, damit andere Fahrer vor der möglichen Gefahrenstelle gewarnt werden.

VDI nachrichten: Wie gelangt der Fahrer an die Informationen?

Proskawetz: Die Ausprägungen der Fahrerassistenzsysteme werden sicherlich von Hersteller zu Hersteller unterschiedlich sein. Dafür gibt es prinzipiell unterschiedliche Möglichkeiten: Ein Verkehrsstau lässt sich beispielsweise auch zukünftig in der normalen Navigationskarte auf dem bekannten Display anzeigen – nur eben viel schneller, aktueller und detaillierter als es zurzeit auf Basis von radiobasierten Informationen möglich ist. Darüber hinaus können situationsabhängig auch akustische und haptische Rückmeldungen für den Fahrer genutzt werden. Das kann bis hin zur Auslösung einer automatischen Notbremsung bei einem nicht mehr vermeidbaren Unfall gehen, wenn das entsprechende Sicherheitssystem des Fahrzeugs aktiviert ist. Doch vor der Aktivierung einer solchen Notbremsung wird es sicherlich mehrere Zwischenstufen von der Information über Warnung bis hin zur Assistenz geben. Die Art und Weise, wie die einzelnen Autohersteller diese Fahrerschnittstelle implementieren, wird natürlich unterschiedlich sein und der Produktdifferenzierung dienen.

VDI nachrichten: Wie hoch ist der Stellenwert für die Car-2-Car-Kommunikation im Vergleich zu anderen Entwicklungsprojekten in der Automobilindustrie?

Proskawetz: Sehr hoch, weil die Car-2-Car-Kommunikation einen der nächsten großen Innovationsschritte darstellt, um aktive Sicherheit im Straßenverkehr zu realisieren. Deshalb bringen alle Mitglieder des Konsortiums bereitwillig beachtliche Entwicklungsleistungen in das Konsortium ein und zahlen darüber hinaus auch Jahresbeiträge.

VDI nachrichten: Wann glauben Sie gelangt die Car-2-Car-Kommunikation auf den Markt?

Proskawetz: Zurzeit sind hauptsächlich die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Autohersteller involviert, die notwendigen Standards zu entwickeln, diese in die Standardisierungsgremien einzubringen und die Funktionsfähigkeit des Systems firmenübergreifend zu demonstrieren. Daraus kann man einen Zeitstrahl ableiten, der eine Markteinführung frühestens in fünf bis zehn Jahren erwarten lässt. Bislang gibt es noch kein Frequenzband für Europa. Die Standardvorschläge sind noch zu erstellen, und müssen durch die relevanten Gremien harmonisiert und beschlossen werden.

VDI nachrichten: Welche Zulieferer sind in das Car-2-Car-Projekt involviert?

Proskawetz: Im Moment sind bereits erste von den OEMs direkt beauftragte Zulieferer beteiligt. In der nächsten Stufe sollen aber weitere Zulieferer in das Konsortium aufgenommen werden. Dies werden vornehmlich Elektronikzulieferer sein, die über die notwendigen Kompetenzen zur Entwicklung von Assistenz- und Kommunikationssystemen verfügen und auch wertvolle Beiträge zur Definition der Systeme und zur Erstellung der offenen Standards leisten können. Welche Zulieferer das genau sein werden, liegt in der Entscheidungskompetenz des Konsortiums.

VDI nachrichten: Wie intensiv wird die Möglichkeit von Zugriffen von außen auf Fahrzeuge mit einem Car-2-Car2-System diskutiert?

Proskawetz: Diese Möglichkeit wird tatsächlich intensiv diskutiert und die Experten des Konsortiums erarbeiten bereits Lösungskonzepte. Zum Thema Security sind auch ausgewählte Forschungspartner gefragt, um die richtigen Konzepte zu entwickeln, die einen Zugriff von außen genügend absichern. Dieser Aspekt stellt sicherlich noch eine Herausforderung dar, für die ein effizientes Bündel technischer, organisatorischer und rechtlicher Maßnahmen erforderlich sein wird.

JENS BÜCHLING

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